Kunst im Dienste des Lebens: Schwäbisch-Hall zeigt Plastiken und Gemälde von Niki de Saint Phalle in der Kunsthalle Würth.

Schwäbisch-Hall - Ihre Riesenfrauen locken Pilgerscharen an - und weltweit wird deren Schöpferin geliebt. Jetzt ist die Lebenslust der Niki de Saint Phalle (1930-2002) auch nach Schwäbisch Hall gekommen. 170 Plastiken, Gemälde, Schießbilder, Assemblagen und Grafiken stellen titelgemäß die schöne Forderung: "Spiel mit mir!"

Der einem frühen Schlüsselwerk entstammende Appell zum Mittun gilt fürs gesamte Schaffen Niki de Saint Phalles. Künstlerfilme erschließen ihre Kunst als Form des Protests und des utopischen Entwurfs. Sie zeigen, wie eine Frau ihre Verletzungen durch die Männerwelt schöpferisch transformiert. Kindliche Träume von Zutrauen und Geborgensein schaffen sich ihr Recht in üppig gerundeten Frauenfiguren. Mit weiter Geste verkündet das Museum Würth also Nikis Matriarchat der Liebe. Gespeist wird die große Schau vor allem aus den Schenkungen der Künstlerin an die Niki Foundation im kalifornischen San Diego, an die Museen in Hannover und Nizza sowie aus Eigenbeständen. Und man sieht: kampflos ließen sich Traumwelten auch in Nikis Kunst nicht realisieren.

Ein breit fletschender "Nikigator" zum Durchkriechen, ein Drache zum Hineinsitzen und zwei "Wächterlöwen" - der Begrüßungszoo im Dreimeterformat stammt aus den letzten Lebensjahren der Künstlerin, nachdem sie in Jerusalem mit Mario Botta eine Arche Noah gestaltet hatte. Die hangabwärts liegenden Etagen der Kunsthalle Würth zeigen dann alle Werkphasen, die dieser kolossalen Freundlichkeit vorausgingen. Sie beginnen 1953 mit Malerei der dreiundzwanzigjährigen Künstlerin. In Mustern wuchernd oder pastos mit den Fingern aufgetragen, erinnert die Malerei der frühen Jahre an den Art brut von Dubuffet, daneben scheinen dünne Farbrinnsale aus Jackson Pollocks Aktionen zu stammen ("Pink nude in landscape", um 1956-58). Scherben schimmernden Kinderporzellans in einer gipsgebundenen Assemblage verweisen auf den späteren Mosaikschmuck. Und das Motiv der Kathedrale zeigt: schon damals träumt Niki vom Schaffen an einer künstlerischen Idealwelt als Gemeinschaftswerk. Später wird sie es im "Phantastischen Paradies" (Montreal 1967), in ihrem Tarot-Gartenin der Südtoskana (1978-1998) oder im Skulpturengarten bei San Diego zu Ehren der sagenhaften Königin Kalifia tatsächlich realisieren.

Mit ihrer Kunst begann sie in der Nervenheilanstalt

Zunächst war Nikis Leben zwar glamourös, aber keineswegs glücklich. Geboren wird das zweite Kind des Grafen von Saint Phalle (kein Künstler-, sondern Originalname ihrer Familie aus dem Hochmittelalter) 1930 im mondänen Neuilly bei Paris. Marie-Agnès, genannt Niki, lebt teils im großelterlichen Landschloss in Mittelfrankreich, teils bei den strengen, konventionellen Eltern in New York.

Dort wird sie in engherzige Klosterschulen gesteckt, als Elfjährige vom eigenen Vater missbraucht, macht der Mutter zuliebe eine Mannequin-Karriere und brennt achtzehnjährig mit ihrem Jugendfreund Harry Matthews durch. Aus der Ehe mit diesem begabten Musiker und Literaten stammen zwei Kinder. 1953 kommt der Zusammenbruch. Niki beginnt ihre Kunst als Selbsttherapie in einer Nervenheilanstalt. Von dem amerikanischen Maler Hugh Weiss lernt sie mehr als Maltechniken, nämlich Zutrauen zum eigenen Kunstwollen. Die Kindlichkeit, Unmittelbarkeit und fest umrissene Kontur aber sind ihr eigen, auch alle Motive des späteren Werks sind schon da: Tiere und Menschen in dekorativer Buntheit und monströser Verformung, bedrohte Bräute, Drachen, böse und gute Mütter, Paradiesvögel und magische Bäume aus Albträumen und Märchen.

