Niederlande Österreicher soll Familie eingesperrt haben

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Neun Jahre lang soll eine Familie in den Niederlanden in einem Keller gehaust haben. Unter Zwang oder freiwillig?

Im Keller dieses Bauernhofs   soll die  Familie jahrelang gehaust haben – ob sie dazu gezwungen wurde, ist noch nicht klar. Foto: AFP/Wilbert Bijzitter
Im Keller dieses Bauernhofs soll die Familie jahrelang gehaust haben – ob sie dazu gezwungen wurde, ist noch nicht klar. Foto: AFP/Wilbert Bijzitter

Ruinerwold - In dem kleinen niederländischen Dorf Ruinerwold nördlich von Zwolle hat sich in den vergangenen neun Jahren ein Familiendrama abgespielt. Sieben Menschen, der kranke Vater und seine sechs Kinder im Alter zwischen 16 und 25 Jahren, sollen dort von dem Österreicher Josef B. im Keller eines abgelegenen Bauernhofs festgehalten worden sein. Der 58-jährige Josef B., der angeblich in Wien geboren wurde und 2010 in die Niederlande übersiedelte, wurde verhaftet. Ihm wird Freiheitsberaubung vorgeworfen, wie die niederländische Staatsanwaltschaft am Mittwoch mitteilte.

Der Fall ruft Erinnerungen an Josef Fritzl hervor, der seine Tochter jahrelang in einem Keller gefangen hielt und sexuell missbrauchte. Ob auf dem Bauernhof in der niederländischen Provinz Drenthe Ähnliches geschah, ist bisher noch nicht bewiesen. Die polizeilichen Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Der kranke Vater und die fünf Kinder wurden von der Polizei in Sicherheit gebracht. Der Bürgermeister der Gemeinde De Wolden, zu der Ruinerwold gehört, Roger de Groot, erklärte auf einer Pressekonferenz: ,,So etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich bin geschockt.‘‘ Von der Mutter der fünf Kinder fehlt bisher jede Spur.

Der älteste Sohn der Familie bringt die Polizei auf die Spur

Alarmiert wurde die Polizei von Chris Westerbeek, dem Eigentümer des Cafés De Kastelein in Ruinerwold. Der älteste Sohn der auf dem Bauernhof eingesperrten Familie hatte sich nachts davongeschlichen und war in Westerbeeks Kneipe aufgetaucht. ,,Er hat mir erzählt, dass er Hilfe brauche und auf einem Bauernhof wohne und dass er sein ganzes Leben nie eine Schule besucht habe. Mir war dann klar: Da stimmt irgendetwas nicht. Er erzählte mir auch, dass er so etwas wie meine Kneipe noch nie gesehen hatte, dass er tagsüber nicht wegkönne aus dem Bauernhof, dass er aber nachts immer rausgehe. Und dass er nicht mehr zurück auf den Hof wolle. Daraufhin habe ich beschlossen, die Polizei anzurufen‘‘, berichtet der Wirt.

Der 25-jährige Sohn nennt sich Jan, einen Pass oder eine ID-Card besitzt er nicht. Die Polizei bestätigte am Mittwoch, dass die Familie ,,nicht ordnungsgemäß registriert ist‘‘. Deshalb seien die einst schulpflichtigen Kinder auch nirgendwo vermisst worden. Allerdings soll Jan unter verschiedenen Profilen seit vergangenem Juni in den sozialen Medien aktiv gewesen sein, berichtet die Zeitung ,,De Telegraaf“. Jan berichtete am 6. Juni, dass er nun für die Firma Creconat‘ arbeite, eine Holzverarbeitungsfirma, die zum Holzunternehmen ,Native Creative Economy in Meppel gehört. Eigentümer dieser Firma ist der Österreicher Josef B. Die Firma ist auch Eigentümer des Bauernhofes in Ruinerwold. Unklar ist bislang, welche Arbeit Jan für Creconat verrichtete. Jan berichtet in den sozialen Medien auch, dass seine Mutter 2004 starb und dass die ganze Familie bis dahin im belgischen Hasselt gewohnt hatte. Dort sei er auch geboren worden. Seine Eltern hätten ein „erfolgreiches Unternehmen‘‘ gehabt und ihre Kinder selbst unterrichtet. Nach dem Tod der Mutter sei die Familie dann in die Niederlande übersiedelt. Seit 2010 lebe man auf dem Bauernhof in Ruinerwold. Offen ist, wie die mysteriöse Familie dorthin gekommen ist und wie sie Josef B. kennengelernt hat.

Nachbarn beschreiben Josef B. als höflich aber verschlossen

Nachbarn berichten, dass Josef B. „sehr verschlossen, aber höflich‘‘ gewesen sei. Er habe den Bauernhof immer mit einem alten Volvo verlassen und bei seiner Rückkehr auf dem Hof die Eingangstür zum Hof sofort wieder verschlossen. Als Josef B. erstmals in Ruinerwold auftauchte, brachte ein Nachbar zur Begrüßung Blumen und eine Flasche Wein mit. „Doch der reagierte total komisch“, erinnerte sich Nachbar John van Dijk. Er sei kurz angebunden gewesen: „Und dann ging das Hoftor auch immer schnell wieder zu.“ Etwas stimme nicht mit dem Mann und dem Hof, spürten die Nachbarn. „Wir dachten, dass es irgendetwas mit Drogen war, eine Haschplantage oder so“, sagte eine Frau.

Inzwischen stellte die Polizei fest, dass der abgelegene Bauernhof rundum von Kameras überwacht wird. Das alles legt den Verdacht nahe, dass sich der kranke Vater mit seinen sechs Kindern dort nicht freiwillig aufgehalten hat. Der TV-Sender RTV Dren­the hatte zunächst berichtet, die Familie habe sich im Keller verschanzt, weil sie Angst vor dem Weltuntergang hatte. Ruinerwold ist ein abgelegenes Dorf mit rund 4000 Einwohnern. Der Bauernhof liegt im Ortsteil Berghuizen. Hier wohnen nur etwa 200 Menschen. Der Hof ist von hohen Bäumen umgeben und von außen kaum einzusehen. Auf dem Grundstück ist ein großer Gemüsegarten und ein Treibhaus. Ziegen und Gänse laufen frei herum.