Neustart am Theater Rampe Alles für alle – und zwar sofort!

Das neue Leitungstrio: Ilona Schaal, Lisa Tuyala, Bastian Sistig (von links) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Rampe in Stuttgart war schon immer ein besonderer Theaterort – daran will auch das neue dreiköpfige Leitungsteam nicht rütteln. Was planen die Theatermacher für die kommende Spielzeit? Und wie feiern sie Eröffnung?

Gute Unterhaltung ist eine Frage der Perspektive und auch, was man aus ihr macht. Das Theater Rampe hat in den vergangenen zehn Jahren unter der Leitung von Martina Grohmann und Marie Bues eigene Ideen davon entwickelt, wie gute Unterhaltung aussehen kann.

 

Es ging um politische Bezüge, um Fragen zur Teilhabe, besonders von Menschen, die in herkömmlichen Theaterbetrieben seltener vorkommen – sowohl in Leitungsfunktionen als auch im Publikum. Statt kanonischer Werke und bekannter Dichter gab es Uraufführungen aktueller Autoren und Performerinnen zu sehen. Statt der ewigen großen Fragen waren konkrete Probleme aus dem Hier und Jetzt Thema; ein neu interpretierter Feminismus, zum Beispiel, und die Verortung von Menschen verschiedener Hautfarben und Geschlechteridentitäten in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft.

Eine Nirvana-Songzeile als Leitsatz für die neue Spielzeit

Mit dieser Arbeit hat die Rampe Aufmerksamkeit erregt, auch überregional. Diese Ausrichtung wird nun auch das kommende dreiköpfige Leitungsteam bestehend aus Bastian Sistig, Lisa Tuyala und Ilona Schaal ab der Spielzeit 2023/2024 weiterverfolgen – mit eigenen Schwerpunkten. „With the lights out/ it’s less dangerous. Here we are now/ entertain us“ ist die Vorstellung der Spielzeitplanung überschrieben. „Mit gelöschtem Licht ist es weniger gefährlich. Hier sind wir nun, haben Spaß“, lauten die Zeilen aus der bitteren 90er-Jahre-Kulthymne „Smells like Teen Spirit“ der Band Nirvana, deren Sänger und Songtexter Kurt Cobain sich 1994 das Leben nahm und im Song die Vereinnahmung lebendiger Sub- und Gegenkultur durch die profitorientierte Kulturindustrie anprangerte.

„Wir wollen rein in die Gesellschaft“

Anders als die zitierte amerikanische Band versteht sich das neue Leitungsteam allerdings nicht als Teil einer gegenkulturellen Bewegung und zeigt sich beim ersten Beschnuppern mit der Stuttgarter Presse sanft, freundlich und fast ein bisschen schüchtern. „Wir wollen eher rein in die Gesellschaft“, sagt Lisa Tuyala. Ihr Ziel der kommenden Arbeit: einen niemals endenden Veränderungsprozess voranzutreiben, nicht gegen etwas sein. Die Rampe versteht sie als „Gesamtkunstwerk“ aus Performances, Musik und Tanz. Es wird um Verteilungsfragen gehen, erklärt ihr Kollege Bastian Sistig, darum, wer Zugang hat zu Ressourcen, Sicherheit, Geld, Daten, Liebe. Und auch um Fragen zur sozialen Klasse.

Wer heißt hier eigentlich wen willkommen?

Eröffnet wird die neue Rampe mit einem kosten- und damit barrierefreien Festakt am 13. Oktober, gemäß dem Motto „Alles für alle, und zwar sofort“. Das Ritual des Willkommenheißens drehen die drei Theatermacher um: „Wer heißt hier wen willkommen und zu welcher Art von Unterhaltung?“ will das Team wissen und verweist auf die aktive Rolle des Publikums, das neue Künstler und neue Ideen in seiner Nachbarschaft begrüßt.

Der partizipative Gedanke ist deshalb bei der Eröffnung allgegenwärtig. Beim „Question Project“, einer Kooperation des mexikanisch-chilenischen Kollektivs Mil M2 mit dem Volkstheater Rampe, stellen die Performer Fragen zu Umverteilungen im öffentlichen Raum, während beim gemeinsamen Work-out im Fitnessstudio „Colonastics“ von Joana Tischkau und Elisabeth Hampe das Publikum am eigenen Leib erfährt, wie sich koloniales Erbe auf Körper auswirkt.

Wiedersehen mit alten Bekannten

Neben neuen Namen und Gesichtern gibt es auch ein Wiedersehen mit alten Bekannten, wenn etwa die Performerin Nana Hülsewig am Eröffnungswochenende auftritt. Zuletzt war Hülsewig an der Rampe mit ihrer feministischen Popband Amöben aufgetreten. Neben lokalen Akteurinnen und Akteuren möchte das Team überregionale und internationale Künstler ans Haus holen.

Die Mitglieder des Kollektivs Para kommen aus Hamburg, Leipzig und Frankfurt am Main und werden sich unterm Titel „Feed the Rich“ in einem Stuttgarter Pop-up-Raum mit der Fermentierung von Spitzkohl von der Filderebene sowie mit dem Thema des Klassenkampfes auseinandersetzen. Um Klassen geht es auch in der alljährlichen Steuererklärung, die sich das Performance-Kollektiv Hannsjana vornimmt, während der Musiker und Aktionskünstler David Julian Kirchner klassisches Arbeiterlieder-Repertoire neu interpretiert.

Die Rampe soll inklusiver werden

Ilona Schaal, Bastian Sistig und Lisa Tuyala haben sich der Inklusion verschrieben und einen Umgestaltungsprozess im Foyer der Rampe in Gang gesetzt. Geplant sind ein taktiles Leitungssystem und Audiodeskriptionen für Sehbehinderte. Eine besondere Verantwortung spürt das Team für die freie Szene in Baden-Württemberg, die gestärkt werden soll.

Die Frage nach seiner persönlichen Motivation, das Theater Rampe als Teil eines Leitungsteams zu übernehmen, beantwortet Bastian Sistig freundlich unbestimmt: „Ich hatte einfach Bock drauf“, sagt er und schmunzelt.

Was sich ändert und gleich bleibt

Team
Ilona Schaal, Bastian Sistig und Lisa Tuyala leiten die Rampe ab kommender Spielzeit als gleichberechtigtes Dreiergespann, teilen sich die Aufgaben der künstlerischen Leitung sowie der Geschäftsführung – und sogar eine Mail-Adresse.

Auftakt
Am 13. Oktober feiert das Team die Eröffnung der neuen Rampe. Bei allen Änderungen gibt es auch Kontinuitäten: Die Bar Rakete bleibt erhalten, wie das bisherige freiwillige Bezahlmodell mit angepasster Preisstruktur. Kooperationen, etwa mit dem Jes, und Festivals wie „6 Tage Frei“ und „Freischwimmen“ werden fortgesetzt. Alle Infos zur kommenden Spielzeit: https://theaterrampe.de.

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