Nibelungenfestspiele Worms Rächerinnen im Herzensbürgerkrieg
Verschwisterung statt Zickenkrieg: In Ferdinand Schmalz’ „Hildensaga. Ein Königinnendrama“ bei den Nibelungenfestspielen Worms kommen die Frauen endlich zu ihrem Recht.
Verschwisterung statt Zickenkrieg: In Ferdinand Schmalz’ „Hildensaga. Ein Königinnendrama“ bei den Nibelungenfestspielen Worms kommen die Frauen endlich zu ihrem Recht.
Siegfried ist ein Held, der eigentlich nicht mehr erzählt werden kann. Er ist ein Alles und ein Nichts, eine Projektionsfläche für unsere Sehnsüchte und Ängste. Im deutschen Regietheater war dieser Drachentöter schon in vielen Verkleidungen zu sehen: als präpotenter Aufreißer im Kapuzenpulli und Sneakers genauso wie im Designeranzug, im dem er die korrupte Nibelungenfirma seines Kumpels Gunter zu managen versuchte. Doch dass dieser Siegfried mit dem Heldenepos abgeschlossen hat, noch bevor es überhaupt in Gang kommt, das ist schon ein Ding.
Im Domhof zu Worms ist diese frische Version eines Antihelden zu Beginn der neuesten, sehenswerten Auflage der Nibelungenfestspiele zu bewundern. „Hildensaga. Ein Königinnendrama“ also, erdichtet von Ferdinand Schmalz: Im knöcheltiefen Wasserbassin wälzt sich Felix Rechs Siegfried wie ein Verwundeter mit gezeichnetem Oberkörper vor Brünhild (Genija Rykova), der Herrscherin im Isenland.
Eine Unterwerfungsgeste, kein Zweifel. Und Siegfrieds jenseitiger Blick verrät: der Kerl ist unrettbar. Ein Schmerzensmann mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, die Einsätze gegen terroristische Monster haben Spuren im Seelenhaushalt hinterlassen. Die Nornen, drei Schicksalsfäden spinnende Gothic-Queens mit Undercut und Vokuhila, warnen die junge Frau vor dem dubiosen Fremdenlegionär. Doch sie lässt sich auf eine Affäre mit ihm ein, um ihn dann wegzuschicken, was wiederum ihren statusbesessenen Vater Wotan (Werner Wölbern) mächtig in Rage bringt. Daddy ist ein älterer, weißer Ekelmann, der halb blind vor Zynismus und Machtgier seine liebe Tochter an den vermeintlichen Superhelden verhökern möchte.
So nimmt das Schicksal seinen Lauf, kehrt Siegfried, der Gedemütigte, noch einmal zurück - diesmal mit König Gunter im Handgepäck. Der will sich und seinem Volk etwas beweisen, indem er die unbesiegbare Brünhild erobert. Frank Pätzolds Burgunderkönig ist eine quengelnde Lusche im rosa Anzug, dennoch nicht unsympathisch, sein Interesse am Beischlaf mit einer wilden Amazone scheint indes nicht allzu groß. Mit Siegfrieds Hilfe übermannt er die Begehrte, nimmt sie mit in seine Heimat, zur dekadenten Poolparty samt Doppelhochzeit mit der schrecklich netten Familie und Siegfrieds aparter Braut Kriemhild (Gina Haller). Nach vielen Irrungen und Intrigen greift Hagen, Gunters Mann fürs Dreckige, zum Speer. Damit rammt er in jene Stelle zwischen den Schulterblättern Siegfrieds, an der das vermaledeite Lindenblatt die Immunisierung durch das Drachenblut verhindert hat.
Doch gegen die Grausamkeit des Lebens gibt es ohnehin keine Impfung. Und die Liebe? Ist auch keine Lösung. Diese „Hildensaga“ ist vor allem ein Stück über zwei Frauen, über Brünhild und Kriemhild, die nach all den Vergewaltigungen und Kränkungen durch testosterongeschädigte Männer zu Rachegöttinnen werden. Statt des üblichen Zickenkriegs bestaunt man in Worms in einem tollen Bühnenspektakel die Verschwisterung zweier Nibelungenjägerinnen. Der vielgespielte österreichische Autor überschreibt das Heldenepos und macht daraus – anders als im Programmheft angekündigt – kein actiongeladenes Heldinnenepos mit dumpfer Frauenpower, sondern ein fein erzähltes Menschendrama: eine Geschichte über einsame Frauen und Männer, die in ihren Rollen feststecken.
Ob sie denn niemals ihre Rüstung ablegen würde, fragt Siegfried Brünhild. Und sie antwortet: „Wir fallen halt so rein in unsre Panzerkleider wie in diese Zeit.“ Der Regisseur Roger Vontobel inszeniert in diesem Sinne einen plausiblen Herzensbürgerkrieg mit einer großartigen Genija Rykova als Brünhild, die mal cool, oft pragmatisch und stets klug reflektierend die mörderische Geschichte vorantreibt. Ein Genuss, sie beim verbalen Vater-Tochter-Kampf mit Werner Wölberns Wotan innerlich anzufeuern, der mit rasierscharfer Stimme die Luft vor dem Dom zerschneidet, dieser einäugige Irrwisch in rabenschwarzer Kluft, der alles vergiftet.
Die Wasserschlachten der Damen mit Siegfried und Hagen geraten auch schon mal zu lasziven Körperfestspielen, so viel Erotik soll dann doch sein. Als Special Guest in einer reizvollen Filmprojektion auf das Seitenschiff des Doms erscheint ein riesiger Kopf von Mario Adorf als Angrboda, der mythischen Riesin. Doch auch dieser unheimliche Star-Effekt lenkt nicht ab vom eigentlichen Emanzipationsversuch. Alle Figuren sind Opfer und Täter zugleich. Brünhild gewinnt den Kampf gegen das Patriarchat, die Schlacht gegen die Einsamkeit aber verliert auch sie. Und Felix Rechs Siegfried? Eine Leerstelle. Ein trauriger Typ ohne Zukunft. Ein Antiheld wie du und ich. Donnernder Beifall, völlig verdient.
„Hildensaga“ in Worms
Weitere Aufführungen täglich bis 31. Juli. Karten/Informationen unter www.nibelungenfestspiele.de oder telefonisch unter 018 05 / 33 71 71