Während Kaufmann bei der improvisierten Pressekonferenz im Anschluss an eine Kreisvorstandssitzung ausführt, dass er sich „nach reiflicher Überlegung“ dazu entschieden habe, bei der Vorstandswahl am 5. November nicht mehr anzutreten, strahlt neben ihm CDU-Youngster Malliaras triumphierend, wie jemand, der weiß, dass er im nächsten Augenblick im Mittelpunkt steht. Gleich wird Kaufmann verkünden, dass er sein Nachfolger als CDU-Kreischef werden soll und Malliaras – smart, sprachgewandt, slimfit – wird sagen, dass er „große Lust“ auf diese Aufgabe habe.
Zwischen die jungen Freunde passt kein Blatt, sagen sie
Max Mörseburg, Neu-Bundestagsabgeordneter aus dem Stuttgarter Wahlkreis Nord, kommt genauso dynamisch, forsch und entschlossen daher. Die beiden haben sich auf eine Teamlösung verständigt: Mörseburg setzt seinen Schwerpunkt in Berlin, Malliaras in Stuttgart. „Beste Freunde“ seien sie, versichern die beiden früheren JU-Vorsitzenden, „zwischen uns passt kein Blatt“.
Zwischen den beiden Youngstern wirkt der noch amtierende Kreisvorsitzende, der immerhin dreimal den Wahlkreis Süd gegen den bundesweit bekannten Grünen Cem Özdemir gewonnen hat, ehe er ihm jetzt mit knapp 16 Prozent Rückstand deutlich unterlegen war und am Ende ganz aus dem Bundestag gekegelt wurde, fast schon wie ein Politiker aus der CDU-Ahnengalerie. Er nickt freundlich, doch vieles scheint Fassade: Die Amtsdekade an der Spitze der Stuttgarter CDU hat bei ihm Spuren hinterlassen.
Das wird schon Tage zuvor bei einem persönlichen Gespräch andernorts in Stuttgart deutlich. Kaufmann ist gerade aus dem Allgäu zurück. Nach der Niederlage bei der Bundestagswahl hat er Abstand gebraucht – und auf dem Land Abstand gefunden. Er sei jetzt „aufgeräumt“, sagt er. Seine Niederlage habe er wegen der schlechten CDU-Performance kommen sehen, aber nicht in dieser Höhe. Dabei habe er den Wahlkreis und die Basis intensiv beackert, während Özdemir aus der Ferne punktete. „Mit den bisherigen Mittel der Kommunikation erreichen wir die Leute nicht mehr“, schlussfolgert Kaufmann.
Kaufmann ist sicher: Ich habe einiges bewegt
Der Mann ist mit sich im Reinen: Er habe in der Stuttgarter CDU einiges bewegt, sagt er. Manches aber auch nicht. Das zeigt sich, wenn er über Verletzungen spricht, die er im vergangenen Jahr bei der Kandidatenauswahl für die OB-Wahl empfunden hat. In der CDU seien Stimmen laut geworden, die ihm als bekennendem Schwulen die Eignung als Oberbürgermeister absprachen. „Das ist vielleicht ein Teil des CDU-Problems“, sagt Kaufmann vieldeutig und stellt „selbstkritisch fest, dass es mir als Kreisvorsitzendem nicht gelungen ist, die CDU Stuttgart so progressiv aufzustellen, wie ich mir das gewünscht habe“.
Nicht nur Wertkonservative in der Union räumen hinter vorgehaltener Hand ein, Kaufmanns sexuelle Orientierung und sein offener Umgang damit hätten auf manchen in der Kreispartei eher abschreckend gewirkt. Das sei aber bei Weitem nicht der einzige Grund für den von ihm selbst beklagten mangelnden Rückhalt in der Partei in der Frage der OB-Kandidatur. Schließlich sei mit dem Schwäbisch Gmünder Rathauschef Richard Arnold ebenfalls ein Mann auf dem Wunschzettel der parteiinternen Findungskommission gestanden, der aus seiner Homosexualität kein Hehl macht und den viele in der Kreispartei gern als OB-Kandidaten gesehen hätten. „Auch unser Fraktionschef im Gemeinderat Alexander Kotz ist schwul – und hat gleichwohl ein anderes Standing in der Partei“, heißt es. Die Rivalität der beiden CDU-Protagonisten war in der Partei kein Geheimnis.
