Um Millionenbeträge geht es bei Benyamin Senkal, der sein Atelier im Stuttgarter Westen betreibt, nicht. Dennoch ist er einer der Pioniere in der Stadt, was NFT angeht. Senkal setzt seine Werke aus Apple-Tastaturen zusammen, oft mit Bezug auf popkulturelle Motive wie zum Beispiel aus „Star Wars“, die einzelnen Tasten stellen gewisserweise Pixel dar. „Ich erschaffe die Kunst physisch und transformiere sie ins Digitale. Der Käufer bekommt das NFT und die Bausteine dafür. Er bekommt aber nicht das von mir erschaffene Objekt in der realen Welt“, sagt Senkal. Wer bei ihm ein NFT-Zertifikat erwirbt, bekommt stattdessen ein Säckchen mit den für die Aufnahmen verwendeten Tasten dazu und kann das Motiv dann selber nachbauen.
Zwei Werke hat Benyamin Senkal bereits verkauft, sie hören auf den Namen „Skull“ und „Happy Skull“, beides sind Totenkopfmotive. Insgesamt, sagt Senkal, habe er etwa 1300 Euro damit gemacht, „in Coronazeiten, in denen du nirgends ausstellen kannst, ist das viel.“
Bezahlt wird mit Ethereum
Die digitale Kunst hängt aktuell noch selten in Kunstgalerien, auch wenn es theoretisch möglich wäre, die Datensätze auf Displays oder eigens dafür produzierte digitale Rahmen zu projizieren. Der Handel mit NFT findet vor allem auf Netzportalen statt, Senkal stellt auf OpenSea aus, aber es gibt auch andere Seiten. Bezahlt wird dort mit Ethereum, nach Bitcoin die Kryptowährung mit der zweitgrößten Marktkapitalisierung. Es ist eine Welt, in der Kunst und Technologie miteinander verschwimmen.
Das ist auch bei der Gruppe NFT Deutschland zu beobachten, die sich in den virtuellen Räumen der App Clubhouse trifft. „NFTs bieten neue Möglichkeiten zur Monetarisierung von digitalen Inhalten. Für Künstler, Musiker, Kreative etc. entstehen neue Chancen“, heißt es da.
Für Benyamin Senkal bietet NFT vor allem den Künstlern selbst einige Vorteile gegenüber anderen Medien. Zum einen verlangten Seiten wie OpenSea deutlich niedrigere Verkaufsprovisionen als Galerien, die physisch ausstellen. „Außerdem kann man digitale Kunst nicht fälschen“, sagt er. Zurückzuführen sei das auf den Blockchain-Code, der dezentral gespeichert werde und deshalb Urheber, Käufer und auch mögliche Weiterverkäufe sicher dokumentiere. Auch Kryptowährungen werden in solchen Blockchains erfasst und verschlüsselt.
Staatsgalerie will Käufe nicht ausschließen
Senkal ist nicht der einzige Stuttgarter, der sich mit digitaler Kunst beschäftigt und seine digitalen Bilder oder kurzen Animationen nicht die einzigen digitalen Objekte, auf die Käufer Besitzansprüche erheben. Jan Windauer, der sich Jaytwo nennt, kommt eigentlich aus der Kalligrafie-Ecke. An NFT versucht er sich seit einem Dreivierteljahr. „Der Reiz ist, aus etwas Statischem von Leinwand digital etwas Bewegtes zu machen“, sagt er. Seine Schriftzüge werden zu Animationen.
Für Windauer geht es bei der neuen Ausdrucksform weniger ums unmittelbare Geldverdienen, sondern mehr um die Community. Auch Windauer nutzt die App Clubhouse, um sich mit anderen zu vernetzen. „Ich habe dort viel über Kryptowährungen und Künstlerplattformen gelernt“, sagt er. Jetzt hofft er auf Kollaborationen mit anderen digital geprägten Künstlern, die ihn weiterbringen.
