50 Jahre sind genug, findet Sabine Lynch. Das Jubiläum ihrer New York City Dance School sei für sie ein guter Moment, aufzuhören. In der Heilbronner Straße 391 geht es aber weiter.
Taxlerstreik in Neapel. Eine junge Frau aus Deutschland und ein US-Amerikaner müssen sich eines der raren Taxis teilen. So beginnen nicht nur Lovestorys, sondern auch die Erfolgsgeschichte der New York City Dance School. Sabine und Ray Lynch gingen irgendwann getrennte Wege, ihr Baby, die inzwischen fast schon legendäre Stuttgarter Tanzschule, blieb. Jetzt wird sie 50.
Sabine Lynch hat einen festen Händedruck und ein warmes Lächeln, das jeder bekommt, der durch die Tür der New York City Dance School (NYCDS) in der Heilbronner Straße kommt. Wie sie da – bolzgerade – mit raschen Schritten durch ihre Tanzschule führt, das Prinzip des Schwingbodens erläutert, die Schülerinnen der Professional Dance Academy grüßt, die an diesem Morgen nach und nach zum Training eintröpfeln, wirkt sie viel jünger als 77. Liegt es an den Feldenkrais-Kursen, die die Chefin immer noch höchstpersönlich gibt?
Ray und Sabine Lynch vor ihrer gerade gegründeten New York City Dance School in der Fangelsbachstraße. Foto: NYCDS
New York City Dance School hat eine bewegte Geschichte
Dass ihr Lebenswerk, die NYCDS, eine bewegte Geschichte hat, diese Floskel sollte ausnahmsweise erlaubt sein. Allein, dass sich die Tanzschule an fünf verschiedenen Standorten hielt, über fünf Jahrzehnte, zeigt, dass Stillstand für Sabine Lynch nie eine Option war.
Ursprünglich sollte die Tanzschule ein Wanderleben beenden. Denn der Amerikaner aus dem Taxi, Ray Lynch, inzwischen ihr Ehemann, war als Sänger und Tänzer fast 365 Tage im Jahr auf Tour. Als junger GI hatte er in den Recreation Centers der Stuttgarter Army-Barracks im Entertainment gearbeitet, also beschlossen die junge Kölnerin, die Sprachen studiert hatte, und der steppende, singende Tausendsassa aus Brooklyn, 1975 in der Landeshauptstadt eine Tanzschule aufzumachen.
New York City Dance School klang nach großer weiter Welt
In einem Raum mit einem morschen Holzboden in der Fangelsbachstraße im Stuttgarter Süden fingen sie an. Der Name – New York City Dance School – war nicht nur eine Reminiszenz an Rays Zuhause, er klang auch im piefigen Stuttgart der 70er nach großer weiter Welt. „1975 war der durchschnittliche deutsche Discogänger nicht so am Puls der Zeit.“ Zumindest nicht so wie Ray Lynch. Er unterrichtete amerikanische Tänze, die uns heute nicht mehr viel sagen, damals aber der letzte Schrei waren: Bump, Hustle, Busstop. Dazu lateinamerikanische Tänze wie Mambo, Cha-cha-cha oder Merengue.
Der Anfang war zäh, die Leute rannten den Lynches nicht gerade die Bude ein: „Für den ersten Tanzkurs bekamen wir gerade so neun Teilnehmer zusammen“, erinnert sich Sabine Lynch. Aber dann brach die Tanzfilm-Ära an. „Saturday Night Fever“ mit einem jungen John Travolta im weißen Anzug sorgte 1977 für einen echten Tanzboom. Wenn im legendären Kali-Kino in der Marienstraße „Saturday Night Fever“ lief, schlüpfte Sabine Lynch in ein dunkelrotes Kleid und tanzte dort vor der Vorstellung mit einem Tanzpartner im weißen Anzug und schwarzen Haifischkragenhemd den Hustle – so schön wie Karen Lynn Gorney und John Travolta. Eine bessere Werbung gab es nicht.