Auch Kritiker erkennen Kaufmanns Verdienste an
Selbst diejenigen, die sich zu Kaufmanns innerparteilichen Kritikern rechnen, bescheinigen ihm, er habe während seiner Amtszeit als Kreischef die Grabenkämpfe weitgehend befriedet und zumindest nach außen für Geschlossenheit gesorgt. Seine Bemühungen, die CDU zur modernen Großstadtpartei zu formen, die auch bei Grünen- und SPD-Wählern punkten könnte, sei aber letztlich nicht über die Bildung entsprechender Arbeitsgruppen hinausgekommen und bei der im Kern strukturkonservativen Stuttgarter Union auf Widerstand gestoßen.
Zudem habe er Fehler gemacht: Dass er 2012 weitgehend im Alleingang den parteilosen Medienunternehmer Sebastian Turner als auch von der FDP und den Freien Wählern unterstützten OB-Kandidaten auf den Schild hob, der dann klar gegen den Grünen Fritz Kuhn verlor, haben ihm viele bis heute nicht verziehen. Nebenbei hat der Wahlkampf für Turner ein Riesenloch in die Kasse der CDU gerissen: zum einen, weil deutlicher weniger Spenden für den unabhängigen Bewerber eingingen als von Kaufmann veranschlagt, zum anderen, weil der Unternehmer selbst bei der Mitfinanzierung der Kampagne gegeizt haben soll, wie später aus CDU-Kreisen verlautete.
Viele trauern noch heute Christoph Palmer nach
Auch mit seiner Haltung in der Debatte, wer Angela Merkel 2018 als CDU-Vorsitzender nachfolgen sollte, lag Kaufmann quer zur Stuttgarter Basis. Während deren Herz vernehmlich für den Konservativen Friedrich Merz schlug, favorisierte der Kreischef den ebenfalls verpartnerten Thronanwärter Jens Spahn – am Ende hatte Annegret Kramp-Karrenbauer die Nase vorn.
Nachgesagt wird ihm in der Kreispartei, in der viele noch immer der Amtszeit des fast schon verklärten Christoph Palmer nachtrauern, auch mangelndes politisches Charisma. Schon als Ministrant sei der Katholik Kaufmann eher unscheinbar gewesen, „einer von denen, die man halt mitmachen lassen hat“, erinnert sich ein ehemaliger Mit-Messdiener. Dennoch: Kaufmanns politischer Aufstieg nötigt vielen Parteifreunden ehrlichen Respekt ab. 1996 in die CDU eingetreten, agierte er zunächst auf lokaler Ebene im CDU-Bezirksbeirat Sillenbuch. 2008 wurde er für den verstorbenen Jo Krummacher als Bundestagskandidat nominiert, 2009 gewann er erstmals den Wahlkreis Süd gegen den Grünen-Promi Cem Özdemir; 2011 eroberte er nach einem harten internen Wettstreit gegen die damalige Stuttgarter Schulbürgermeisterin und spätere baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann mit dem Mandat im Rücken auch den Vorsitz der Kreispartei.
Wasserstoff soll die Zukunft sein – auch für ihn beruflich
Nun übernimmt der Nachwuchs, Kaufmanns Tatendrang verlagert sich auf ein Feld außerhalb der Politik. Als Wasserstoffbeauftragter der Bundesregierung hat er in den vergangenen eineinhalb Jahren Interesse an der zukunftsträchtigen Technologie gefunden. Damit will er sich auch künftig beruflich beschäftigen – auch wenn er finanziell erst einmal keinen Druck verspüren muss: Ihm steht für zwölf Monate ein Übergangsgeld in Höhe seiner bisherigen Abgeordnetendiäten zu. „Ich habe große Lust auf die neue Aufgabe“, sagt Kaufmann noch. In diesem Moment klingt er wie sein potenzieller junger Nachfolger an der Spitze der Stuttgarter CDU.