Nicht krankenversichert in Stuttgart Wegen Corona in Stuttgart gestrandet, dann kam der Krebs

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Oleksandr Shytiuk wollte nur kurz seinen Sohn in Stuttgart besuchen. Wegen des Lockdowns konnte er nicht zurück in die Ukraine, dann brach bei ihm Krebs aus. Sohn Alexander versucht, das Leben des Vaters zu retten. Denn der ist nicht krankenversichert.

Oleksandr Shytiuk hat durch die Krebserkrankung stark abgenommen. Sein Sohn Alexander kümmert sich um ihn. Foto: Lg/Max Kovalenko
Oleksandr Shytiuk hat durch die Krebserkrankung stark abgenommen. Sein Sohn Alexander kümmert sich um ihn. Foto: Lg/Max Kovalenko

Stuttgart - Oleksandr Shytiuk kauert mit hochgezogenen Beinen auf dem Bett. Er scheint zu frieren, doch er will keine Decke. So harrt er stumm fast zwei Stunden lang aus, aschfahl im Gesicht, während sein Sohn Alexander von dem erzählt, was er „den Albtraum“ nennt. Neben sich hat der junge Ukrainer einen Stapel Papiere, aus denen er immer wieder einzelne Schreiben hervorzieht: Rechnungen, Laborbefunde, Arztbriefe, Schreiben der Ausländerbehörde. Sie zeugen von der Mission, auf der der 28-Jährige ist: das Leben des krebskranken Vaters zu retten.

„Mir ist nur eines wichtig – seine Heilung“, sagt Alexander Shytiuk, der sich seine kleine Einzimmerwohnung im Stuttgarter Westen nun seit einem halben Jahr mit dem Vater teilt. Das war so nicht geplant. Es sollte eigentlich nur ein kurzer Besuch sein, als Oleksandr am 13. März aus Odessa mit dem Hin- und Rückflugticket ankam, das sein Sohn im Dezember gekauft hatte. Der arbeitet seit Mai 2018 als Online-Marketingmanager bei einem Stuttgarter Forschungsinstitut. Nach knapp zwei Wochen hätte Oleksandr Shytiuk zurückkehren sollen in die Ukraine. Dann kam der Corona-Lockdown. Die Grenzen wurden geschlossen, der Rückflug fiel aus. Vater und Sohn nahmen es zunächst leicht. Von dem aggressiven Krebs, der schnell im Magen des 55-Jährigen wachsen sollte, ahnten sie nichts.

15 Kilogramm hat der kranke Mann abgenommen

Ende April bekam Oleksandr Shytiuk starke Schmerzen im Oberbauch. Wie aus heiterem Himmel, sagt Alexander. In einem Stuttgarter Krankenhaus erklärte man die Schmerzen wenige Wochen später mit Gallensteinen und riet – gegen Vorkasse, da der Patient nicht krankenversichert ist – zur Operation. Sohn Alexander kratzte sein Erspartes zusammen. Mitte Juni wurde operiert, früh genug, um den neuen Rückflug am 22. August zu bekommen. Ende August sollte die Aufenthaltsgenehmigung auslaufen. Doch die Schmerzen kehrten auch nach der OP zurück – und Alexander Shytiuk musste zusehen, wie sein Vater noch weniger wurde. Als er nach Stuttgart gereist war, hatte er 70 Kilogramm gewogen, nun sind es 55 Kilo.

Es sei klar gewesen, dass der Mann nicht mehr transportfähig war, erinnert sich die Hausärztin Petra Purath an den Besuch von Vater und Sohn im August in ihrer Praxis, sie kamen auf persönliche Empfehlung. Petra Purath schrieb ein Attest und drang darauf, dass der schwer kranke Mann erneut ins Krankenhaus kam. Das habe seinem Vater das Leben gerettet, glaubt Alexander Shytiuk, der der Ärztin unendlich dankbar ist, weil sie sich sehr für den Vater einsetzt.

Selbst wenn er den Rückflug überlebt hätte – in der Heimat hätte er keine Chance gehabt zu genesen, ist sich sein Sohn sicher. Die Stelle als Bibliothekar habe sein Vater wegen der langen Abwesenheit verloren, ein Krankenversicherungssystem gebe es nicht. „Ich hätte mitfliegen müssen und meine Arbeitsstelle riskiert“, sagt der Sohn. Er selbst lebt seit sieben Jahren in Deutschland, hat nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr an der Hochschule der Medien in Stuttgart studiert.

Freunde und Bekannte spendeten oder liehen Geld

Nach einem CT tippten die Ärzte beim Vater auf ein Magenkarzinom, doch eine Biopsie ergab Lymphdrüsenkrebs: laut Arztbrief ein diffuses großzelliges B-Zell-Lymphom. „Ohne Chemotherapie stirbt er“, sagt die Hausärztin Petra Purath. Da der Patient nicht versichert ist, erfolgt die nur gegen Vorauszahlung. Sechs Zyklen sind angesetzt. Das Geld für die erste Behandlung hat Sohn Alexander zusammenbekommen – Freunde und Bekannte spendeten oder liehen Geld. Inklusive der Gallen-OP flossen schon rund 15 000 Euro in die medizinische Versorgung des Vaters. Doch die Operation Vater-Rettung ist damit lange nicht finanziert.

Auf der Spenden-Plattform Betterplace.me hat Alexander Shytiuk unter der Überschrift „Mein Vater braucht eure Hilfe“ eine Spendenaktion gestartet. Mindestens die zweite Chemotherapie, die dieser Tage angesetzt ist, kann er darüber finanzieren. Wie viel die Behandlung letztlich kosten wird, ist unklar – einige Zehntausend Euro werden es sein. Es hängt davon ab, ob die weiteren Zyklen ambulant vorgenommen werden können. Die Klinik hat keinen Kostenvoranschlag geschickt. Die beiden haben alle bisherigen Behandlungsverträge samt Quittungen aufgehoben, wir haben sie eingesehen.

Das Geld für die Gallen-OP wäre besser in die Chemotherapie geflossen

Der junge Ukrainer hat ein paar Urlaubstage dafür genutzt, in den sozialen Netzwerken für seinen Vater zu trommeln, Blogger und Youtuber anzuschreiben, Stiftungen und Krankenkassen sowie das Sozialamt zu kontaktieren. Doch sobald sein Gegenüber höre, dass der Vater keinen Aufenthaltsstatus habe, sei es vorbei. Nun beantragt er bei der Ausländerbehörde einen Aufenthaltsstatus aus humanitären Gründen für den Vater, auch wenn die Chancen gering sind. Sein Vater sei nicht aus niedrigen Motiven eingereist, betont Alexander Shytiuk. Die Entwicklung sei im März schlicht nicht abzusehen gewesen. Er hätte doch niemals die „ unnötige Gallen-OP“ machen lassen, wenn er gewusst hätte, dass er Krebs hat, sagt der Sohn im Namen des Vaters – und er wiederum hätte sich das Geld für die Chemo aufgespart. Die erste Infusion habe schon etwas bewirkt. „Er hat endlich wieder etwas mehr gegessen.“ Petra Purath glaubt, dass der Vater aufgrund seines Alters „gute Karten“ hat. Warum sie sich so sehr für den 55-Jährigen einsetzt? „Man würde ihn einfach sterben lassen, damit kann ich nicht umgehen“, sagt sie.




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