Nicola Lagioias Roman „Eiskalter Süden“ Schmutzige Hände

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Bauen auf verseuchtem Grund: Nicola Lagioia zeichnet in seinem Roman „Eiskalter Süden“ ein böse funkelndes Bild der italienischen Gesellschaft.

Nicola Lagioia hat für seinen Roman den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, erhalten. Foto: dpa
Nicola Lagioia hat für seinen Roman den wichtigsten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega, erhalten. Foto: dpa

Stuttgart - Normalerweise ist das der Stoff, aus dem Krimis gemacht sind: ein fingierter Selbstmord, Ausschweifungen aller Art, Kokain und korrupte Bauunternehmer, die ihre trügerischen Luftschlösser über einem tiefen Abgrund gesellschaftlicher Verkommenheit errichten. Doch Nicola Lagioias Roman „Eiskalter Süden“ ist so wenig ein Krimi wie die belle­tristische Einkleidung jener deprimierenden Befunde, die Autoren wie Roberto Saviano aus den dunklen Zonen der Schattenwirtschaft ins gleißenden Licht des italienischen Mezzogiorno gezerrt haben.

Was dieses Buch ist, lässt sich vielleicht am besten in Anlehnung an seine Eingangsszene beschreiben: ein Autounfall, alles zerbricht in tausend Einzelteile, nichts bleibt ganz. Aus messerscharf geschnittenen Fragmenten gilt es zusammenzulesen, was für ein Leben hier aus der Kurve getragen wurde. Dem Geschehen entspricht die Form der Darstellung, der kaputten Welt eine Prosa der Brüche.

Der rührige Immobilienmagnat Vittorio Salvemini steckt in der Klemme: seine Tochter, die einen selbstzerstörerischen Lebensstil gepflegt hat, soll sich umgebracht haben, und wegen eines Luxuswohnparks auf verseuchtem Grund droht ihm der Bankrott. Doch der Unternehmer kennt die Gesetze und Verbindlichkeiten der Gesellschaft, in die er sich hochgeboxt hat. Da erweist es sich am Ende sogar als hilfreich, dass der Tod seiner Tochter sich weniger der Freiheit ihres Willens verdankt als den dekadenten Spielen besserer Kreise, denen sie sich unterwarf. Bunga Bunga hieß diese Art von Lustbarkeiten zu Zeiten Berlusconis. Richter, Staatssekretäre, Universitätsrektoren überlassen sich dabei den Monstrositäten ihres Trieblebens um den Preis, erpressbar zu sein. Eine schmutzige Hand wäscht die andere.

Reflexe in den Pupillen einer Ratte

Aber nicht diese Geschichte lässt Lagioias mit dem Premio Strega, dem wichtigsten italienischen Buchpreis, ausgezeichneten Roman schroff aus den Konventionen kriminalistisch drapierter Gesellschaftskritik herausragen. Seine Wucht und Kraft bezieht er vielmehr über den Umweg der Sprache, auf den er den Leser zwingt. Zuweilen syntaktisch kühn wuchernde Beobachtungen und Mikroskopierungen sind das verbindende Element, in dem sich die vielen Splitter aus dem desaströsen öffentlich-privaten Leben der Handelnden zu einem böse funkelnden Zeitbild fügen.

Dieser Sprache entgeht der Reflex in den Pupillen einer Kanalratte so wenig wie die aufrichtige Sentimentalität im Raubtiergemüt des Unternehmers, der sich für die Seinen aufreibt – und koste es die eigene Tochter. „In Italien ist die Familie heilig, für gewöhnlich ziehen es die Leute vor, sich von ihr zerstören zu lassen“, heißt es einmal. Wie der Wind in den Gliedern der aufblasbaren Werbepuppe, die als Galionsfigur auf dem Dach einer Werkstatt durch die Wüsteneien dieses Romans tanzt, fährt die Sprache durch den müden Balg der Figuren. Sie facht den ohnmächtigen Liebestrauerschmerz des psychisch instabilen Halbbruders der Toten zur Entschlossenheit an, endlich den vergifteten Untergrund freizulegen, auf dem sein Vater baut; sie imaginiert die Dopplungseffekte im Bewusstsein der Bekoksten, schwallt durch die Nichtigkeiten einer windigen Jeunesse dorée, malt nebenbei die von Geld und Gier verbrannte Erde des eiskalten Südens – „nichts als Felder, Möbeldiskounter, hässliche, schwarzgebaute Villen“ – und schießt hin und wieder auch über das Ziel hinaus.

Wenn sich die Dichte der Beschreibung in selbstverliebten Manierismen verstolpert, dann gleicht das Lachen einer Frau dem der Stummfilmdiven, „die im kalten Schwarzweißlicht die schneeweißen Zähne zeigten und ihr Antlitz einem Schimmer zuwandten, der die Ewigkeit sein mochte oder ein noch nicht ausgebrochener Krieg“. Bei manch opaken Ballungen ist nicht immer klar, ob sie wirklich dem ausschweifenden Stilwillen des Autors oder nicht eher der Buchstäblichkeit der Übersetzerin Monika Lustig anzulasten sind.

Krisen beflügeln die Literatur

Trotz dieser vereinzelten Mängel ist dieser wilde, ausladende Roman eine Entdeckung, die dem kleinen Secession Verlag nicht hoch genug anzurechnen ist. Alle reden in diesem Jahr von Elena Ferrante. Zu Recht. Doch die italienische Literatur hat noch weitere Ereignisse zu bieten, als gelte es, die These zu bestätigen, dass Krisenzeiten Hochzeiten der Kunst sind. Was in dem Land schiefläuft: der reale und metaphorische Giftmüll unter schönen Oberflächen, die Altlasten der Ära Berlusconi, der moralische Bankrott sich um jeden Preis bereichernder Patriarchen – gerade in seiner entschiedenen Literarizität erfährt man darüber im Werk des 1973 in Bari geborenen Nicola Lagioia mehr als in hundert politischen Kommentaren. Von allen Krisensymptomen, die uns zuletzt aus dem Süden erreicht haben, ist dieses fesselnde Buch vielleicht das beunruhigendste.