Neun Tennis-Profis bei den US Open mit Nachwuchs Der Marsch der Mütter

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Zvetana Pironkova steht nach dreijähriger Tennis-Pause bei den US Open im Viertelfinale. Sie ist nicht die einzige Mutter im Starterfeld des Grand-Slam-Turniers, wie unsere Bildergalerie belegt.

Zvetana Pironkova suchte nach der Geburt ihres Sohnes eine neue, alte Herausforderung und lehrte nach drei Jahren Pause 2020 auf den Court zurück. Foto: imago 9 Bilder
Zvetana Pironkova suchte nach der Geburt ihres Sohnes eine neue, alte Herausforderung und lehrte nach drei Jahren Pause 2020 auf den Court zurück. Foto: imago

New York/Stuttgart - Sie ist das, was viele bei den US Open ein „Dark Horse“ nennen, ein dunkles Pferd. In Deutschland heißen solche Sportler „Wundertüte“, weil kaum jemand ausloten kann, zu was sie fähig sind. Nicht einmal diese Menschen selbst. Sie können sang- und klanglos nahezu unbemerkt zur Hintertür rausmarschieren, aber genauso gut strahlend im Blitzlichtgewitter der Fotografen posieren. Zvetana Pironkova ist so eine Wundertüte, so ein dunkles Pferd.

Die Bulgarin, die am Sonntag 33 wird, steht ziemlich überraschend im Viertelfinale, in dem sie an diesem Mittwoch auf Topfavoritin Serena Williams trifft. Pironkova ist jedoch als Favoritenschreck bekannt. Kolleginnen, die sich unter den Top-25 der Welt sonnen, stellt sie, seit sie von 2005 an auf der Profitour mitmischt, immer wieder gerne ein Ticket für die Heimreise aus. In New York schickte sie in Runde zwei die Spanierin Garbine Muguruza (Nr. 16) und in Runde drei die Kroatin Donna Vekic (Nr. 24) nach Hause. Für eine Nummer 123 der Welt eine höchst vorzeigbare Bilanz.

Diesen Platz verdankt sie einer neuen Regel auf der WTA-Tour, man kann sie als Mütter-Novelle bezeichnen. Sie besagt, dass eine Frau nach einer Babypause dort geführt wird, wo sie vor der Geburt des Kindes platziert war, und dass sie mit diesem Ranking bei zwölf Turnieren (inklusive zwei Grand Slams) anheuern darf. Eine neue Gesellschaftsordnung im Tennis, davor mussten sich junge Mütter durch Hinterhof-Turniere und Qualifikationen quälen, weil sie in der Weltrangliste nach über einjähriger Abstinenz nicht mehr vorhanden waren, was die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie zementierte – in dieser Zeit flossen keine Prämien, oft zogen sich Sponsoren zurück, so dass sich viele die Schwangerschaft für den Lebensabschnitt 35 plus aufsparten.

Kinderhorte gehören auf der WTA-Tor nun dazu

Fast drei Jahre hat Zvetana Pironkova das Racket nur zum Zeitvertreib in die Hand genommen, nachdem sie sich im Sommer 2017 wegen einer Verletzung vom Tenniszirkus zurückgezogen hat und im Frühjahr 2018 Mutter von Alexander geworden ist. „Ich wollte mir die Zeit nehmen“, erzählt sie, „diese Erfahrung voll auszukosten. Ich war davor mehr als zehn Jahre dauernd unterwegs, ich war müde.“ Die Bulgarin ist nicht die einzige Mama in New York, auch Serena Williams und Victoria Asarenka kennen Muttergefühle – und stehen wie Pironkova im Viertelfinale von Flushing Meadows, wo eine Revolution der Mütter auf dem Courts beginnt. „Mein Leben hat erst begonnen, als ich Mutter wurde“, betonte Asarenka, „es hört nicht auf – man darf als Mutter berufliche Träume und Ziele haben.“

„Dass Serena als Mutter zurückgekommen ist, hat uns allen sehr geholfen“, verdeutlicht Tatjana Maria (33) aus dem oberschwäbischen Bad Saulgau, die mit ihrer sechsjährigen Tochter Charlotte um die Welt reist, die in New York beim Marsch der Mütter auf den Titel bei den US Open jedoch bereits in der ersten Runde ausgeschieden ist. Nicht nur das Reglement wurde familienfreundlicher, rund um die Turniere richtete die WTA Kinderhorte mit professioneller Betreuung ein. In New York werden auf manchen Plätzen auf Leinwänden neben dem Spielfeld Freunde oder Familienmitglieder der Spielerinnen gezeigt. „Mein Sohn hat meine Partien gesehen und mich angefeuert“, erzählt Pironkova, „ich habe später Videos davon gesehen.“ Alexander ist nicht mit dabei in New York, während der Corona-Pandemie geht die Sicherheit und die Gesundheit vor. Serena Williams’ Tochter Alexis Olympia (3) dagegen ist mit von der Partie, wenn Mama arbeiten geht.

Pironkova versuchte sich als Unternehmerin

Pironkova hat sich in den drei Jahren Tennis-Abstinenz nicht nur um das Wohl ihres Sohnes gekümmert, sie gründete das Unternehmen Pironec, das Wohlfühlklamotten für Sportlerinnen herstellt. Auch der Sportartikelgigant Nike hat diese Marktlücke erkannt und will noch in diesem Jahr eine Schwangerschaftskollektion für Sportlerinnen auf den Markt bringen. Entgegen der ursprünglichen Lebensplanung wurde der Bulgarin das Dasein als Mutter und Unternehmerin doch zu eindimensional, ihr Herz und ihr Geist verlangten nach einer neuen, alten Herausforderung: ein Duell auf dem Tennis-Court. „Ich dachte irgendwann: Das kann noch nicht alles gewesen sein im Tennis“, erzählt die knapp 33-Jährige, „da habe ich die Herausforderung angenommen und mein Comeback geplant.“

Pironkova begann wieder mit dem Training, unterstützt von ihrem Bruder, der in New York als familiäre Unterstützung an ihrer Seite ist. Nun kommt es zum Duell der Mütter mit Serena Williams – und ganz gleich, wie es endet, Zvetana Pironkova ist mit ihrem Leben rundum glücklich. Mit Sohn und mit Tennis. „Ich kann sagen: Das Comeback hat sich in jedem Fall gelohnt.“

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