Nicht alles lief rund bei den Emmy Awards Spötter, die im Glashaus sitzen

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Bei den Emmy Awards ging es vergleichsweise bieder zu. Attacken auf Donald Trump blieben diesmal aus, über den Metoo-Komplex gab es eher verquälte Witze. Die TV-Branche ist merklich verunsichert über die Skandale in den eigenen Reihen.

Amy Sherman-Palladino kann ihr Glück kaum fassen: „The Marvelous Mrs. Maisel“ bekommt 5 Emmys.Foto:dpa Foto:   17 Bilder
Amy Sherman-Palladino kann ihr Glück kaum fassen: „The Marvelous Mrs. Maisel“ bekommt 5 Emmys. Foto:dpa

Los Angeles - US-Präsident Donald Trump schaut ja gerne mal die TV-Sendungen, von denen er behauptet, er schaue sie nie, und twittert dann erzürnt über. Widersprüche, so sein Credo, muss man offen leben. Zur Verleihung der Primetime Emmy Awards, des wichtigsten TV-Preises der Welt, hat er sich dieses Jahr im ersten Anlauf nicht geäußert. Kein Wunder: Er war in den Moderationen, Witzen, Dankesreden anders als in den Vorjahren kaum noch ein Thema. Wenn er vorkam, dann nur in Andeutungen.

Das liegt nicht etwa daran, dass die mehrheitlich liberale Film- und Fernsehwelt der USA ihren Frieden mit Trump und dessen Politik gemacht hätte. Bei der 70. Emmy-Verleihung in Los Angeles war vielmehr der Glashaus-Effekt zu beobachten. Eine von Metoo-Skandalen und den Vorwürfen des versteckten, aber festgefressenen Rassismus heftig erschütterte TV-Branche mag keine Steine werfen. Sie weiß nicht so recht, wie und wo sie ihre öffentliche, mehr oder weniger lustige Selbstkritik ansetzen soll.

Witze über Belästigungen

Der Eröffnungsmoderation der Komiker Colin Jost und Michael Che von der Satireshow „Saturday Night Live“ hat man das deutlich angemerkt. Es sei eine Ehre, witzelten sie, „diesen Abend mit den vielen, vielen talentierten und kreativen Menschen Hollywoods zu verbringen, die noch nicht ertappt wurden.“ Bei solchen Scherzen ist nicht ganz klar, ob sie nun böse sein wollen oder doch eher daran arbeiten, die Belästigungsskandale als mittlerweile eben normale Begleiterscheinung der Branche zu definieren. Manchem Gag darf man unterstellen, er lasse ein wenig Sehnsucht nach unbedachteren Zeiten durchblicken. „Dieses Jahr“, flapste Jost, „darf das Publikum im Saal Alkohol trinken. Hoffentlich regt Sie das an. Denn was Hollywood jetzt wirklich braucht, sind Leute, die bei der Arbeit ihre Hemmungen ablegen.“

Der Witz klingt um so seltsamer an einem Galaabend, von dem jenseits der Statistiken vor allem ein Heiratsantrag in Erinnerung bleiben wird: Regisseur Glenn Weiss, der für seine Inszenierung der Oscarverleihung geehrt wurde, bat seine im Publikum sitzende Freundin Jan Svendsen erfolgreich von der Bühne herab, seine Frau zu werden. Man kann das rührend finden. Aber manche Frau hätte sich vielleicht einen etwas mehr Raum zum Nachdenken lassenden Rahmen gewünscht.

Sehnsucht nach den Fünfzigern

Vielleicht ist diese Unsicherheit auch der Grund für das Abräumen der Komödienpreise durch die Amazon-Serie „The Marvelous Mrs. Maisel“. So großartig die von „Gilmore“-Girls-Erfinderin Amy Sherman-Palladino geschriebene Serie auch ist, gerade im Komödienbereich war die Konkurrenz besonders stark, etwa mit „Atlanta“, „Curb your Enthusiasm“, „Barry“ und „Glow“, mit deren Autoren, Darstellern und Regisseuren. Dass „Mrs. Maisel“ als beste Komödienserie, Sherman-Palladino sowohl als beste Autorin wie als beste Regisseurin, Rachel Brosnahan als beste Haupt- und Alex Borstein als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde, kam also ziemlich unerwartet.

