Neuseeland ist Vorreiter Mit diesem Trick wird Autisten das Einkaufen leicht gemacht

Zur „Stillen Stunde“ kann Autistin Grade Redditt entspannter im Supermarkt einkaufen als sonst. Foto: Melanie Maier

Ohne Musik und grelle Lichter einkaufen: Das würde Menschen mit Autismus den Alltag erleichtern. Eine Supermarktkette in Neuseeland hat deshalb eine „Stille Stunde“ eingeführt. Kommt das jetzt auch in Deutschland?

Christchurch - Normalerweise betritt sie den Supermarkt kurz vor Ladenschluss. Um halb zehn Uhr abends schieben nur noch wenige Menschen ihre Wagen durch die Gänge. Grace Redditt legt ein Produkt nach dem anderen in ihren Korb – sie weiß genau, was wo liegt. „Nach fünf Minuten bin ich wieder draußen“, sagt sie. Redditt ist Autistin. Und wie vielen anderen Betroffenen sind ihr die Eindrücke im Supermarkt zu viel.

 

Die laute Musik, das Gedränge, das grelle Licht der Neonröhren, das sich auf dem Boden spiegelt: All das führt bei der 33-Jährigen dazu, dass sie irgendwann komplett abschaltet. „Diese Masse an Sinneseindrücken überfordert die meisten Menschen im Autismus-Spektrum“, erklärt Fabian Diekmann vom Verband autismus Deutschland. „Die extreme Reizüberflutung führt schnell zu einer Reizdeprivation: Ab einem gewissen Zeitpunkt kann nichts mehr wirklich wahrgenommen werden.“ Purer Stress.

Gedimmtes Licht, keine Musik, Durchsagen nur im Notfall

Um den Stress zu lindern hat Countdown, Neuseelands größte Supermarktkette, nun eine „Stille Stunde“ eingeführt. Jeden Mittwoch von 14.30 bis 15.30 Uhr dimmen die Angestellten das Licht und stellen die Musik ab. Sie räumen keine Waren ein, Durchsagen erfolgen nur im Notfall. Die Idee dazu hatte eine Mitarbeiterin mit autistischem Sohn. Das Konzept wurde zusammen mit dem neuseeländischen Autismus-Verband entwickelt. 2018 wurde es probeweise an einigen Orten eingeführt, inzwischen haben 178 von 180 Filialen eine „Quiet Hour“.

Neben Neuseeland ist man auch in Ländern wie Großbritannien, Polen und Australien auf die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit Autismus beim Einkaufen aufmerksam geworden. Autismus-Experte Fabian Diekmann fragt sich, warum in Deutschland noch niemand auf die Idee gekommen ist, etwas in dieser Richtung einzuführen. Mit einer Ruhephase könnten die Supermarkt-Betreiber ihren Kunden ohne großen Aufwand etwas Gutes tun, ihr Image verbessern und dabei Geld sparen: „Mein Gefühl sagt, da haben viele etwas davon.“

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In der Praxis wird die „Stille Stunde“ in den neuseeländischen Märkten mal mehr, mal weniger konsequent umgesetzt. In einer Countdown-Filiale in Christchurch, der zweitgrößten Stadt Neuseelands, läuft um 15 Uhr leise Musik, die Lampen strahlen von der Decke. „Ehrlich gesagt bemerke ich keinen Unterschied zu den normalen Einkaufszeiten. Ich glaube, heute haben die Mitarbeiter vergessen, die Lichter zu dimmen und die Musik auszuschalten“, sagt Redditt.

Die 33-Jährige steht vor einer Auslage mit Angeboten: ein Berg bunter Plastikverpackungen, der das helle Licht reflektiert. Ihr langes, blau gefärbtes Haar trägt Redditt zu einem Zopf geflochten unter einem breitkrempigen Filzhut. Er soll sie vor dem Licht schützen. Für gewöhnlich trägt sie zum Einkaufen zudem Ohrstöpsel, um die Geräusche auszublenden. „Ich lasse mich sehr leicht ablenken“, sagt sie. Am liebsten würde sie deshalb noch eine Sonnenbrille tragen, doch damit hat sie schlechte Erfahrungen gemacht: mit Leuten, die sie misstrauisch beobachten und fragen, ob es ihr gut gehe.

