Die Corona-Krise belastet die Autoindustrie weiterhin schwer. Zwar führen die Lockerungen in den meisten Ländern der EU zu mehr Neuzulassungen. Doch gerade der Bereich, in dem die meisten Arbeitsplätze der Autoindustrie zu finden sind, schwächelt weiterhin.

Wirtschaft: Eva Drews (ave)

Stuttgart - Der europäische Automarkt leidet weiter massiv unter den Folgen der Corona-Krise. Zwar hat sich der Neuwagenmarkt in der Europäischen Union (EU) im Mai leicht erholt. Für das Gesamtjahr 2020 ist allerdings europaweit mit einem deutlichen Absatzrückgang zu rechnen. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Mittwoch veröffentlichte Analyse der Unternehmensberatung EY. Demnach hat sich der Neuwagenabsatz in der EU im Vergleich zum Vorjahresmonat zwar nur halbiert – im April war er um 76 Prozent eingebrochen. Für das Gesamtjahr prognostiziert EY dennoch einen Rückgang um 25 Prozent im EU-Durchschnitt. Deutschland könnte mit einem Minus von 20 Prozent etwas besser abschneiden, so die Berater.

Europaweit die stärksten Rückgänge verzeichneten die Länder mit den härtesten Eindämmungsmaßnahmen gegen die Corona-Pandemie: In Großbritannien, Irland und Spanien sanken die Neuzulassungen jeweils um 70 Prozent und mehr. Die Lockerungen etlicher Maßnahmen in den meisten Ländern der EU machten sich nun aber positiv bemerkbar, so der EY-Partner Peter Fuß. In Frankreich und Deutschland fiel der Rückgang im Mai mit etwa 50 Prozent schwächer aus, wie der europäische Autoherstellerverband ACEA am Mittwoch berichtete. In den fünf Monaten von Januar bis Mai sank der Neuwagenmarkt in der EU insgesamt um 41,5 Prozent so die ACEA, wobei der Rückgang in Deutschland mit 35 Prozent niedriger ausfiel.

Staatliche Hilfen wirken – zum Teil

Für den Monat Juni rechnet EY-Partner Fuß mit einer weiteren Entspannung der Situation und einem Rückgang um etwa ein Drittel im Vergleich zum Vorjahresmonat. Grund dafür sind zumindest in den beiden größten Volkswirtschaften der EU – Frankreich und Deutschland – auch staatliche Hilfen für die Autoindustrie. Allerdings sind diese stark unterschiedlich ausgestaltet. So gebe es in Frankreich anders als in Deutschland eine Kaufprämie auch für Diesel- und Benzin-Fahrzeuge von 3000 Euro – so lang, bis 200 000 Autos verkauft sind. „Die französische Kaufprämie wird den gewünschten Effekt haben, also kurzfristig zahlreiche Menschen zum Neuwagenkauf animieren“, glaubt Fuß. „Selbst wenn es sich dabei zum Teil um vorgezogene Käufe handeln wird, wird das Ziel, die Branche über die schweren Sommermonate zu retten, erreicht werden.“

Anders fällt Fuß’ Einschätzung zum deutschen Konjunkturprogramm aus. Die Bundesregierung hatte sich gegen eine von der Autoindustrie geforderte generelle Neuwagenprämie entschieden und senkt stattdessen die Mehrwertsteuer von Juli an und erhöht zugleich die Prämie für Elektroautos. „Die Senkung der Mehrwertsteuer ab Juli wird im Juni zu starker Zurückhaltung bei privaten Käufern führen, die auf niedrigere Preise ab Juli setzen.“ Zudem sei der Einspareffekt zumindest im stark umkämpften Volumensegment, wo ohnehin hohe Rabatte an der Tagesordnung seien, überschaubar: Ein Neuwagen, der bislang 20 000 Euro gekostet hat, verbilligt sich dank reduzierter Mehrwertsteuer um etwa 500 Euro. „Es wird in großem Umfang Mitnahmeeffekte geben, aber kaum neue Kaufimpulse.“ Fuß’ Resümee zu den Auswirkungen des Konjunkturpakets auf die Autoindustrie: „Kaum unmittelbar wirksame Impulse für die Branche, aber ein verlorener Monat.“

Prämien in Deutschland und Frankreich

Sowohl Frankreich als auch Deutschland erhöhen zudem ihre Kaufprämien für Elektrofahrzeuge. Dies werde zu einer noch weiteren Steigerung der Neuzulassungen führen, gibt sich Fuß überzeugt. Die deutsche Prämie in Höhe von 9000 Euro sei tatsächlich enorm. „Bei den günstigsten Elektroautos halbiert sich der Kaufpreis dadurch – einschließlich möglicher Rabatte durch den Händler – fast.“ Der konjunkturelle Effekt sei allerdings angesichts des nach wie vor relativ niedrigen Marktanteils von Elektroautos eher gering: „Die Stückzahlen sind in diesem Segment immer noch viel zu gering, als dass durch einen E-Boom die Autoindustrie gerettet werden könnte.“ Hinzu komme, dass steigende Verkäufe von Elektroautos nicht notwendigerweise auch zu steigenden Gewinnen führen, betont Fuß: „Die Autoindustrie verdient mit Elektroautos derzeit kaum Geld. Bei Verbrennern ist die Marge erheblich größer – aber die werden nicht gefördert.“ Auch der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research an der Universität Duisburg sieht die Beschränkung auf E-Mobilität kritisch und weist darauf hin, dass nur ein geringer Teil der Beschäftigten in der Autoindustrie in diesem Bereich arbeitet: „Die größte Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg kann man nur bekämpfen, wenn alle Fabriken produzieren und nicht nur zehn Prozent“.

Nach den aktuellen ACEA-Zulassungszahlen nimmt die Zahl elektrifizierter Fahrzeuge in der EU weiter zu. In den Top-5-Märkten Westeuropas – Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien – stieg der Absatz rein elektrisch betriebener Neuwagen im Mai um 25 Prozent, so heißt es in der EY-Analyse, die Neuzulassungen von Plug-in-Hybriden stiegen sogar um 59 Prozent – jeweils gegenüber dem Vorjahresmonat. Den in absoluten Zahlen höchsten E-Auto-Absatz gab es dabei mir 5578 Exemplaren in Deutschland. Da zugleich der Absatz von Benzinern und Dieseln schrumpft, hat sich der Marktanteil von Elektroautos in den Top-5-Märkten von 1,1 auf 3,4 Prozent mehr als verdreifacht, Plug-in-Hybride nahmen von 0,8 auf 3,0 Prozent zu.

Die Krise ist noch lange nicht vorbei

Langfristig bleibt EY-Partner Fuß für die Autoindustrie alarmiert: „Wir werden in Europa mittelfristig mit massiven Überkapazitäten umgehen müssen, denn auch im kommenden Jahr wird die europäische Wirtschaft noch mit den konjunkturellen Nachwehen dieser Krise kämpfen – selbst wenn die Pandemie dann vorüber sein sollte. Eine hohe Arbeitslosigkeit, Insolvenzen und sinkende Unternehmensgewinne werden sich noch lange auf den Neuwagenmarkt auswirken. Die Krise ist also noch lange nicht vorbei.“