Im Kali-Kino tanzten Sabine Lynch und ihr Tanzpartner den Hustle aus „Saturday Night Fever“. Foto: NYCDS
New York City Dance School in der Tübinger Straße
Da war die NYCDS schon in die Tübinger Straße umgezogen – und bald darauf machte im selben Gebäude die heißeste Diskothek der Stadt auf: die Boa. „Wir haben oben drüber gewohnt und sind nachts im Bett von den Bässen durchgeschüttelt worden“, erinnert sich Sabine Lynch. 17 Jahre lang steppten der Bär und viele Tanzschüler in der Tübinger Straße, die Lynches engagierten immer mehr Dozenten, jetzt wollte man Jazz oder Modern Dance lernen oder ganz klassisch Ballett tanzen. Doch 1995 kam die Kündigung und wieder stand ein Umzug an: Diesmal ging es hoch an den Pragsattel, in die Maybachstraße. „Damals war das die Peripherie, aber wir brauchten viel Platz, also schlugen wir zu.“ Ein Drittel ihrer Schülerinnen und Schüler, schätzt Sabine Lynch, hätten sie damals verloren, weil der Weg weit war auf den Pragsattel. Sabine Lynch nahm einen Zweitjob beim American Institute of Music in Wien an, damit ein bisschen Geld reinkam.
Die Ehe der Lynches ging irgendwann zu Ende. „Wenn man sich trennt, muss man alles trennen“, sagt Sabine Lynch heute ohne Bitterkeit. Die NYCDS führte sie alleine weiter, holte Größen der internationalen Tanzwelt wie den Choreografen Jamale Graves oder den Flamenco-Star Maria Magdalena für Workshops nach Stuttgart, wuppte in den Nullerjahren nochmal einen Umzug: Diesmal ging es um die Ecke in die Leitzstraße. Seit 2021 ist die Tanzschule noch tiefer im Norden, an der Heilbronner Straße 391.
Jetzt werden auf etwas über 1000 Quadratmetern und in sechs Tanzsälen über 40 Kurse gegeben – HipHop und Ballett, Modern Dance und K-Pop, Yoga und Stepptanz. Rund 1000 Schülerinnen und Schüler lernen hier, die jüngsten sind drei, die ältesten über 90 Jahre alt. Die Studierenden der Professional Dance Academy (PDA), einer Berufsfachschule, können hier in 22 Monaten ihre Ausbildung zum professionellen Tänzer, zum Tanzpädagogen oder zur Choreografin machen. Gerade sind 36 Studierende eingeschrieben.
NYCDS: Sabine Lynch hört Ende des Jahres auf
Nach 50 Jahren gibt Sabine Lynch ihre Tanzschule jetzt weiter. Hoang „Luh“ Le Ung, der schon seit 2021 mit der Gründerin in der Geschäftsführung der NYCDS ist, übernimmt. Der 40-Jährige, Profitänzer und Kaufmann, kam 2006 als HipHop-Dozent, wurde 2018 Künstlerischer Leiter und will die Tanzschule jetzt „in die nächsten 50 Jahre“ führen. Zum 31. Dezember hört Sabine Lynch auf, nur ihren Feldenkrais-Kurs will sie weiter geben. „Irgendwann muss man loslassen, mein Moment ist jetzt“, sagt die 77-Jährige, die zwei Söhne und fünf Enkelkinder hat. „50 Jahre sind doch eine schöne Zahl, das klingt viel besser als 51.“
Am 31. Dezember übergibt Sabine Lynch den Staffelstab an Hoang „Luh“ Le Ung. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Davor wird aber noch gefeiert. Vom 25. bis 31. Oktober gibt es Workshops mit hochkarätigen Dozenten – darunter auch Eric Gauthier, früher Erster Solist beim Staatsballett, heute Kompagniechef von Gauthier Dance, oder der Choreografin und HipHop-Tänzerin Andrea Böge. Für den 2. November ist in der Schwabenland-Halle in Fellbach eine große Jubiläumsshow mit über 400 Tänzerinnen und Tänzern geplant: „Das wird eine getanzte Rückschau auf die letzten 50 Jahre sein“, aber auch eine persönliche Hommage an die Grande Dame des Stuttgarter Tanzes, bevor sie den Staffelstab weitergibt.
Sabine Lynch, die von sich selbst sagt, sie könne gar nicht tanzen, findet, dass alle Kinder es lernen sollten. „Je unbegabter, desto wichtiger, so sehe ich das.“ Tanz sorge für ein gutes Körpergefühl, eine bessere Haltung, eine gewisse Musikalität – „das verliert man nie mehr.“