Dennoch kommt die entscheidende Wende erst 1960, als Niki sich mit Jean Tinguely zusammentut. Dieser kompromisslos selbstbestimmte Partner fordert ihre eigene Stärke heraus. Auf ihre Weise experimentiert auch sie wie ihre Künstlerkollegen der "nouveaux réalistes" mit Assemblagen aus allerhand Müll, meist aber mit unmittelbarem Bezug zur eigenen Existenz ("Das Hackbeil"). Sie ist die einzige Frau im Machoclub der "Neuen Realisten", und deren Theoretiker Pierre Restany wollte ihr allenfalls die marginale Rolle eines bald verglühten Kometen zuerkennen. Da aber erfindet Niki 1961 ihre "Schießbilder": sie überzieht das Gefüge mit einer weißen Gipsschicht zum Relief, schmuggelt noch ein paar Farbbeutel darunter - und lädt zum Schießbudenspektakel. Die Farben spritzen und rinnen, das Kunstwerk ist Prozess, Happening, und Ergebnis zugleich: Niki ist diejenige, der es gelingt, den poppigen Neodadaismus mit den "ungeplanten" Malprozeduren des Abstrakten Expressionismus zu verbinden. Doch anders als dort verkörpern ihre Happenings symbolischen Sinn. Sie befreit sich von ihrem Vater-Trauma. Ihre Liebhaber erledigt sie gleich mit und darüber hinaus auch die hinter weißer Weste machtgeile, geldsüchtige und kriegführende Männerpolitik ("Getötet in der Cavatine", 1962).

Jetzt können die Frauen kommen. Zuerst als pathetische Figuren aus Stoffen, Fundstücken, Drahtgeflecht und Gips oder in herzförmigen Objekten ("Cúur rose", 1964). Danach lässt Niki bunte Riesenweiber aus Polyester tanzen und thronen, etwa die raumgreifende "Nana Balloon" aus dem Kunstmuseum Aalborg. Ihre Nanas repräsentieren beschwingte, lebensbejahende Frauenherrschaft. Die - leider zerstörte - Stockholmer Urmutter "Hon" (= Sie) von 1966 öffnet ihre Vagina zum Hineinspazieren. Das Trauma des Objektseins ist überlegenem Humor gewichen. Und mit 27 Metern erreicht sie auch die erstrebte Dimension: Nikis Figuren sollten die größten sein, "größer als die aller Männer". Später macht die Künstlerin Bücher und Filme, gestaltet indianische Totempfähle, und die Zusammenarbeit mit Tinguely fasziniert im ästhetischen Kontrast ("L'Illumination", 1988, Genf). Stets aber, quer zur herrschenden Doktrin, geht es ihrer Kunst nicht um Kunst, sondern ums Leben.

Traumpaar der Kunst: Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle

Arbeitsehe: „Er war die Person, die ich treffen musste“, sagte Niki de Saint Phalle über ihre Arbeits- und Lebensgemeinschaft mit dem Schweizer Metallkünstler Jean Tinguely. Durch ihn kam sie dazu, ihre Aggressionen künstlerisch produktiv zu machen. Das Publikum zu provozieren war ein probates Mittel zum Ruhm, und Niki setzte es mit ihren Schießaktionen souverän ein. Jean, der gewitzte Schöpfer beweglicher Metallskulpturen von raffinierter Ästhetik, war Niki an Erfahrung voraus. Doch beide respektierten die Eigenständigkeit des andern.

Liebesehe: In Zuneigung und Ehekampf (Heirat 1971) steigerten der alle Konventionen missachtende Arbeitersohn mit seinen zarten Metallgebilden und die schmale Aristokratin mit ihren drallen Skulpturen das Ausdruckswollen. Manchmal verbanden sie sich zum gemeinsamen Werk, so im berühmten Strawinsky-Brunnen unweit des Centre Pompidou in Paris.

Termin: Die Ausstellung „Spiel mit mir“ ist bis zum 16. Oktober in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall zu sehen, täglich von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Der Katalog mit Beiträgen von Werner Spies und Guido Magnaguagno, 332 Seiten, kostet 35 Euro.