Nigeria Um zu überleben, hat Mubarak Bala im Knast gebetet

Mubarak Bala mit seiner Frau, über deren Glauben er öffentlich nicht spricht. Foto: privat

In wenigen Gegenden leben Atheisten so gefährlich wie im Norden Nigerias. Der Ingenieur und Bürgerrechtler Mubarak Bala hat dennoch dem Islam abgeschworen – und kam für vier Jahre ins Gefängnis.

Völlig unerwartet nahm ein Gefängniswärter den Insassen zur Seite. Er habe gehört, dass einige Häftlinge planen würden, ihn zu hängen, sagte der Beamte zu Mubarak Bala. Man werde versuchen, ihn zu schützen. Sicherer aber wäre es, wenn er zumindest so tun würde, als habe er seinen Glauben wiedergefunden.

 

Bala überlegte kurz. Dann stimmte er zu, zum Schein wieder an den Gebeten teilzunehmen. Seit fast zwei Jahren saß er damals schon im Gefängnis, verurteilt in Nigerias nördlichen Millionenstadt Kano, nachdem er in 18 Anklagepunkten wegen Blasphemie in einem islamkritischen Facebook-Post schuldig gesprochen worden war. Zunächst betrug das Strafmaß 24 Jahre. Gerade aber war es auf vier Jahre reduziert worden.

Während der Haft hatte er zehn Kilogramm abgenommen

Der 40-Jährige verstellte sich, weil er das Gefängnis überleben wollte, irgendwie. Für sich, seinen Sohn, seine Frau, andere Atheisten in Nigeria. Selbst wenn das bedeutete, dass er einen Glauben vorgeben musste, dem er nicht mehr angehörte. In den überwiegend muslimischen Bundesstaaten im Norden Nigerias gilt, anders als im christlichen Süden des Landes, die Scharia-Gesetzgebung. Sie war die Basis für das Urteil, zu dem Nigerias Justiz eine Anfrage unserer Zeitung unbeantwortet ließ. Im Gefängnis in Kano, wo 2000 Muslime einsaßen, waren einige der Meinung, dass Bala laut der islamischen Gesetze gar die Todesstrafe verdient hatte.

Internationaler Protest wie hier in London hat Balas Freilassung begünstigt. Foto: imago//Vuk Valcic

Sein in örtlichen Medien weiterhin lebhaft diskutierter Fall wirft ein Schlaglicht auf die Situation der Atheisten in Afrika. Statistische Erhebungen sind rar, die prominenteste ist von der amerikanischen Denkfabrik „Pew Research Center” und 15 Jahre alt. Sie beziffert den Anteil der „religiös Ungebundenen” an der Bevölkerung in Subsahara-Afrika auf drei Prozent, lediglich im Nahen Osten und in Nordafrika lag dieser Prozentsatz mit 0,6 noch niedriger. In Deutschland beschreiben sich einer Umfrage aus dem Jahr 2022 zufolge elf Prozent ausdrücklich als Atheisten, während sich 23 Prozent als nicht-religiös identifizieren.

Wie riskant das im Norden Nigerias sein kann, hat Bala hinlänglich erfahren müssen. Eine Konvertierung zum Christentum wäre weniger gefährlich gewesen, sagt er. Schließlich gehört die Mehrheit der Bevölkerung im Süden, rund die Hälfte des Landes, der Religion an – die Kirchen gelten als einflussreich, hätten Druck ausüben können. „So aber war ich allein”, so Bala, dessen Familie während seiner Haft allerdings von internationalen Spenden unterstützt wurde.

Schon während seines Studiums wuchsen bei Bala die Zweifel an seiner Religion. Seine Eltern schleppten ihren erwachsenen Sohn zwischenzeitlich gar zu einem Psychiater. Für sie war die einzige Erklärung, dass er den Verstand verloren hatte. Eine entsprechende Diagnose hätte ihn womöglich vor einer Verurteilung geschützt.

Bala aber ist nicht verrückt. Er ahnte, dass es Todesdrohungen geben würde, war sich im Klaren darüber, dass er Probleme bei der Suche nach einer Frau haben werde. Selbst die Suche nach Job und Wohnung würde sich schwierig gestalten, so berichten es auch Atheisten in anderen Ländern, wie etwa dem überwiegend christlichen Kenia.

Die Haltung westlicher Länder gegenüber Zuwanderung hält er für „naiv”

Letztlich war es der um das Jahr 2009 aufkeimende islamistische Terror, der für Bala den Ausschlag gab, sich vom Islam abzuwenden. „Ich habe Videos gesehen, in denen Boko Haram christliche Frauen geköpft hat“, sagt er, „das hat mich völlig gebrochen.“ Und derartige Verbrechen ließen für ihn durchaus allgemeinere Rückschlüsse auf die Religion zu.

Die oft aufgestellte Behauptung, dass die Terroristen entgegen und nicht im Sinne des Islams handeln, hält er für falsch. „Niemand, der den Islam wirklich versteht, sieht ihn als eine friedliche Religion an“, sagt er. Hinter dieser Deutung stecke der tiefe Wunsch nach einem friedlichen und toleranten Leben. „Die Doktrin ist dagegen. Das ist ein Konflikt, also projizieren sie ihr eigenes Inneres auf die Religion. Sie wollen, dass es so ist, sie wollen es hoffen.“ Wenn man einen von seiner Kultur auferlegten Gott verehre, dann hoffe man nichts mehr, als dass dieser Gott gnädig sei. Ein Trugschluss, sagt Bala.

Die Haltung westlicher Länder gegenüber Zuwanderung aus muslimischen Ländern hält er für „naiv”. Europäische Politiker, die den Islam für eine friedliche Religion halten würden, hätten wohl wunderbare Muslime kennengelernt. „Und davon gibt es natürlich auch Unzählige“, sagt Bala. Doch die Lehre des Islams stimme aus seiner Sicht damit nicht überein – und so werde es immer Nährboden für Terror geben.

Derartige umstrittene Aussagen trifft er weiterhin in nigerianischen Medien, sodass die Kontroversen um ihn nicht abreißen. Manchmal plagen ihn wegen seiner Familie Gewissensbisse. Gegenüber dem Sohn, der erst sechs Wochen alt war, als Bala inhaftiert wurde. Und gegenüber seiner Frau. „Das alles hat sie mehr getroffen als mich.“ Über ihre Religionszugehörigkeit spreche er öffentlich nicht. Um sie zu schützen.

Dauerhaft will er Nigeria nicht verlassen

Bis heute weiß Bala nicht so recht, ob er in Nigeria bleiben soll – oder nicht. Es habe Angebote von Bürgerrechtsorganisationen aus Europa und Nordamerika gegeben, zumindest einige Monate im Ausland zu verbringen. Durchatmen.

Bala zögert noch. Er braucht eine Pause, aber dauerhaft will er das Land ohnehin nicht verlassen, hofft weiterhin auf mehr Toleranz. „Wenn ich auswandere, dann ist das doch wie ein Signal“, sagt Bala, „dann ändert sich nie etwas.“

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