Neurologie Süchtig nach der großen Liebe

Von Tanja Krämer 


Schuld an der veränderten Wahrnehmung des Geliebten ist auch ein besonderer Cocktail aus Hormonen und Neurotransmittern, der bei Verliebten im Gehirn ausgeschüttet werden. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Dopamin. Der Neurotransmitter, den viele als das Glückshormon kennen, bringt ein gutes Gefühl und wird mit Belohnung, Euphorie, aber auch Suchterkrankungen assoziiert. Tatsächlich stellten Zeki und Bartels bei ihren Studien fest, dass Verliebte oder Liebende im Gehirn ähnlich auf die Bilder ihrer Liebsten reagieren wie Kokainsüchtige oder Alkoholkranke auf ein Bild ihrer Droge. "Wenn man die Daten interpretiert, kann man die Liebe durchaus mit einer Obsession oder Sucht vergleichen", sagt Andreas Bartels, der heute am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen arbeitet.

Bindungshormone werden ausgeschüttet


Wie Süchtige auf Entzug reagieren nach Ansicht von Helen Fisher auch Liebende, wenn sie verlassen werden: Sie durchleiden Schmerzen und versuchen intensiv, den geliebten Partner zurückzugewinnen. Denn bei Liebenden, die verlassen wurden, ist das Belohnungszentrum noch immer aktiv, wie Fisher kürzlich an Hirnscans von verlassenen Partnern nachweisen konnte: "Das Belohnungssystem für Begehren, für Wünsche wird aktiver, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen", sagt Fisher. Neben dem Dopamin spielen noch zwei weitere Hormone eine wichtige Rolle: Vasopressin und Oxytocin werden bei Verliebten ebenfalls verstärkt ausgeschüttet. Beide gelten als Bindungshormone. Vasopressin ist in dieser Funktion bisher hauptsächlich bei Tieren untersucht worden. Dort wird ein Zusammenhang mit der Bindungsfähigkeit bei Männchen vermutet.

Besser verstanden ist die Funktion von Oxytocin. Das Hormon mindert Angst und Stress und trägt dazu bei, das wir anderen vertrauen. Außerdem führt es zu der innigen Nähe von Eltern und Kindern und ist verantwortlich für die Bindung von Paaren. Es wird verstärkt ausgeschüttet, wenn Mütter ihre Kinder stillen, wenn wir angenehme Berührungen oder einen Orgasmus erleben - oder in die Augen eines geliebten Menschen schauen. "Man geht davon aus, dass Oxytocin eine gewisse Lernfähigkeit auslöst, die aber spezifisch ist für soziales Lernen", sagt Bartels. Dabei gebe es ein Zusammenspiel mit dem Glückshormon Dopamin: "Das Kind oder der Partner wird positiv assoziiert, löst im Gehirn eine Belohnung aus und man bindet sich an das Individuum."

"Liebe ist ein Bedürfnis wie Hunger oder Durst"


Nach welchen Kriterien wir die Menschen auswählen, in die wir uns verlieben, konnten die Wissenschaftler bis jetzt nicht klären. Sicher ist nur: romantische Liebe ist ein biologischer Mechanismus, der uns hilft, langfristige Partnerschaften einzugehen und unsere Kinder groß zu ziehen. "Liebe ist ein Bedürfnis, ein Drang wie Hunger oder Durst", sagt Helen Fisher. "Es ist unmöglich, sie auszumerzen."

Die Liebe - reduziert auf evolutionäre Aufgaben, Hormonschübe und Hirnaktivitäten: entzaubern die Forscher mit ihren Studien etwa das schönste Gefühl auf der Erde? Andreas Bartels zumindest glaubt weiterhin an die Magie der Liebe: "Die Empfindung wird nicht dadurch beeinträchtigt, dass man weiß, wie sie entsteht", sagt er. "Uns würde auch ein Picasso-Werk nicht weniger faszinieren, wenn wir sehen würden, wie er es gemalt hat."