Ähnliches dürfte seiner designierten Nachfolgerin Yasmin Fahimi am Montag erspart bleiben. Nach der krampfhaften Kandidatinnensuche bis weit in den Januar hinein werden ihr die Herzen zwar nicht zufliegen – dafür gibt es in den Reihen von Verdi und der kleinen Gewerkschaften zu viel Misstrauen. Aber ein gutes Resultat von deutlich über 80 Prozent sollte es in Berlin wohl werden.
Wie dem SPD-Kanzler Kontra geben?
Die 54-Jährige war SPD-Generalsekretärin, dann Staatssekretärin unter Andrea Nahles, dann Bundestagsabgeordnete. Kann und will sie als Chefanwältin von 5,7 Millionen Gewerkschaftsmitgliedern dem Genossen Kanzler Kontra geben? „Olaf Scholz kennt mich viel zu gut“, sagt Fahimi. „Er weiß, dass er keinen Schmusekurs kriegt.“
Roman Zitzelsberger, der IG-Metall-Bezirksleiter in Baden-Württemberg, zeigt sich „felsenfest“ von ihrer politischen Unabhängigkeit überzeugt – „zunächst einmal, weil Yasmin wirklich eine kluge und integre Kollegin ist“ und weil sie aus den Gewerkschaften heraus den Weg zur Partei gefunden habe. „Sie war immer eine Gewerkschafterin in der Sozialdemokratie und wird nicht SPDlerin im DGB sein.“ Zudem kenne sie das politische Parkett und wisse, dass heute Anschlussfähigkeit zu allen Parteien gefragt sei. Da habe er „null Komma null Zweifel“.
IG-Metall-Bezirksleiter warnt vor „anderer Denke“
Sich in erster Linie auf die eigene Kraft zu besinnen und offen zu sein für die relevanten politischen Akteure – das ist dem Bezirksleiter für die Zukunft wichtig, selbst wenn man es mit einer Regierung zu tun hat, die im Grundsatz freundschaftlich (SPD und Grüne) bis zugänglich (FDP) agiert. Auch die Union soll ein enger Partner bleiben. „Ich hoffe, wir verfallen da nicht in eine andere Denke, weil wir einen Sozialdemokraten als Kanzler haben, sondern versuchen, das hart erarbeitete Prinzip aufrechtzuerhalten“, sagt Zitzelsberger. Er werde sich auf jeden Fall dafür aussprechen und gehe davon aus, dass es gelingt.
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Die Überraschungskandidatin kommt aus der industrienahen Chemiegewerkschaft (IG BCE) und ist mit deren Chef Michael Vassiliadis liiert. Noch nie in ihrem Leben hat sie selbst streiken müssen. Es gibt Funktionäre, die wenig Begeisterung für sie zeigen, etwa weil sie einen Hang zum Zentralismus haben und im Umgang nicht einfach sein soll. „Ich denke, die Leute wissen, dass ich Entscheidungen treffen kann und eine klare Meinung habe“, sagt sie selbstbewusst über sich.
„Pragmatikerin mit einem stabilen Wertegerüst“
Oft vermerkt wurde seit der Nominierung, dass sie zum linken SPD-Flügel zählt. „Schwierig“ findet Zitzelsberger solche Zuschreibungen in der politischen Verortung. „Ich habe sie immer als eine Pragmatikerin mit einem stabilen Wertegerüst gesehen.“ Unterm Strich erwartet der Metaller ein „sehr ordentliches Wahlergebnis“ für Fahimi. „Am Ende waren alle froh, dass eine Lösung gelungen ist“, sagt er und gibt den dringenden Ratschlag: „Jedem muss bewusst sein: So wie man die DGB-Vorsitzende mit Stimmen ausstattet, so zeigt sich auch, wie die Gewerkschaftsfamilie hinter ihr steht.“
Klar ist, dass sich der Gewerkschaftsbund immer neu anpassen muss. „Aufgabe und Rolle des DGB verändern sich, so wie sich die Arbeitswelt verändert“, sagt Zitzelsberger. Da müsse Fahimi am Ball bleiben. Zudem müsse sie alsbald in den großen Sozial- und Rentenfragen eine gemeinsame Sprachregelung des DGB gegenüber der Politik finden.
