Nicht alle Schulen sind geschlossen Kinder mit Behinderung: Homeschooling oft nicht möglich

Der Transfer macht Eltern am Rohräckerschulzentrum oft Sorgen, weil Kinder sich im Bus anstecken könnten. Foto: Roberto Bulgrin

Dass auch im Lockdown Schulen offen haben, geht in der Öffentlichkeit oft unter. Am Rohräckerschulzentrum Esslingen gibt es in den Förderschwerpunkten körperliche und motorische Entwicklung und geistige Entwicklung Präsenzunterricht – eine große Hilfe für die Familien. Doch es gibt auch Kritik.

Reporter: Petra Pauli (pep)

Esslingen - Nicht alle Schulen sind derzeit geschlossen. In Sonder- und Förderschulen ist Präsenzunterricht teilweise erlaubt. „Ich war ganz überrascht, als nach Weihnachten die Nachricht von der Schule kam, und war sehr froh, dass es weitergeht“, sagt Tanja Klotz. Ihr zehnjähriger Sohn geht in die Schule für körperliche Entwicklung am Rohräckerschulzentrum auf dem Zollberg. „Wenn man arbeitet, ist es schwer, alles unter einen Hut zu bringen“, sagt die berufstätige Mutter und Elternbeirätin aus Erfahrung.

 

Homeoffice und nebenher noch die Kinder zu betreuen ist für alle Eltern eine Herausforderung. Für Mütter und Väter von Kindern mit Behinderung ist es oft gar nicht zu schaffen. „Es ist deshalb eine große Erleichterung, dass die Schule öffnen durfte“, sagt Elternbeirätin Céline Hammer. Auch die Kinder würden leiden, wenn sie nur daheim sind. Ihnen fehlten eine feste Struktur und Anregung. Die Familie allein könne das auf Dauer nicht ersetzen. Wie gut es den Kindern tut, wenn sie wieder in die Schule dürfen, konnte sie an ihrem 14-jährigen Sohn, der die Schule für geistige Entwicklung besucht. „Ihm geht es jetzt viel besser, er ist ausgeglichener“, sagt die Céline Hammer.

Sorge vor Infektion bleibt groß

Auch die Leiterin des Staatlichen Schulamts, Corina Schimitzek, hält die Ausnahmeregelung des Kultusministeriums für richtig: „Diese besonderen Kinder brauchen lernen vor Ort“, sagt sie. Wo es möglich sei, werde auch Fernunterricht angeboten. „Die technischen Voraussetzungen, die das Landratsamt geschaffen hat, sind wirklich sehr gut“, findet Schimitzek, das ändere aber nicht daran, dass viele Kinder mit dieser Form des Unterrichts überfordert seien.

Doch die Sorge, dass Kinder sich mit Corona infizieren könnten, bleibt weiter groß. „Es ist ein schwieriges Abwägen zwischen einer möglichen Ansteckung und der psychischen Belastung für die Familien“, umschreibt Céline Hammer das Dilemma. Viele Eltern haben deshalb zunächst für sich entschieden, ihre Kinder daheim zu lassen, denn die Präsenzpflicht ist auch an den Förder- und Sonderschulen ausgesetzt. „Wir sind sehr dankbar, dass es keinen Zwang gibt, das ermöglicht den Eltern eine große Flexibilität“, sagt Hammer. Doch von Woche zu Woche steige die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die zum Unterricht kommen. In der Klasse ihres Sohnes sind es inzwischen mehr als die Hälfte. Diese Erfahrung hat auch Tanja Klotz gemacht.

Besonders groß könnte das Ansteckungsrisiko in den Bussen sein, die die Kinder von zu Hause abholen und am Nachmittag zurückbringen. „Die Beförderung bereitet vielen Eltern Bauchschmerzen“, weiß Céline Hammer. Die Schüler kommen verstreut aus dem halben Landkreis – für das Landratsamt eine organisatorische Mammutaufgabe. Je nach Rückmeldung, welche Kinder zum Unterricht kommen, müssen die Touren neu geplant werden. „Man bemüht sich extrem, aber das geht nicht immer kohortenweise“, so Céline Hammer. Dazu kommt, dass oft noch Busbegleiter mit an Bord sind für Kinder mit besonderem Betreuungsbedarf. Die Auslastung der Busse wurde reduziert, es gebe versetzte Ankunftszeiten an der Schule und Mitfahrer würden Masken tragen, zählt Schulamtsleiterin Schimitzek Maßnahmen auf, die das Risiko reduzieren sollen. Für Kinder, die wegen ihrer Behinderung keinen Schutz tragen können, gebe es Einzelfalllösungen.

Lehrer werden oft vergessen

Im Unterricht kann es weitere Durchmischungen geben, etwa wenn ein Schüler mehrere wechselnde Schulbegleiter hat. Der Präsenzunterricht ist deshalb auch für die Lehrkräfte und Betreuer mit einem Risiko verbunden. Alle sind bemüht, Maßnahmen umzusetzen, so wird etwa spielerisch das Händewaschen geübt. Aber Abstand zu halten, fällt vielen schwer oder ist gar nicht möglich. „Ich habe großen Respekt vor den Lehrern, die das mitmachen. Ich verstehe auch jeden, der Angst vor einer Ansteckung hat“, lobt Tanja Klotz das Engagement an der Rohräckerschule. Céline Hammer bewundert vor allem, „dass die Lehrkräfte es die Schüler nie spüren lassen, dass wir uns derzeit in einem Ausnahmezustand befinden“. Alle Mitarbeiter würden an einem Strang ziehen – bis hin zu den Mensakräften, die weiterhin für das Essen sorgen und teilweise in die Klassenzimmer liefern, damit dort nach Gruppen getrennt gegessen werden kann. „Das Hygienekonzept kann gut umgesetzt werden“, beurteilt Corina Schimitzek die Lage und lobt „die fantastische Leistung“ der Lehrkräfte. Zuletzt sei aus dem Rohräckerschulzentrum nur eine Infektion gemeldet worden.

Dagegen kritisiert Ruben Ell von der Fachgruppe Sonderpädagogische Berufe der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), dass die Lehrkräfte an den SBBZ in der öffentlichen Diskussion oft vergessen werden: „Sie müssen besser geschützt werden, denn die Kinder verlangen nicht nur beim Wickeln oder Essen geben Körperkontakt“. Er fordert deshalb, dass die Schulleitungen die Möglichkeit erhalten, bei Bedarf auch Wechselunterricht anzubieten, um die Klassen zu verkleinern. „Die Lehrkräfte versuchen, sich mit den vom Land gestellten KN95- oder selbst gekauften FFP2-Masken zu schützen. Maskenpausen, wie es der Arbeits- und Gesundheitsschutz fordert, können wegen der engen Personaldecke aber nicht eingehalten werden“, gibt Ell zu bedenken. Auch bei den Schnelltests hapert es offenbar: Es stünden zu wenig Tests zur Verfügung. Zudem dürften sich nur Lehrkräfte, nicht aber Schüler testen lassen.

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