NFL-Profi Jakob Johnson So kämpft der Stuttgarter jeden Tag um seinen Topjob

Fullback Jakob Johnson hat sich bei den New England Patriots durchgesetzt und geht in seine dritte Saison in der National Football League. Foto: imago/Fred Kfoury

Jakob Johnson startet in seine dritte NFL-Saison, zuvor musste er die Kaderaussortierung bei den New England Patriots überstehen. Dafür hatte er in der Heimat Stuttgart hart trainiert.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Stuttgart - Vor zwei Jahren konnte Jakob Johnson noch in aller Ruhe etwas trinken in einer Kneipe beim Hans-im-Glück-Brunnen im Herzen Stuttgarts. Kaum jemand hat den Football-Profi als den Kerl identifiziert, der bei den New England Patriots in der NFL in sein erstes Jahr gestartet war und der zuvor bei den Scorpions auf der Waldau gespielt hatte. Die Freiheit der Anonymität ist vorbei. „Ich wurde oft erkannt und angesprochen, als ich im Sommer auf Heimaturlaub war“, erzählt der 26-Jährige, „dass Football in Deutschland immer populärer wird, habe ich am eigenen Leib erfahren.“

 

Jakob Johnson lebt gern mit dieser neuen Prominenz in der alten Heimat, er ist ein umgänglicher Typ, meist mit einem Lächeln auf den Lippen und netten Worten für den Gegenüber. Aber der Bursche kann auch anders, das muss er auch, sonst ist die Tür bei den New England Patriots ganz schnell verschlossen. „Man darf sich nie sicher sein“, sagt Johnson, „dass man noch eine weitere Saison dabei ist, jedes Trainingslager kann das letzte sein. Man muss sich jeden Tag neu verdienen – nach diesem Motto lebe ich.“

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Deshalb hat der mächtige Offensivblocker (1,91 m/135 kg) in Stuttgart nicht nur die Familienmitglieder abgeklappert, sondern jeden Tag im Gym an den Gewichten geschuftet, hat gar mit Quarterback Aaron Ellis von Stuttgart Surge gearbeitet und mit den Scorpions trainiert – als Fullback sind Kraft und Kondition die wichtigsten Eigenschaften, um sich den Job zu sichern. 2019 war er über das International Player Pathway Programm für ausländische Talente in Foxborough, das in der Nähe von Boston liegt, bei den Patriots gelandet, 2020 fing er seinen ersten Touchdown-Pass und nun hat er sich wieder im Kampf um einen der begehrten Plätze im 53er Kader durchgesetzt. „Die Spieler, die aussortiert werden“, erzählt Johnson, „erhalten in den Tagen nach dem letzten Testspiel einen Anruf, in dem sie informiert werden oder ihnen wird gesagt, sie haben beim Coach einen Termin.“ Der Stuttgarter hat in dieser prekären Zeitspanne immer wieder aufs Handy geschaut, schwankte zwischen Unsicherheit und Überzeugung – eine schlimme Nachricht oder einen dieser gefürchteten Anrufe hat er nicht erhalten.

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Wenn die Pats an diesem Sonntag (22.25 Uhr MESZ) bei den Miami Dolphins zum ersten Saisonspiel antreten, ist Johnson mit von der Partie – im Gegensatz zum einstigen Star-Quarterback Cam Newton (32). Der Spielmacher, der 2015 im Superbowl gestanden hatte und trotz der Niederlage seiner Carolina Panthers zum wertvollsten Spieler gewählt worden war, wurde von den Patriots am 31. August auf die Straße gesetzt. Zu schwache Leistungen hieß es offiziell, hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, die Patriots um den durchsetzungsfähigen Cheftrainer Bill Belichick haben den Nachfolger von Superstar Tom Brady entlassen, weil er nicht gegen Covid-19 geimpft sei.

Neuer Quarterback bei den Patriots

Nun darf sich Johnson auf den jungen Quarterback Michael McCorkle „Mac“ Jones (23) einstellen, der schon in den Testspielen von New England überzeugende Vorstellungen abgeliefert hat – was für ihn als Fullback allerdings keine besonders anspruchsvolle Aufgabe darstellt. „Auf meiner Position muss ich meinen Job erfüllen“, sagt Johnson, „ich habe wenig Abstimmungsaufwand mit dem Spielmacher, ich bin dafür da, den Ballträgern den Weg frei zu blocken.“ 17 Spieltage liegen mindestens vor ihm, einer mehr als vergangenen Saison, weil die Eigner der 32 NFL-Clubs diese Erhöhung (die erste seit 1978) so beschlossen haben. Die Hauptrunde (regular season) endet am 9. Januar, der Superbowl wird am 13. Februar ausgetragen. Dafür gibt’s für die Profis etwas mehr Gehalt und zusätzliche Vergünstigungen. „Ein guter Kompromiss“, findet Johnson, „aber die Saison ist jetzt schon körperlich extrem anstrengend. Diese weitere Woche tut weh.“

Wenn die NFL, wie die Ligabosse geplant haben, vielleicht 2022, spätestens aber 2023, ein Hauptrundenspiel in Deutschland austrägt, wird Jakob Johnson in Stuttgart kein Bier mehr unerkannt trinken können. Sofern er sich bis dahin weiter quält und sich jeden einzelnen Tag als NFL-Profi neu verdient.

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