Nik Wallendas Drahtseilakt in Arizona 22 Minuten über dem Abgrund

Von Sebastian Moll 

Millionen von Fernsehzuschauern haben um sein Leben gebangt: Nik Wallenda hat auf einem dünnen Stahlseil eine 457 Meter hohe Schlucht am Gran Canyon überquert – ohne Sicherung, dafür mit Hilfe von Stoßgebeten.

Nik Wallenda balanciert 457 Meter über der Schlucht. Foto: dpa
Nik Wallenda balanciert 457 Meter über der Schlucht. Foto: dpa

San Francisco/Arizona - Es war vollkommen unmöglich, sich auch nur einen Augenblick lang von dem abzuwenden, was am Sonntagabend in den USA zur besten Sendezeit live über den Bildschirm flimmerte. Eine bessere Art Spannung zu erzeugen, hatte nicht einmal Hitchcock auf der Pfanne. 22 Minuten lang hing das Leben von Nik Wallenda wortwörtlich in der Schwebe, 22 Minuten, in denen dem Zuschauer ebenso der Atem stockte und das Herz raste, wie dem Mann, der da ohne Sicherung auf einem Drahtseil 500 Meter über dem Abgrund einer Schlucht in Arizona balancierte.

Immer wieder versuchte Wallenda seine eigenen Nerven unter Kontrolle zu bekommen, „Herr Jesus Christus, hilf mir, ruhig zu bleiben“, betete er mantrahaft um seine Konzentration, während Winde von bis 100 Kilometer pro Stunde sein T-Shirt um den Leib flattern ließen und vorübergehend das Seil so ins Schwanken brachte, dass Wallenda niederknien musste, um den Draht unter seinen Füßen zu beruhigen. Doch der erfahrene Künstler, der in einer Familie von Akrobaten aufgewachsen ist und seit seiner Kindheit auf Seilen tanzt, schaffte es sicher auf die andere Seite der Schlucht, die, anders als beworben, nicht der Grand Canyon selbst, sondern lediglich ein Seitental war. So sicher fühlte er sich am Ende sogar wieder auf dem Seil, dass er die letzten Meter dem festen Boden entgegen rannte, um den Wüstensand zu küssen und seine arme Frau und seine drei Kinder in die Arme zu schließen.

Die Überquerung der Niagara-Fälle 2012 war nichts dagegen

Es war das bisher größte Spektakel, das der Berufsartist angezettelt hat, noch um einen Tick sensationeller und gefährlicher als sein Lauf durch den schäumenden Dunst der Niagara-Fälle vor einem Jahr. Sein Medienpartner damals, der Fernsehsender ABC, hatte es ihm zur Auflage gemacht, eine Sicherung zu tragen, die ihn im Fall eines Sturzes gefangen hätte. Das störte Wallenda gewaltig, „sie haben mir damit ein wenig meinen Lebenstraum zerstört.“

Der Kabelsender Discovery, der schon den Fallschirmrekord von Felix Baumgartner gesponsert hatte, war weniger zimperlich. Er ließ Wallenda entfesselt laufen, die einzige Sicherung für den Katastrophenfall war eine Zeitverzögerung der Übertragung. So würde wenigstens dem Publikum der Anblick einer Tragödie erspart. Doch so weit kam es zum Glück nicht. Der Vollprofi Wallenda blieb hoch konzentriert bis zum Schluss, per Mikrofon gecoacht von seinem Vater, der ihm immer wieder in ruhigem Ton versicherte, dass er das gut mache, und ihm zwischendurch kleine Tipps gab, wie er sich den Gegebenheiten anpassen soll.

Discovery gab zwar keine Zahlen bekannt, aber man kann davon ausgehen, dass sich die Investition gelohnt hat. Zur Niagara-Überquerung haben 13 Millionen eingeschaltet, diesmal dürften es noch deutlich mehr gewesen sein. Und zweifelsohne hat die Abwesenheit einer Sicherung die Attraktion erhöht. „Ich setze hier mein Leben aufs Spiel“, sagte deshalb Wallenda auch noch einmal, bevor er los lief, als sei es nötig, das extra hervor zu heben.

Warum macht er das? Diese Frage versteht er nicht ganz

Wenn man Nik Wallenda fragt, warum er für solche Stunts sein Leben riskiert, dann scheint es, als versehe er die Frage nicht so richtig, er schaut etwas verdutzt, wenn man ihn darauf anspricht. Wallenda ist nun einmal Artist und das mittlerweile der siebten Generation. Schon im 18. Jahrhundert tingelten die Wallendas als Gaukler und Jongleure durch Böhmen. Einer wie er kann nicht anders, es liegt in seinem Blut, sich immer wieder eine neue Herausforderung zu suchen.

Eine Sondermotivation führen die Wallendas allerdings immer wieder ins Feld, wenn die Sprache darauf kommt. Nik Wallendas Großvater stürzte 1978 bei einem Drahtseilakt in Puerto Rico zu Tode. Nik hat das Video des Sturzes immer wieder angesehen, schon als Kind. Vor ein paar Jahre lief er die Strecke ab, auf der sein Großvater gestorben ist, so als könne er das Geschehene auf diese Art Ungeschehen machen. Und seitdem ist jedes seiner Abenteuer eben ein solcher Versuch der Wiedergutmachung. Jedenfalls in der seltsamen Logik des Drahtseilartisten.

Sein nächstes Projekt hatte Wallenda bereits ausgetüftelt, bevor er nach Arizona fuhr: Er will demnächst in Manhattan ein Seil zwischen den berühmtesten Wolkenkratzern der Stadt, dem Empire State Building und dem Chrysler Building, spannen. An Schaulustigen wird es auch dann nicht mangeln.