Hoffmann hat den DGB geeint – doch Gräben gibt es nach wie vor
Die neue Chefin soll also im Prinzip den Kurs ihres Vorgängers fortsetzen. Die größte Leistung von Reiner Hoffmann war es nach der Stabübernahme von Michael Sommer vor acht Jahren, die Familie zusammenzuführen. DGB und Einzelgewerkschaften – vor allem deren Eckpfeiler IG Metall, Verdi und IG BCE – sind sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei der Machtverteilung oft nicht einig gewesen. „Aufgabe des DGB ist es, mögliche Zielkonflikte zu moderieren und am Ende zu gemeinsamen Antworten zu kommen“, sagt der Noch-Vorsitzende. Dies umzusetzen ist ihm zunehmend gelungen. Doch ganz beseitigt sind die Gräben nicht.
Sein eigener Start war damals vom Vorurteil belastet, dass er vor allem der Chemiegewerkschafter aus Brüssel sei. „Er ist seiner Rolle gerecht geworden als einer, der etwas von Industriepolitik versteht und unsere Positionen zur Transformation aufnimmt, ohne sich gegen die Interessen der Kolleginnen und Kollegen aus dem Dienstleistungssektor zu stellen“, sagt Zitzelsberger. „Seine Politik war ein Sowohl-als-auch statt Entweder-oder – das ist wesentlicher Beitrag zur Befriedung des Gewerkschaftslagers.“
Vom Glück einer langen Aufschwungphase
Während Michael Sommer den Tanker DGB durch schwere Agenda-Stürme steuern musste, erlebte Hoffmann bis zum Pandemieausbruch eine lange Aufschwungphase mit üppigen Steuereinnahmen. Dies hat es ihm erleichtert, von der Regierung Zugeständnisse einzufordern oder wenigstens Härten abzuwenden. Er habe das Profil des DGB geschärft und diesen gut gegenüber der Politik vertreten, lobt Zitzelsberger vor dem Hintergrund, dass der Chef des Dachverbands eben nicht die Richtlinienkompetenz hat, sondern dass es maßgeblich auf die großen Einzelgewerkschaften ankommt, wohin der Tanker steuert. „Er hat nach innen wie nach außen einen sehr guten Job gemacht.“
„Komisch, ausgerechnet jetzt zu gehen“
Hoffmann will sich im Ruhestand ehrenamtlich für Arbeitnehmerinteressen auf EU-Ebene einsetzen und die Gewerkschaften im ZDF-Verwaltungsrat vertreten. „Klasse“ findet er auch die „Tradition, dass der scheidende DGB-Vorsitzende bei der Friedrich-Ebert-Stiftung stellvertretender Vorsitzender wird“. Ins Loch falle er „sicher nicht“.
Doch fühlt es sich für ihn „schon komisch an, ausgerechnet jetzt zu gehen, wo so viel in Bewegung ist“ – da in der Wirtschaft kaum ein Stein auf dem anderen bleibt, die Digitalisierung fortschreitet und alles klimaneutral werden soll. Der zugängliche Arbeiterführer aus Wuppertal tritt ab – ob die distanziertere Politmanagerin aus Hannover Stärke und Einigkeit des DGB in einer absehbar schwierigen Zeit bewahren kann, ist offen.
Fahrplan des DGB-Bundeskongresses
Höhepunkte
Am Sonntagvormittag beginnt der DGB-Bundeskongress mit einer Festveranstaltung, auf der insbesondere Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auftreten will. Am Nachmittag legt der Noch-Vorsitzende Reiner Hoffmann seinen letzten Geschäftsbericht vor. Am Montag stehen die Wahl von Yasmin Fahimi zu seiner Nachfolgerin und am frühen Nachmittag eine Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) an. An den Folgetagen treten weitere Spitzenpolitiker auf. Der Kongress endet am Donnerstag und wird laut DGB im Internet gestreamt.
Gewerkschaftsbund
Nummer eins der acht DGB-Gewerkschaften ist die IG Metall (2,17 Millionen Mitglieder) vor Verdi (1,89) und der IG BCE (0,59). Es folgen die GEW (0,28), die IG Bau (0,22), die GdP (0,20), die NGG (0,19) sowie die EVG (0,19).