Nicht zustellbare Pakete aus dem Automaten Stuttgarts erster Secret Pack Automat

39 potenzielle Chancen auf einen Inhalt, mit dem man was anfangen kann: Was bei Rubbellosen und Wundertüten wirkt, wirkt auch bei Secret Packs. Foto: Petra Xayaphoum

Secret Packs oder Mystery Packs sind eine Art Wundertüte für Erwachsene: nicht geöffnete unzustellbare oder retournierte Pakete, die man sich blind für einen Fixpreis aus dem Automaten ziehen kann. Jetzt hat auch Stuttgart seinen ersten Automaten.

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Wundertüten üben nicht nur auf Kinder einen magischen Reiz aus. Überraschungen und die Chance, darin einen tollen Inhalt vorzufinden, lösen auch bei Erwachsenen Glücksgefühle aus. Darauf zielt der Trend rund um Mystery oder Secret Packs: Ungeöffnete Pakete, die unzustellbar waren oder retourniert wurden, und die sich dann Dritte aus entsprechend befüllten Automaten ziehen können – ohne vorher zu wissen, was drin ist.

 

Secret Packs jetzt auch direkt in Stuttgart

Moment – warum sind retournierte Pakete dabei? „Bei manchen Händlern ist die Prozessstruktur so, dass es sich für sie erst ab einem gewissen Wert lohnt – unserer Erfahrung nach liegt der bei 100 bis 150 Euro – die retournierte Ware in den Qualitätsprüfungsprozess zu schicken, um sie danach wieder auf in den Verkauf bringen zu können“, sagt Oliver Fieder. Der 20-Jährige hat im März 2024 seinen ersten Secret-Pack-Automaten in Würzburg aufgestellt. Seitdem folgten viele weitere. Vor Kurzem kam einer am mittlerweile dreizehnten Standort Stuttgart hinzu, und zwar im 24/7-Automaten-Kiosk in der Olgastraße 57A in Stuttgart-Mitte. Weitere gibt es in Esslingen sowie in Filderstadt.

Für zehn (mittelgroßes Päckchen) oder 15 Euro (großes Päckchen) kann man sich dort ein Paket nach visuellen Merkmalen aussuchen (die Scheiben der Automatenfächer sind aus Plexiglas) und elektronisch bezahlen (Bargeld wird nicht akzeptiert). Bei unserem Selbstversuch enthielt das große, weiche Päckchen zwei Kleider sowie einen Bikini und das kleine, festere Päckchen kabellose Kopfhörer sowie einen Multistecker (alles Noname). Den bezahlten Geldwert haben wir in beiden Fällen wahrscheinlich gerade so reingeholt.

„Wir haben viele Kund:innen, die lieber die weicheren Pakete, in der Hoffnung auf Markenklamotten, nehmen. Aber auch einige, die lieber zu den kleinen greifen, in der Hoffnung auf elektronische Geräte“, sagt der Secret-Pack-Gründer Oliver. „Es ist schwer zu sagen, in welchen Paketen teurere Sachen drin sind. In den größeren ist der Wert tendenziell eher höher, aber in den kleineren Paketen sind auch mal ein Handy oder Kopfhörer drin.“

Mit 15 das erste Unternehmen gegründet

Oliver hat sein erstes Business mit 15 Jahren noch als Schüler gegründet. „Damals habe ich mit Restposten und limitierten Schuhen gehandelt“, erklärt der Würzburger, mittlerweile ist er aber nur noch im Automaten Biz aktiv. „Ich habe damals einen Galileo-Beitrag gesehen, der sich um jemanden gedreht hat, der das Ganze im Allgäu gestartet hat“, erklärt der Jungunternehmer, „und ich dachte, das wäre auch für unsere Region was!“ Kurzerhand fuhr er in den Ruhrpott, um einen gebrauchten Automaten zu kaufen, stellte ihn in Würzburg auf und befüllte ihn mit herrenlosen Paketen. „Am ersten Tag gingen gleich 700 Pakete weg“, erinnert er sich zurück. „Von acht bis 20 Uhr standen wir daneben und haben die Fächer nachgefüllt.“

Doch wie kommt er überhaupt an die Pakete? „Es gibt Großhändler, die einen Vertrag mit DHL, Amazon, et cetera haben, bei ihnen kauft man palettenweise die Pakete ein. Die Adressen werden dann bei uns im Lager geschwärzt und dann an die Automaten verteilt.“ Die Betreuung der Automaten übernehmen lokale Partner vor Ort, wie etwa der Betreiber des 24/7-Kiosks in Stuttgart, in dem der Automat auch steht. Sie füllen die leeren Boxen auch wieder mit Paketen nach.

Ab und zu seien auch italienische oder Pakete aus der Schweiz dabei, die meisten seien aber aus Deutschland, sagt Oliver. Bei der Frage nach demr bisher skurrilsten bekannten Paketinhalt muss er kurz nachdenken. „Jemand hatte mal ein Grillhähnchen aus Plüsch aufgemacht und auch diverses Erwachsenenspielzeug war schon dabei.“ Das Feedback der Kund:innen bekommt er oft direkt mit: Er verkauft die Pakete nicht nur über Automaten, sondern ist mit seinen Päckchen auch auf Flohmärkten unterwegs, vor allem, um die großen, unhandlichen Pakete, die nicht in die Automaten passen, an den Mann und an die Frau zu bringen.

Wer sein Produkt beanstanden möchte, kann vom Rückgaberecht Gebrauch machen und bekommt das Geld zurück oder ein neues Päckchen.

Secret Pack Automat, Olgastr. 57A, Stuttgart-Mitte, tägl. 24h geöffnet

Onlinehandel und die Folgen

Paketmenge wächst
Dank hoher Nachfrage im Onlinehandel wächst Deutschlands Paketmenge wieder leicht. Im vergangenen Jahr wurden 4,175 Milliarden Sendungen befördert und damit 0,6 Prozent mehr als 2022, wie aus einer Studie des Bundesverbands Paket und Expresslogistik (BPEX) hervorgeht. 2022 hatte es ein deutliches Minus von 7,9 Prozent gegeben, was am Ende der Corona-Pandemie und dem damit verbunden Rückgang der Bestellungen im Internet gelegen hatte.

EU zieht Reißleine
Viele Bestellungen bedeuten auch viele Retouren – vor allem bei Kleidung. Das EU-Parlament hat deshalb bereits im April für eine Regelung gestimmt, wonach unverkaufte Kleidung nicht mehr vernichtet werden darf. Auch unverkaufte Elektroartikel sollen nicht mehr zerstört werden dürfen. Künftig könnte ein solches Verbot auch für andere Kategorien greifen. Hintergrund ist die sogenannte Ökodesign-Verordnung. Sie schreibt vor, dass Produkte länger halten sollen, sich leichter wiederverwenden, reparieren und recyceln lassen und weniger Ressourcen wie Energie und Wasser verbrauchen dürfen. Der Verordnungsentwurf muss noch formell vom Rat gebilligt werden, um in Kraft treten zu können (dpa/len).

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