Trumpf-Chefin erhält Ehrentitel Kretschmann adelt Leibinger-Kammüller: „Eine, die dem Land Orientierung gibt“

Ministerpräsident Winfried Kretschmann gratuliert der Familienunternehmerin Nicola Leibinger-Kammüller gleich doppelt – zum Ehrentitel und zum Geburtstag. Foto: Staatsministerium BW / Ilkay Karakurt

Ministerpräsident Winfried Kretschmann verleiht Nicola Leibinger-Kammüller den Ehrentitel Professorin – mit einer außergewöhnlichen Laudatio für die Trumpf-Chefin.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Ein Zufall sei es, dass Nicola Leibinger-Kammüller ausgerechnet an ihrem 66. Geburtstag den Ehrentitel Professorin erhalte, scherzt Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Nicht, dass draußen der Eindruck entsteht, man bekomme solche Ehrungen zum Geburtstag geschenkt.“ Tatsächlich war die Verleihung im Staatsministerium schon früher geplant, musste aber auf diesen Montagabend verschoben werden. Gewürdigt wird damit ihr, wie es heißt, außergewöhnlicher Beitrag zur Wissenschaft in zahlreichen Funktionen.

 

Mit dem „Ruf als begnadete Kommunikatorin“

Rund eine Viertelstunde lang lässt Kretschmann die Trumpf-Vorstandsvorsitzende – eine von nur zwei Unternehmensführern, mit der er per Du ist – verbal hochleben. „Wenn du etwas sagst, hören die Menschen zu, weil sie wissen, das ist nicht PR oder die Klage des Kaufmanns, sondern das Ergebnis einer Auseinandersetzung“. Als Unternehmerin schaffe sie es, schwierige Entscheidungen wie den Abbau von Stellen, „zielführend zu gestalten und dann verlässlich, transparent und nachvollziehbar in der Öffentlichkeit zu erklären“. Diese Fähigkeit, so der Regierungschef, habe ihr „den Ruf als begnadete Kommunikatorin eingebracht“.

Er selbst habe einmal im Beraterkreis gesagt: „Politiker verstehen die Wirtschaft besser als die Wirtschaft die Politik.“ Da habe sie nicht widersprochen. Nun hole er den Widerspruch selbst nach oder relativiere seinen Satz zumindest. Denn ihre „praktische Klugheit“ zeige sich nicht nur am unternehmerischen Erfolg. Leibinger-Kammüller sei „eine der wenigen öffentlichen Stimmen, die Debatten nicht einfacher machen, als sie sind, sondern im Gegenteil immer die Komplexität herausarbeiten“, lobt Kretschmann. „Bei dir gibt es nie billiges Wählerbashing, eifriges Anbiedern und kein plumpes Abgrenzen von denen, die einem nicht gefallen.“

„Nestor des schwäbischen Mittelstandes“

Gerade weil sie einen festen politischen Stand habe, könne sie den Schritt auf andere zumachen und „anerkennen, wie schwierig manche Prozesse in der Politik sind“. Ihre Position zur AfD sei zwar unmissverständlich. Aber im Umgang mit deren Wählern wirbt sie dafür, Lösungen anzubieten, „statt zu sagen, ihr seid alle doof“. Wenn es heißt, sie spreche Klartext, dann beruhe dies nie auf einer Vereinfachung der Sachlage, sondern „aus einer klaren Haltung heraus, die Komplexität anerkennt“, so Kretschmann.

Der Chef oder die Chefin von Trumpf sei seit dem Wirken ihres Vater Berthold Leibinger „so etwas wie der Nestor des schwäbischen Mittelstandes“, sagt er. Mit ihrem „beeindruckenden geistigen und kulturellen Horizont“ und ihren „profunden Debattenbeiträgen“ sei sie „eine Persönlichkeit, die unserem Land Orientierung gibt“.

Die erste Begegnung war vor 14 Jahren

Die Replik fällt eher kurz aus. „Bei unserer ersten Begegnung im Jahr 2011 hätte ich mir nicht vorstellen können, 14 Jahre später etwas vergleichsweise Altmodisches, ja Bürgerliches, wie einen Professortitel aus den Händen eines grünen Ministerpräsidenten zu erhalten“, sagt die Geehrte, die einst an der Universität Zürich in Philologie promoviert hat. Sie habe die Hoffnung, „dass die Auszeichnung ein wenig mit meinem Brückenbau zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu tun haben könnte“ – aber nicht mit einer in der Politik schon sprichwörtlichen „Operation Abendsonne“, bei der kurz vor Ende einer Legislaturperiode noch enge Wegbegleiter befördert werden.

Geistes- und Sozialwissenschaften als das „Salz in der Suppe“

Man kann dies auch als Seitenhieb auf die Kritiker verstehen, die Kretschmann in seinem Einsatz für eine neue Beamtenlaufbahn von Geisteswissenschaftlern genau diesen Vorwurf gemacht hatten. Stets sei es ihr ein Anliegen, die Geistes- und Sozialwissenschaften mit in den Blick zu nehmen, sagt sie – „denn sie sind, was nicht jeder Ingenieur auch bei Trumpf versteht, mehr als das Salz in der Suppe oder ein schönes Amüsement“. Vielmehr seien sie „die eigentliche Grundlage unseres Denkens, auch des politischen Denkens“. Dies sei auch eine Lehre des aktuellen Antisemitismus und „jedes anderen religiösen Fanatismus in unserer Zeit“.

Leibinger-Kammüller setzt sich engagiert für Innovation und Bildung ein, etwa in der Wissensfabrik, einem Mitmach-Netzwerk. Zudem gehört sie zahlreichen Vorständen, Präsidien, Aufsichts- und Beiräten an. Es sei ihr stets ein Vergnügen, sagt die Professorin ohne Lehrstuhl, gemeinsam mit Kretschmann für Bildung und Wissenschaft zu streiten, „den vielleicht wichtigsten Ressourcen des Landes, um die es nicht überall zum Besten steht“, wie man in vielfältiger Hinsicht an den Schulen oder an der Entwicklung von Zukunftstechnologien sehe.

Den Grünen-Politiker und die Unternehmerin mit CDU-Parteibuch verbindet vieles. „Vielleicht haben auch unser beider Begegnungen in den letzten Jahren ein bisschen dazu beigetragen, dem liberalen Denken zum Durchbruch zu verhelfen und den radikalen Gedanken endgültig den Todesstoß zu versetzen“, sagt Leibinger-Kammüller direkt an Kretschmann gewandt, der sich in den Siebziger Jahren mal im Kommunismus verirrt hatte. „Es wäre mir eine große Ehre.“

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