Non-Fungible Tokens sind dabei längst ein weltweites Phänomen. So wurde zum Beispiel auch der erste Tweet des Twitter-Gründers Jack Dorsey als Sammelobjekt versteigert – für mehrere Millionen Dollar. Auch exklusive Musikstücke werden für viel Geld im Netz gehandelt. So hat der schillernde Unternehmer Elon Musk neulich einen Technosong auf Twitter versteigert – die Gebote lagen bei Summen über 100 000 Euro. Auch das gilt als Non-Fungible Token.
Aber wie bewerten altehrwürdige Institutionen in Sachen Kunst den Trend, der sich irgendwo zwischen digitalem Geschäft und neuen künstlerischen Darstellungsformen bewegt? Die Staatsgalerie Stuttgart verfolgt den Trend mit großem Interesse, sieht aber vor allem in den Kryptowährungen einen großen Haken, selbst NFT-Werke zu erstehen. „An der Staatsgalerie verfolgen unsere Kuratorinnen und Kuratoren das Thema Non-Fungible Token mit großem Interesse“, sagt Georg Rothe, Referent für Medien und Kommunikation bei der Staatsgalerie.
Ob es sich um einen vorübergehenden Trend handelt oder sich durchsetzt, sei noch schwer einzuschätzen. „Aber eins lässt sich bereits heute sagen: Mit einem Fokus auf zeitgenössische Positionen in ihrer Ankaufsstrategie ist nicht auszuschließen, dass die Staatsgalerie in Zukunft NFT-Werke ausstellen oder erwerben wird“, sagt Rothe.
Das Phänomen besser verstehen
Vorausgesetzt sei, dass sich der in Kryptowährungen abgewickelte Ankaufsprozess für NFT-Kunst ändere: „Denn NFT-Werke werden mit Bitcoin bezahlt, zu der wir als Landesmuseum keinen Zugang haben.“ Käme ein Ankauf zustande, würden die NFT-Werke in unserer Sammlung für sich alleine stehen. Der Schwerpunkt bei Neuerwerbungen liege bei der Staatsgalerie in der Regel auf der Schließung von Lücken im Bestand, so dass NFT-Werke die Sammlung der Staatsgalerie nicht komplettieren würden. „Bis abzusehen ist, wie sich der Umgang mit NFT-Werken entwickelt, bleiben wir neugierig und versuchen, dieses Phänomen besser zu verstehen“, sagt Rothe.
Den Blick in die Zukunft, wohin die Reise für NFT-Kunst geht, vermag wohl niemand mit einer zuverlässigen Prognose zu werfen. Aber selbst diejenigen, die heute von dem Trend profitieren, bringen doch eine Portion Skepsis mit. So sagt auch der NFT-Künstler Benyamin Senkal aus Stuttgart: „Irgendwann wird die Blase platzen. Aber für NFT wird es auch danach eine Nische geben.“
Hintergrund: Was ist eine Blockchain?
Datenbank
Eine Blockchain ist eine Datenbank, die nicht zentral auf einem Server gespeichert wird, sondern dezentral auf vielen verschiedenen Rechnern. In diesem Netzwerk bewegen Nutzerinnen und Nutzer sich mit nicht nachverfolgbaren Pseudonymen.
Kryptowährung
Jede und jeder hat auf der Blockchain ein Wallet, eine Art digitales Portemonnaie, das mit dem jeweiligen Pseudonym verknüpft ist. Damit können die jeweils auf der Plattform verfügbaren Kryptowährungen gehandelt werden – auf der Bitcoin-Blockchain ist das Bitcoin, auf der Ethereum-Blockchain Ether.
Tokens
Neben Geldwerten in Kryptowährungen können auf einer Blockchain auch andere Werte gespeichert und somit gehandelt werden. Dafür gibt es verschiedene Arten von Tokens: Mit Equity Tokens kann man Unternehmensanteile erwerben, mit Asset Backed Tokens reale Güter wie Edelmetalle und mit Non-Fungible Tokens beispielsweise Kunstwerke.