Nick Cave hat mit seiner Band Bad Seeds ein Konzert im Ehrenhof des Rastatter Residenzschlosses gegeben. Ein zweieinhalb Stunden ausuferndes, in jeder Hinsicht schweißtreibendes Erlebnis.

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)

Der hagere Schmerzensmann, als der er so gerne apostrophiert wird, übt sich in Selbstgeißelung. Bei satt über dreißig Grad im Schatten tritt Nick Cave am Mittwochabend wie gewohnt in einem schwarzen Anzug auf die Bühne und bekennt in einer Mischung aus Rockstarhabitus und Dandyness freimütig, dass es zwar „fucking hot“ sei, er jedoch auf keinen Fall das Jackett ablegen werde. Die Stirn des australischen Sängers glänzt zwar schon nach der Hälfte des Eröffnungslieds „Get ready for Love“, doch der Mann, der schon ganz andere Prüfungen zu ertragen hatte, hält sich die folgenden zweieinhalb Stunden (!) schweißtriefend, aber eisern an sein abgelegtes Gelübde.

Kann man so machen, man kann es sogar wie der Gitarrist George Vjestica halten, der 150 Minuten lang nicht einmal den Knopf seines Jacketts öffnet, besser fahren aber die rund 6000 Gäste, die im architektonisch spektakulären Ehrenhof des Rastatter Residenzschlosses deutlich leichter geschürzt mitverfolgen, wie hier Nick Cave, der zuletzt kurz vor dem Ausbruch der Coronapandemie allein am Piano im Baden-Badener Festspielhaus beeindruckend mit einer Art Gesprächskonzert gastierte, zum ersten Mal seit gut einem Dutzend Jahren – genauer gesagt seit dem Southside-Festival 2009 – mal wieder mit seiner Band The Bad Seeds ein Konzert im Ländle gibt.

Keine Scheu vor den Massen

Angst vor einer Infektion scheint er aber nicht zu haben, denn der 64-jährige Sänger befleißigt sich nicht nur seit Dekaden eines Predigertons, er scheint im Herbst seiner Karriere auch Gefallen am Predigerduktus zu finden. Gütig greift er immer wieder nach den entgegengestreckten Händen aus dem Publikum in den vordersten Reihen, er schüttelt sie aber nicht, sondern legt schützend seine Hand über sie, breitet gütig wie der Heiland selbst seine Arme aus oder erhebt mahnend den Zeigefinger. Umgekehrt sind ihm die satanischen Ausbrüche aber auch noch nicht auszutreiben. Nick Cave kann noch immer wütend das Mikrofon wegpfeffern, wie vom Derwisch getrieben über die Bühne hechten, kühle Arroganz an den Tag legen, diabolisch grinsen und raunend fluchen, und diese seltsame Diskrepanz im Habitus des elegant vor sich hinschwitzenden Mannes passt irgendwie noch immer perfekt zum Tenor des Konzertabends wie auch des gesamten künstlerischen Œuvres dieses Ausnahmemusikers.

Ein düster gefärbter Melodienstrauß

Reichlich Kostproben davon bietet Nick Cave im Verlauf dieses bis zur Neige ausgekosteten Abends. Ein sinnbildliches Spiegelbild für dynamische Vielfalt und stilistische Varianz auf Höchstniveau könnte der Auftakt des Zugabenblocks nach knapp zwei Stunden sein, zunächst mit der todtraurigen Solopianoballade „Into my Arms“, auf die umgehend die bellende Up-tempo-Nummer „Vortex“ folgt. Noch sinnfälliger wird’s in der Gesamtschau, die zweieinhalb Stunden lang den so oft zitierten Querschnitt durch sein nunmehr 17 Alben umspannendes künstlerisches Schaffen allein mit den Bad Seeds bietet. Und am augenfälligsten wird es in den vielen Spielarten dieses Abends. Nick Caves musikalischer Spiritus Rector, der künstlerische Großmeister Warren Ellis an der echt krass gespielten Violine, Jim Sclavunos am Vibrafon und spannend klingenden Perkussionsinstrumenten sowie ein dreiköpfiger Minigospelchor setzen tolle Akzente, Bass und Schlagzeug legen ein feines Fundament. Nicht alles funktioniert vielleicht, wie man es sich wünschen würde; die britische Soulsängerin Janet Ramus aus dem Backingchor kommt als Duettpartnerin in „Henry Lee“ natürlich nicht an den betörenden Glanz von PJ Harvey heran, mit der Cave den Song im Albumoriginal eingesungen hat, „Tupelo“ entfaltet hier musikalisch breiter angelegt nicht die gleiche Rohheit wie die puristischer instrumentierte Ursprungsversion, und „The Mercy Seat“ geht in der luftigen Livedarbietung ein wenig das barmende Flehen ab, das dieses Stück zu einer der größten Nummern dieses Musikers gemacht hat.

Das alles darf man jedoch getrost als künstlerische Interpretationsfreiheiten deuten, denn in der Summe bezaubert der Abend selbstverständlich erwartungsgemäß. Mit einer schönen postcoronalen Wiedersehensfreude, einem herrlichem Ambiente (der Abend in Rastatt ist, das nur am Rande, der kleinste von nur drei Deutschlandterminen), gediegen vorgebrachter Spitzenmusik und einem noch immer ungemein stimmgewaltigen und höchst unterhaltsamen Mann, der vermutlich sehr sauer würde, wenn man ihn so bezeichnen würde, der aber nach wie vor doch genau das ist: ein toller Entertainer.