Nico Semsrott in Stuttgart Traurige Witze aus der Welt der EU
Das ehemalige Ensemblemitglied der „heute-show“, Nico Semsrott, gibt in der Rosenau Einblicke in sein Leben und Wirken als EU-Abgeordneter.
Das ehemalige Ensemblemitglied der „heute-show“, Nico Semsrott, gibt in der Rosenau Einblicke in sein Leben und Wirken als EU-Abgeordneter.
Politik ist, wenn man’s trotzdem macht – auch wenn man wenig bewirken kann und einen kaum jemand kennt. Diese pauschale Behauptung könnte für so manchen EU-Abgeordneten gelten, zumindest aber trifft sie auf Nico Semsrott zu. Im Gegensatz zu seinen Leidensgenossen in Straßburg und Brüssel aber – ein Publikumstest zeigt, dass die meisten nicht einmal mit dem Namen Manfred Weber etwas anfangen können – hat er eine gewisse Popularität, wenn auch weniger als Politiker denn als Satiriker. Bevor er 2019 ins Europäische Parlament eingezogen ist, gewählt als Kandidat für Die Partei, dann der Fraktion der Grünen / Europäische Freie Allianz beigetreten, war er als depressiver „Demotivationstrainer“ auf Kleinkunstbühnen unterwegs und zwei Jahre Ensemblemitglied der „heute-show“.
Und nun? Der Produzent des ZDF-Satire-Formats habe ihn noch gewarnt, „du bist viel zu sensibel für die Politik“ – „und blöderweise sollte er recht behalten“, erzählt Nico Semsrott auf der Bühne der ausverkauften Rosenau. Nicht nur deswegen ist der „Tryout“ seines Mixformats aus „Lesung, Powerpoint, Fragestunde“, das er in einigen Städten erprobt, mit „Schade“ überschrieben. Aber was gibt es schon positiv zu berichten von einem System, in dem sich 705 Abgeordnete geschätzten 30 000 Lobbyisten ausgesetzt sehen? Wenigstens habe er sich auf Veranstaltungen in Brüssel kostenlos durchgefuttert, die Einladung eines Wirtschaftsrats in dessen Weinkeller aber tapfer abgelehnt. Und er habe Selbstversuche unternommen, wie das mit der Reisekostenerstattung so läuft. Läuft super, ob es sich nun um echte oder erfundene Reisen handelt.
In seinem realsatirischen und deswegen nicht wirklich witzigen Vortrag schießt sich Semsrott auf deutsche Abgeordnete der Konservativen und deren Nebentätigkeiten ein. Bezug nehmend auf die Korruptionsvorwürfe gegen die ehemalige griechische EU-Vizepräsidentin Eva Kaili, eine Sozialdemokratin, resümiert er in traurig-trockenem Duktus „Skandale sind hilfreich, um Regeln zu verändern“, um gleich darauf zu relativieren: „Ja, es gibt Regeln, die aber niemand kontrolliert.“ Die Kapuze seines Hoodies aber, die Semsrott auch nicht bei Plenarsitzungen abnimmt, „verletze die Würde des Parlaments“, so eine offizielle Rüge.
Die finale Fragerunde mit Anliegen aus dem Publikum ist wie ein Parteitag ganz gleich welcher Couleur: nicht lustig. Und so bleibt am Ende nur die Erkenntnis, dass Semsrott sein Wahlversprechen, „in der EU die Demokratie einzuführen, notfalls gegen den Willen der Wählerinnen und Wähler“, nicht einlösen kann. Am 3. Juli 2024 endet sein Mandat mit „maximal netto in fünf Jahren“, wie er per Powerpoint präsentiert: „Gehalt 300 000, Tagegeld 300 000, Bürogeld 300 000“. Dann wolle er erst einmal „eine ganze Weile schlafen“. Einen Hinweis zur möglichen Einflussnahme für alle hat er aber doch noch: Man kann die Abgeordneten ja einfach anrufen. Schließlich sind die Nummern ihrer Büros in Straßburg und Brüssel auf den Parlamentsseiten aufgeführt, neben dem Lebenslauf mit „Auszeichnungen“. Bei Semsrott steht dort trotz seiner vielen Comedypreise nur eines: „Teilnehmerurkunde bei Bundesjugendspielen 1992–1996“.