Neuzugang des VfB Stuttgart Nicolas Gonzalez: Der Turbostürmer mit den Nehmerqualitäten

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Nicolas Gonzalez hat sich beim VfB Stuttgart schnell eingefunden – obwohl der 20-Jährige in eine fremde Welt eintaucht. Vor allem Santiago Ascacibar hat ihm geholfen – und Obhut gegeben.

Nicolas Gonzalez küsst den Ball vor jedem Spiel Foto: Baumann
Nicolas Gonzalez küsst den Ball vor jedem Spiel Foto: Baumann

Stuttgart - Nicolas Gonzalez ist hart im Nehmen. Das haben sie beim VfB Stuttgart gleich gemerkt. Zunächst auf den Videos über den Stürmer, die sich der Trainer Tayfun Korkut und der Manager Michael Reschke vor der Verpflichtung angeschaut hatten. Später auch vor Ort in Buenos Aires, als der Kundschafter des Fußball-Bundesligisten meldete, diesem jungen Kerl werde ganz schön auf die Socken gestiegen. Aber der Scout Markus Lösch wusste auch zu berichten: Gonzalez ist nach den Attacken der argentinischen Raubeine immer wieder aufgestanden – ohne sich mehrfach auf dem Rasen zu überschlagen und mit der vollen Absicht, gleich den nächsten Sturmlauf zu starten.

Diese Qualitäten haben dazu geführt, dass der Südamerikaner jetzt in Bad Cannstatt sitzt. Knapp 12 000 Kilometer von seiner Heimat Belén de Escobar entfernt, einer 170 000-Einwohner-Stadt in der Provinz Buenos Aires. „Der Fußball in Argentinien ist schon komplett anders“, sagt Gonzalez, „da verfolgen dich die Verteidiger gnadenlos bis zuletzt, in Europa öffnen sich schon mal Räume für einen Angreifer.“

Diese weiß er mit seiner Schnelligkeit zu nutzen. „Turbo“ wollen sie ihn deshalb in Zukunft nennen, sagt Emiliano Insua. Der 29-jährige Verteidiger flankiert seinen Landsmann an diesem Nachmittag, ebenso wie auf der anderen Seite Santiago Ascacibar (21). Gut gelaunt ist das Gaucho-Trio. Sie scherzen und Gonzalez weiß die Unterstützung zu schätzen. Sie hat ihm den Einstieg erleichtert. „Dass hier zwei Argentinier spielen und der Trainer Spanisch spricht, hat meine Entscheidung, nach Stuttgart zu kommen, mit beeinflusst“, sagt der 20-Jährige, der anfangs zwei Wochen bei Ascacibar gewohnt hat.

Ergänzung zu dem Ex-Dortmunder Lucas Barrios

Jetzt ist eine Wohnung gefunden und die Eltern sind da. Sportlich wachsen muss der Spross aber alleine. Was sich mit drei Toren in seinen ersten Vorbereitungsspielen gut angelassen hat. Als Hoffnungsträger gilt die Nummer 22 deshalb schon. Gonzalez selbst will seinen gelungenen Einstand nach wenigen Wochen in Deutschland jedoch nicht überbewerten. „Es wird darum gehen, möglichst viel Einsatzzeit zu erhalten, um den nächsten Schritt in meiner Karriere zu machen“, sagt er.

Davon sind sie beim VfB überzeugt, weil er auf dem Feld nicht nur einstecken kann, sondern auch austeilen. Und weil er mit seiner aggressiven Spielweise in Korkuts Profil passt. Der Trainer wollte einen Stürmer haben, der „um Mario Gomez herumspielen kann.“ Gonzalez ist es gewohnt, über außen zu kommen, obwohl er sich im Zentrum besser aufgehoben fühlt. Bei seinem früheren Club Argentinos Juniors erfüllte er diese Aufgabe als Ergänzung zu dem Ex-Dortmunder Lucas Barrios.

In Stuttgart wird Gomez der Stürmer Nummer eins sein – und Gonzalez will von dessen Erfahrung profitieren. An den beiden Angreifern lässt sich auch veränderte Transferstrategie des VfB festmachen: Die Stuttgarter leisten sich wieder prominente Personalien wie Gomez, aber sie wagen ebenso junge Risikoanlagen wie Gonzalez. 8,5 Millionen Euro an Ablöse hat dieser gekostet. Und wenn Reschkes Rechnung aufgeht, dann kann das Talent die Mannschaft gleich verstärken – muss es aber nicht.

Gonzalez ist ein Spieler, dessen Potenzial sich vor allem in der Zukunft auszahlen soll. Sportlich wie finanziell. „Er wird uns noch viel Freude bereiten“, sagt der Manager. Bis 2023 läuft der Vertrag und Reschke vertraut auf sein Urteilsvermögen, dass Argentinier die richtige Mentalität mitbringen und Gonzalez’ Marktwert steigen wird.

Da wird von den Rängen auch mal mit Pflastersteinen geworfen

Teil eins der Einschätzung hat sich schon oft bewahrheitet, da es die Profis aus der Primera Division gewohnt sind, unter Druck und vor frenetischen Zuschauern zu spielen. Da wird von den Rängen auch mal mit Pflastersteinen geworfen. Ein volles Bundesligastadion schreckt da nicht. Teil zwei bleibt zwar ein Spekulationsgeschäft, ist im Erfolgsfall aber auch eine Folge der harten Sozialisation. Und bei Gonzalez ist es so, dass er schon früh viel auf sich genommen hat, um im Fußball vorwärts zu kommen. Bereits mit sieben Jahren zog es ihn von Sportivo Escobar zu Argentinos in die Hauptstadt. Eine Stunde Autofahrt bedeutete das und der kleine Nico ist oft auch deutlich länger mit dem Zug unterwegs gewesen, um beim Training zu sein.

Jetzt sieht er sich für den ganzen Aufwand belohnt. „Ich bin sehr glücklich, es hierher geschafft zu haben“, sagt Gonzalez. Dazu gesellt sich auch der Stolz der Familie und seines Herzensclubs. Argentinos ist dafür bekannt, Talente hervorzubringen. Nicht nur wegen des legendären Diego Maradona, der dort sein Profidebüt gab und den Ball streichelte wie kein anderer. Gonzalez küsst den Ball dagegen vor jedem Spiel. „Der Fußball ist ja das Schönste, was es gibt“, sagt der Single.