Nicola Hümpel inszeniert an der Oper Stuttgart „Mich interessiert das Dazwischen“

Nicola Hümpel bei den Proben zu Boesmans’ Oper „Reigen“ Foto: A. T. Schaefer
Nicola Hümpel bei den Proben zu Boesmans’ Oper „Reigen“ Foto: A. T. Schaefer

Weniger um Sex als um Erotik und Intimität geht es Nicola Hümpel in der Oper „Reigen“, die an diesem Sonntag in Stuttgart Premiere hat.

Kultur: Susanne Benda (ben)
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Stuttgart - Wie bewegt sich ein verklemmter Cowboy? Wie ein trauriger Maulwurf? Wie sieht es aus, wenn Schauspieler versuchen, scheinbar Unvereinbares zusammenzubringen? „Ich nähere mich einem Stoff und Theater-Figuren, indem ich mit Widersprüchen arbeite“, sagt Nicola Hümpel (48) über ihre Theatermethode der „angeleiteten Improvisation“, die sie mit ihrer Berliner Kompanie Nico and the Navigators seit 18 Jahren perfektioniert. Das muss man sich als eine Art dialogisches Suchen vorstellen, bei dem die Regisseure die Improvisationen der Darsteller mit Stichworten in bestimmte assoziative Richtungen lenkt und das im Idealfall „in ein Dazwischen mündet, das mich interessiert: in den Kern der Figuren und der Geschichte“. Im Extremfall kann sich dieser Kern, dieses Dazwischen auch mal bei einem verklemmten Cowboy finden – oder irgendwo dort, wo ein Maulwurf seiner abgrundtiefen Trauer begegnet.

In dieser Weise hat sich Nicola Hümpel gemeinsam mit zehn Sängern („Ich liebe sie alle, sie sind toll!“) in den letzten sechs Wochen auch der Oper genähert, die der Belgier Philippe Boesmans 1993 im Auftrag des Brüsseler Théâtre de la Monnaie komponierte: „Reigen“ fußt auf dem gleichnamigen Schauspiel Arthur Schnitzlers von 1920, das vom Librettisten und Regisseur der Opern-Uraufführung, Luc Bondy, lediglich leicht gekürzt wurde. Worum es im Stück geht? Nein, nicht um zehn Geschlechtsakte (die Schnitzler im Schauspieltext nur mit drei Pünktchen andeutet), sondern „um das Davor und Danach, um den Tanz, den wir veranstalten, um da hinzukommen“ - und um die Illusionslosigkeit, Mechanik und Austauschbarkeit der Geschlechterbeziehungen. „Wann entsteht Nähe durch Sex, wann entsteht Sex durch Nähe, wann zerstört Nähe Sex, und wann zerstört Sex Nähe?“: Diese „Urfragen“ im Stück haben die Regisseurin umgetrieben – wobei es ihr, wie sie betont, um Erotik, um Intimität gegangen sei – nicht um Sex, „denn der wirkt auf der Bühne immer künstlich“.

Boesmans’ Musik macht Sehnsüchte deutlich

Bisher hat Hümpel neben Händels „Orlando“ und Detlev Glanerts „Die Befristeten“ vor allem „Mischprojekte“ mit Musik realisiert: szenische Abende rund um Werke von Schubert, Händel oder Mahler, welche „die Musik von traditionellen Präsentationsformen befreien, alte Stoffe physisch und sängerisch ins Heute befördern“ wollten. Und Boesmans’ Musik, von der sich Hümpel bisher vor allem, nach eigener Aussage, „einfach verführen“ ließ? Deren Klänge, sagt die Regisseurin, machten auch die Träume und Sehnsüchte der Menschen deutlich, vor allem in den „fast romantischen Sehnsuchtsklangfarben“ eines Paares, das aus dem Off singt, und gerade diese (utopische?) Gegenposition spiele in ihrer Inszenierung eine große Rolle. Boesmans bewege sich in seinen Klängen geradezu sprunghaft hin und her zwischen extremen Gefühlen. – „und so habe ich die Partitur erst durch die Arbeit mit den Sänger, die diese Gefühle dargestellt haben, richtig verstanden“.

Prägend für die Inszenierung wird das Bühnenbild sein, dessen Räume Oliver Proske laut Hümpel „sehr kalt und nackt gestaltet hat, um die Figuren fast exhibitionistisch auszustellen“. Dies habe unbedingt auch mit der Art zu tun, wie junge Menschen, die zuallererst ihre Karriere im Blick haben, heute oft Beziehungen leben – zum Beispiel über Netzwerke wie Tinder, die potenzielle Sexualpartner in der Umgebung anzeigen. Das wird in der Oper zu sehen sein. „Auch das Bühnenbild“, sagt Hümpel, „durchlebt eine Art Liebesakt. Die Wände blättern sich um wie Buchseiten, und sie werden von Objekten durchdrungen.“

Videoprojektionen wirken wie Lupen

Hinzu kommen Videobilder: Großaufnahmen vor allem von den Sängern, die im Bühnenhintergrund zu sehen sind. 18 Jahre lang, sagt Hümpel, habe sie sich gegen den Einsatz von Videos gewehrt, weil sie ihr als allzu effekthascherisch und als allzu starke Konkurrenten zum Bühnengeschehen erschienen, „aber dann habe ich jetzt im Probenraum diese fantastischen Details in den Gesichtern gesehen, diese Kämpfe zwischen den Figuren und den Persönlichkeiten, die sich mit ihnen auseinandersetzen, und da wollte ich einfach nicht, dass das auf der großen Bühne verloren geht“. Nun sollen die Videobilder wirken wie Lupen, „eine intime Nähe soll immer da sein“, und im Idealfalle könnte der Film so etwas wie eine zweite Kompositionsebene sein; dann entstünde ein Spiel zwischen zwei Wirklichkeiten; dass sich die Sänger in Anwesenheit der Kamera immer auf einen bestimmten Moment konzentrieren müssen, bringe außerdem eine „ganz besondere Intensität“ mit sich.

„Das Gebrochene, Abgründige, Widerwärtige wie ein Messer von hinten durch die Augen der Figuren blitzen lassen“: Das ist Nicola Hümpels erklärtes Ziel. Und „Gebrochenes erleben wir ja nicht nur, wenn ein einbeiniger Penner kotzend an der Straße sitzt, sondern auch bei Bildern, die nach außen sauber sind, aber dahinter wühlt sich widerlicher Schlamm nach oben, und eben dies sieht man in den Gesichtern der Figuren“.

Premiere in der Oper Stuttgart am Sonntag, 24. April, 18 Uhr




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