New York ignoriert seit Jahren die Prognosen von Wissenschaftlern, die vor heftigen Überschwemmungen warnen. Mit dem Wirbelsturm Sandy, der nicht nur die lebenswichtige U-Bahn geflutet hat, bekommt die Stadt nun die Quittung.
New York - Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg ist ein beschäftigter Mann. Viel Zeit, ins Museum zu gehen, wird er bei seinem vollen Terminkalender nicht haben. Eine Ausstellung am Museum of Modern Art hätte er sich allerdings nicht entgehen lassen sollen. Vier Jahre ist es her, dass das MoMa in Zusammenarbeit mit seinem Ableger PS1 Teams von Landschaftsarchitekten, Ingenieuren und Künstlern dazu beauftragt hatte, Pläne für das New York der Zukunft zu entwickeln. Die Prämisse des Wettbewerbs: die wissenschaftlich fundierte Prognose, dass der Wasserpegel rund um New York in den kommenden 90 Jahren um etwa drei Meter steigen wird. Extreme Wetterereignisse wie Hurrikans, die Flutwellen von bis zu sechs Meter Höhe mit sich bringen, werden der Stadt noch stärker zusetzen.
Die Ergebnisse waren faszinierend, sie reichten vom Bau von Flutschleusen am Eingang der New Yorker Bucht bis zur Renaturierung der Uferabschnitte im unteren Manhattan. Das Problem: jeder Plan hätte viel Geld gekostet und vor allem wertvollen Baugrund entlang des Wassers der kommerziellen Nutzung entzogen.
Die Flut ist kein fernes Horrorszenario mehr
Angesichts der Kosten, die der Sturm Sandy für die Stadt New York verursachen wird, wird sich Bloomberg die Vorschläge nun vielleicht aber doch noch einmal anschauen. Die komplette Flutung überlebensnotwendiger Infrastruktur wie dem U-Bahn-Netz und der Stromerzeugung, meterhohe Fluten in zentralen Wohn- und Geschäftsbezirken, all das ist in New York seit dieser Woche kein fernes Horrorszenario mehr, sondern Realität.
Bloomberg, seit zehn Jahren im Amt, kann sich nicht damit herausreden, dass er von der Gefahr nichts gewusst hat. Schon 2004 legte die Universität von New York in Long Island einen Plan zum Flutschutz der überaus verwundbaren Stadt vor, die 1000 Kilometer Uferlinie aufweist. Erst 2010 fertigte der Staat New York einen Bericht zum Schutz der Metropole an, den er Bloomberg vorlegte. Darin wurde vorgeschlagen, Flutschleusen und Dämme anzulegen, am Wasser gelegene Grundstücke zu renaturieren und die U-Bahn baulich zu schützen.
Bloomberg will nichts von den Warnungen wissen
Die Stadt studierte die Empfehlungen der Wissenschaftler und veröffentlichte einen Flutschutzplan. Der beinhaltete zwar Evakuierungs- und Aufräummaßnahmen, aber praktisch keine Prävention. Bloomberg nahm die Flutgefahr schlicht und einfach nicht ernst. „Es muss immer erst etwas passieren, bevor die Leute bereit sind, Geld auszugeben“, sagte ein ehemaliger Mitarbeiter des Bürgermeister anonym in der „New York Times“.
Nun ist etwas passiert und zwar bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren. Die Tatsache, dass der Klimawandel die Existenz von New York bedroht, lässt sich nicht mehr leugnen. „Die zehn höchsten Wasserstände im Battery Park seit 1900 haben sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren ereignet“, sagt Ben Strauss, Direktor des Forschungsgruppe Meeresspiegel an der Universität Princeton. „Wenn das kein Anlass ist, endlich aufzuwachen, weiß ich es auch nicht.“
Bloomberg selbst würgte indes entsprechende Anfragen in dieser Woche mit dem Hinweis ab, er sei jetzt zu sehr mit der aktuellen Situation beschäftigt, um über so etwas nachzudenken. Spätestens, wenn die U-Bahn wieder trocken ist und die Bewohner von Lower Manhattan wieder Strom haben, kann er diesen Nachfragen jedoch nicht mehr ausweichen.