Darum boomt Niederbayern Ein Lebensraum bleibt sich treu

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Der Boom, sagt Ralph Heinrich, kam auch nicht von außen: da haben keine Großinvestoren den Wald erstürmt. Es waren kleine, heimische Gründer – wie im Fall Thomas-Krenn – oder örtliche Firmen, die das Wachstum vorangetrieben hätten. „Da sind unsere Gemeinden mit dem Ausweisen von Gewerbegebieten gar nicht mehr nachgekommen.“ Mittlerweile werde es mit geeigneten ebenen Flächen schon so eng wie mit Fachkräften: „Die Firmen jagen sich gute Leute gegenseitig ab.“ Und natürlich: Die Regionalförderung durch die EU und durch Bayern, „die hat uns extrem gut getan. Die setzt viele Hebel in Bewegung.“ Wer im Grenzland immer noch 18 Prozent seiner Investitionen erstattet bekommt, sagt Heinrich, „der baut gleich größer: eine Maschine obendrauf, eine Halle dazu, Zweischichtbetrieb, zwanzig Arbeitsplätze.“ Aber was ist, wenn 2020 die aktuelle Finanzierung der Europäischen Union ausläuft und Niederbayern aus der Regionalförderung hinausfliegt? Heinrich mag gar nicht daran denken.

Boom in bayerisch Fern-Ost

Wer bei „SLE-Electronic“ in Grafenau vorbeischaut, der bekommt erst mal ein Unternehmensvideo gezeigt. Auf Wunsch in Chinesisch. Etliche Jahre war Firmengründer und Geschäftsführer Josef Liebl in Asien tätig; dann hat es ihn zur „Region seiner Wurzeln“ zurückgezogen. Vom Bayerischen Wald aus beliefert er heute Weltfirmen – Rolex, Philips, BMW, Gillette unter anderen – mit Maschinen, die Bauteile während laufender Produktion reinigen, ölen, entölen, beschichten, je nach Bedarf. 300 Leute beschäftigt Liebl, und fürs Gelände gleich nebendran hat er eine Schweizer Firma gewonnen. „Wir sind Teil des Lebensraums“, sagt Liebl. „Die Wege sind kurz; wir sehen uns auch am Abend, am Wochenende. Wir gehen seriös miteinander um. So wie wir eben selber behandelt werden wollen.“

Dann gibt’s noch einen, der seinerzeit mit voller Absicht, als Grenzlandförderung, fast direkt an den Eisernen Vorhang gesetzt wurde, und der heute seinen ganz eigenen Boom erlebt: der Wohnmobil- und Caravan-Bauer Knaus Tabbert in Jandelsbrunn. 2008/09 knapp am Aus vorbeigeschrammt, reitet das einstige Familienunternehmen heute ganz oben auf der Freizeit- und Erlebniswelle. 2016 sei ein Rekordjahr gewesen, sagt Geschäftsführer Werner Vaterl, „und 2017 liegt nochmal um 31 Prozent drüber.“ 100 Millionen Euro will man in fünf Jahren investieren, „dreißig Millionen gleich dieses Jahr.“ Die Beschäftigten hat man auf tausend aufgestockt. „Und wir zahlen Tarif“, hebt Vaterl hervor. Wobei er durchblicken lässt, dass es auch gar nicht anders geht: Wie sonst sollte Knaus Tabbert genügend Mitarbeiter gewinnen? Nicht mal mehr Tschechien, gleich gegenüber, liefert sie: Auch dort herrscht Vollbeschäftigung.

Spinnennetz und Tradition

Jandelsbrunn übrigens ist das äußerste östliche Ende jenes speziellen Systems, mit dem BMW seinen Segen über die ganze Region verteilt hat: ein Netz an Bussen holt die Arbeiter jeden Tag an ihren Wohnorten ab und fährt sie zur Schicht nach Dingolfing. 128 Kilometer, eineinhalb Stunden einfache Fahrt, sind das von Jandelsbrunn aus. Und selbst wenn es dort, im Landkreis Freyung-Grafenau, heute mehr als genug Arbeit gibt, so pendeln täglich immer noch rund 400 BMWler aus dem Wald hinaus.

Das kostenlose Zubringersystem ersetzt, was es in Niederbayern sonst bis heute nicht gibt: einen flächendeckenden öffentlichen Nahverkehr. Und es war, wie man heute sieht, eine der genialsten Entscheidungen der Firmengründer. Das Netz an Buslinien hat auch verhindert, dass aus Dingolfing ein zweites Wolfsburg oder gar Detroit wurde: ein Mega-Zentrum mit Trabanten-Arbeitersiedlungen. Die niederbayerischen Arbeiter wurden nicht entwurzelt, sie bleiben in den Dörfern, aus denen sie stammen. Dort haben sie Familie, Haus oder Baugrund, dazu (früher) meist eine Landwirtschaft; dort sind sie in der örtlichen Gemeinschaft verankert: in der Blaskapelle, dem Fußballverein, der Freiwilligen Feuerwehr. „Die Industrialisierung Niederbayerns“, sagt der Dingolfinger Heimatpfleger Georg Rettenbeck, „hat an den sozialen Strukturen eigentlich gar nichts geändert.“ Nur wohlhabend sind die meisten geworden. Und solange es BMW gut geht . . .

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.nationalpark-bayerischer-wald-die- stimmung-hat-sich-gedreht.d910abfe-ad55-4fe5-ae10-67e42

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