Haben die 5 Emmys auch damit zu tun, dass „The Marvelous Mrs. Maisel“ in den fünfziger Jahren spielt und von der Durchsetzung einer aus der Hausfrauenrolle ausbrechenden Komikerin in einer Männerwelt erzählt? Damals schienen die Fronten noch klar, scheint eindeutig, wo die Progressiven und wo die Konservativen sitzen, und der normale Macho hat noch die Entschuldigung, dass eben die ganze Gesellschaft so denkt und handelt wie er. Heutzutage scheint die Lage komplizierter: linksliberale und liberale Geister wie der Komiker Louis C. K. und der Nachrichtenmann Charlie Rose stehen genau so am Pranger wie der erzkonservative Einpeitscher Bill O’Reilly von Fox News.

Der ganz falsche Sieger

Die größte Fehlentscheidung der Emmy-Jury – knapp 23 000 Mitglieder der Academy of Television Arts and Sciences“ sind stimmberechtigt – hat aber hoffentlich nichts mit Sehnsucht nach anderen Zeiten zu tun. „Game of Thrones“ mit seinen Intrigen, Schlachten und Morden in einer archaischen Welt wurde zur besten dramatischen Serie erkoren. Leider war dies, so verdient der Nebendarsteller-Emmy an Peter Dinklage sein mag, die erste von heiklen dramaturgischen Schwächen geplagte Staffel dieser formidablen TV-Serie, die demnächst zu Ende gehen wird. Die unverdiente Auszeichnung ist indiskutabel, denkt man an die Qualitäten von „The Americans“, „This is us“ und „Westworld“, die unter anderem auch nominiert waren. Aber sie ist wohl als verfrühter Abschiedsgruß an eine Serie zu verstehen, die das Verständnis dessen, was im Fernsehen möglich ist, verändert hat.

Über die Dominanz weißer Künstler wurde immer wieder gespöttelt an diesem Abend, aber die Witze hätten eigentlich allen im Halse steckenbleiben müssen. 22 von 26 Primetime-Emmys (die Auszeichnungen in weniger publikumsattraktiven Kategorien wurden schon vor Wochen vergeben) gingen an weiße Gewinner. Mit der Bewegung #emmyssowhite ist nun wohl unmittelbar zu rechnen.

Noch mehr Ehren für die Streamingdienste

Aber die Aufmerksamkeit der Abstimmenden war wohl – wieder mal – auf einen ganz anderen Proporz gerichtet: auf die Macht- und Preisverteilung zwischen Streamingdiensten und konventionellem Fernsehen. Es ist noch gar nicht so lange her, da verlief die Trennlinie in der Branchen zwischen den Kabelsendern, die sich etliche Freiheiten erlauben konnten, und den großen Networks, deren Angst vor Werbekunden und Moralaposteln zu herben künstlerischen Korsettschnürereien führte. HBO war damals der Leuchtturm des besseren Fernsehens, der Qualitätsserien aus der Kabelwelt, der Angstgegner der Networks. Mittlerweile aber wird HBO, seit Jahren bei den Emmys der Kanal mit den meisten Auszeichnungen, als Champion der traditionellen TV-Welt gewertet, ein staunenswerter Rollenwechsel.

Der Streamingdienst Netflix allerdings hat bei den 70. Emmys schon vorab für Furore gesorgt, weil er mit 112 Nominierungen an die Spitze der Liste der Hoffnungsvollen kam. HBO, 17 Jahre lang der Nominierungs-Primus, schaffte nur den zweiten Platz (108 Nominierungen). Bei der Verleihung selbst konnte Netflix noch nicht vorbeiziehen, aber erstmals einen Gleichstand erreichen: Insgesamt je 23 Emmys holten Netflix und HBO. Der Kabelsender hat allein neun dieser Preise „Game of Thrones“ zu verdanken. Der Streamingdienst Amazon Prime Video holte mit seinen Produktionen acht Emmys, der Streamer Hulu vier. Bei den klassischen Sendern dürfte also weiter Heulen und Zähneklappern herrschen. Strahlkraft via Emmys bedeutete für die Konkurrenz bislang stets: mehr Abonnenten.

Das insgesamt mulmige Gefühl der Etablierten wurde von Michael Che und Colin Jost in ihrer Moderation auch mal aufgespießt. Das Fernsehen, lobte Che, habe es in den vergangenen 70 Jahren doch sehr weit gebracht. Und Jost antwortete. „Das stimmt. Und mit all den erstaunlichen Beiträgen von allen heute abend hier Versammelten können wir das Fernsehen sicher noch sechs, sieben weitere Jahre am Leben halten.“