Das Verständnis für autistische Personen sei noch nicht verbreitet, meint Redditt. Auch deshalb freut sie sich über die „Stille Stunde“. „Es ist schön zu sehen, dass andere über uns nachdenken“, sagt sie. „Jeder Schritt in diese Richtung zählt.“

„Es ist schön zu sehen, dass andere über uns nachdenken.“

Man kann nicht auf den ersten Blick erkennen, mit welchen Herausforderungen es Menschen mit Autismus, Angststörungen oder psychischen Erkrankungen im Alltag zu tun haben. Deshalb ist auch von „unsichtbaren Behinderungen“ die Rede. Dass ein Rollstuhlfahrer abgesenkte Bordsteine braucht, leuchtet sofort ein. Dass eine Person mit Asperger-Syndrom es nicht schafft, in den Supermarkt zu gehen, können Außenstehende nicht so leicht nachvollziehen.

In einem Café neben dem Supermarkt erzählt Redditt, wie es ist, als Autistin aufzuwachsen. Wieder blenden sie die Lichter. Obwohl die Fenster bis zum Boden reichen, die Sonne scheint, leuchten alle Lampen. „Ich verstehe das nicht“, sagt sie. „Es ist doch hell genug. Das zusätzliche Licht kostet nur Geld und ist schlecht für die Umwelt.“

Deutsche Supermärkte planen keine „Stille Stunde“

Die Probleme, die Redditt im Alltag hat, kennt auch Lena aus Ostfildern (Kreis Esslingen). Die 30-jährige Ergotherapeutin hat das Asperger-Syndrom. Im Supermarkt sei sie tendenziell überfordert, sagt sie. Besonders die große Auswahl strengt an. „Ich gehe selten aus dem Haus, ohne mir vorher genau überlegt zu haben, was ich einkaufen möchte“, sagt sie. Wenn dann aber nicht zwei, sondern fünf Tomatensorten nebeneinander liegen, fällt es ihr schwer, sich zu entscheiden. In kleinere Läden geht Lena trotzdem selten. Dort fühlt sie sich eingeengt.

Online-Shopping könnte für Lena und andere Betroffene die Lösung sein, aber noch ist nicht alles jederzeit verfügbar. Derzeit plant in Deutschland allerdings niemand eine „Stille Stunde“ – zumindest nicht die großen Ketten. Ein Pressesprecher von Edeka Südwest erklärt, die Mehrzahl der Märkte werde von selbstständigen Kaufleuten betrieben. Diese würden eigenständig über das Angebot und die Services in ihren Märkten entscheiden. Aldi Süd gibt an, auf Hintergrundmusik zu verzichten.

Von Rewe heißt es, dass grundsätzlich alle Entwicklungen innerhalb der Branche beobachtet würden: „Auch vor dem Hintergrund, ob sich die Tests der Wettbewerber in der Praxis bewähren, dauerhaft etablieren und auf breite Kundenakzeptanz treffen.“ Anschließend würde geprüft, inwieweit es Bedarf in Deutschland gebe und ob sich das Konzept auf die eigenen Unternehmensstrukturen übertragen lasse. Bis eine „Stille Stunde“ hierzulande eingeführt wird, könnte es also noch eine Weile dauern.

Parkplätze direkt vor der Eingangstür

In Neuseeland ist man weiter, doch Redditt vermisst die direkte Kommunikation: „Viele Unternehmen arbeiten mit Wohltätigkeitsorganisationen oder Eltern autistischer Kinder zusammen, statt mit autistischen Erwachsenen. Manchmal werden dabei Entscheidungen gefällt, die an unseren Bedürfnissen vorbeigehen.“ Wichtiger als die Musik auszuschalten oder gedimmtes Licht wären ihr Parkplätze für Menschen mit unsichtbaren Behinderungen am Eingang. „Wenn ich wüsste, dass ich sicher einen Parkplatz und später mein Auto wieder finde, würde das viel von meiner Anspannung wegnehmen.“ Daneben wünscht sie sich, dass Waren dauerhaft an einem Platz bleiben, da sie sie sonst nicht mehr findet.

Kiri Hannifin, die bei Countdown für die Themen Sicherheit und Nachhaltigkeit zuständig ist, berichtet von positiven Rückmeldungen nicht nur aus der Autismus-Gemeinschaft, sondern auch von anderen, die sich im Supermarkt schnell gestresst fühlen. „Wir wissen, dass der Einkauf von Lebensmitteln für manche Menschen eine angstauslösende Erfahrung sein kann“, sagt sie.

Redditt hofft, dass Projekte wie die „Stille Stunde“ bald auch in anderen Bereichen Einzug halten. In Großbritannien, wo sie fünf Jahre lang gelebt hat, verfügen die meisten Flughäfen bereits über Ruhebereiche und spezielle Durchgänge für Menschen mit unsichtbaren Behinderungen. In einigen Kinos gebe es Sondervorstellungen. „Kleine Dinge wie diese können einen großen Unterschied ausmachen“, betont sie.

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