Neuroforschung Der ultmative Groove

Gegen den Rhythmus kann sich niemand wehren. Foto: Fotolia
Gegen den Rhythmus kann sich niemand wehren. Foto: Fotolia

Forscher versuchen herauszufinden, warum wir bei bestimmten Songs nicht mehr still sitzen können. Sie nennen das den ultimativen Groove. Dieser ist angeboren, meinen Experten.

Stuttgart - Ein starr dasitzender Schlagzeuger, das ist nicht nur ziemlich unvorstellbar, sondern es ist unmöglich so Musik zu machen. Der Rhythmus kommt aus seinem Körper. Körperregulation nennen die Musiker dieses Prinzip, das dabei hilft, den Takt zu wahren.

Musik bewegt den Menschen, schon als Kind. Neugeborene reagieren auf rhythmische Veränderungen in der Musik, bemerkte der Psychologe Istvan Winkler von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest. Er spielte vierzehn Neugeborenen im Schlaf über Kopfhörer eine rockige Komposition aus Trommel, Bass und Schlagzeug vor. Ließ er den ersten betonten Schlag im Rhythmus weg, reagierten die Kleinen mit veränderten Hirnströmen. Der Forscher leitet daraus ab, dass die Babys die rhythmische Struktur wahrnehmen und ihre Wiederkehr erwarten. Wenn diese Erwartung sich nicht erfüllt, reagiert ihr Gehirn. Allerdings reagierten die Neugeborenen nicht auf andere, subtilere Veränderungen des Rhythmus. Doch für Winkler ist klar, dass das Gehör für Musik deshalb angeboren ist und nicht erst im Laufe des Lebens erworben wird.

Lange bevor Kinder laufen lernen, können sie Arme und Beine zur Musik bewegen. Das belegt auch Marcel Zentners Studie an 120 Säuglingen. Er spielte Kindern klassische Kompositionen, Trommelmusik und eine Sprachaufnahme vor. Zur Musik wippten die Kleinen mit den Armen und Beinen und waren dabei öfter als zufällig im Takt. Beschleunigte sich der Rhythmus strampelten sie ebenfalls schneller. Und offensichtlich spürten die Babys, wenn sie sich synchron zu Musik bewegten. Dann lächelten sie oftmals, so Marcel Zentner von der britischen Universität von York und sein finnischer Kollege Tuomas Eerola.

Bis ins Erwachsenenalter bleibt der Impuls sich beim Lauschen von Musik zu bewegen. Neurobiologisch ist das naheliegend. „Das auditorische System hat sich aus dem Gleichgewichtssystem und damit aus einem Bewegungssystem entwickelt“, sagte der Musikpsychologe Stefan Kölsch vom Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften. Viele Nervenfasern des Gleichgewichtssystems reagieren unmittelbar auf auditorische Reize. Das kann erklären, weshalb wir fast unwillkürlich mit dem Fuß wippen, wenn wir Musik hören. Auch in Hirnscans wird offensichtlich, dass Musik immer bewegt. Sie aktiviert stets auch die motorischen Areale, auch wenn der Proband still im Magnetresonanztomografen liegt.

Der Bewegungsdrang ist individuell

„Wir haben auch nur in unserer Kultur das merkwürdige Phänomen, dass Menschen still dasitzen und Musik und Tanz konsumieren. In anderen, vor allem afrikanischen Kulturen gibt es manchmal nicht einmal andere Wörter für Tanz, Sprache und Musik“, erklärt Kölsch. Und doch ist der Drang sich zu bewegen individuell unterschiedlich. Dem einen kribbelt es bei aktuellen Hits in den Füßen und der andere kann beim Donauwalzer nicht mehr still sitzen. Die Forscher sprechen vom ultimativen Groove, der individuell unterschiedlich ist. Musik grooved umso mehr, je besser sie uns gefällt und je klarer wir den Rhythmus heraushören und uns dazu bewegen können, entdeckte Petr Janata vom Center of Mind and Brain an der University of California in Davis. „Je grooviger wir die Musik finden, desto leichter fällt es uns, uns im Rhythmus zu bewegen“, bestätigt die Hirn- und Musikforscherin Jessica Grahn von Western University, in London, Ontario in einer Untersuchung und „desto längere und schnellere Schritte machen wir dazu“.

Doch Rhythmus alleine reicht für den ultimativen Groove nicht. Ein monotones Raka-taka-raka-taka-tak wäre selbst dem gutmütigsten Zuhörer auf Dauer zu monoton. Was Musik für unsere Ohren betörend macht, sei immer noch Gegenstand laufender Forschung, stellt Sofia Dahl, Rhythmusforscherin von der Aalborg Universität in Kopenhagen, klar. Aber auf Ebene der rhythmischen Struktur braucht es klar wiederkehrende Elemente, die unser Gehirn dazu anregen, exakt dieses Muster zu erwarten und dann aber den überraschenden Bruch mit diesem Muster durch Synkopierung, also durch andersartige Betonung des Rhythmus. „Der Bruch mit der Erwartungshaltung versetzt uns in eine Art kurzzeitigen Rausch, das mögen wir“, so Dahl. Im Elektroenzephalogramm, also in der Aufzeichnung der Hirnströme, ist er als deutlicher Ausschlag zu sehen.

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