InterviewNiko von Glasow im Interview „Bei den anderen sitzt die Behinderung innen“

Der Filmemacher Niko von Glasow geht offen mit seinem Handicap um Foto: dapd
Der Filmemacher Niko von Glasow geht offen mit seinem Handicap um Foto: dapd

Der Contergan-geschädigte Regisseur Niko von Glasow macht Dokumentarfilme über Behinderte. Mit dem Begriff sind alle Menschen gemeint.

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Stuttgart - In seinem neuen Film „Alles wird gut“, der gerade bundesweit im Kino gestartet ist und in zwei Wochen nach Stuttgart kommt, erzählt der selbst Contergan-geschädigte Regisseur Niko von Glasow von einer Theatergruppe aus Behinderten und Nichtbehinderten. Er will Filme machen, die mit ihm selbst zu tun haben, will sich aber nicht auf die Behinderung reduzieren lassen.


Herr von Glasow, vor noch nicht allzu langer Zeit wären Sie mit einem Film wie „Alles wird gut“ konzentrierter Aufmerksamkeit sicher gewesen. Damals war das deutsche Kino auch Anstoßgeber für gesellschaftliche Debatten. Heute scheint eine Inflation an Filmstarts alle Debatten im Keim zu ersticken. Frustriert Sie das nicht?
Es gibt fraglos eine Art Kulturverstopfung. Es wird so viel produziert, sehr viel Gutes, aber auch sehr viel Schlechtes. Der bildende Künstler, der Musiker, auch der Filmemacher muss sich also noch mehr auf sich konzentrieren, auf die Frage: Wer bin ich und was will ich wirklich machen? Das ist die einzige Chance, die wir haben. Dass wir nicht versuchen, jemand anderen zu kopieren. Sondern noch authentischer werden in unserer Kunst. Dass wir Nischen, wie man ein wenig zynisch sagt, noch klarer besetzen. Wir machen etwas anderes als das normale Fernsehen oder der normale Youtube-Mix. Wir machen etwas ganz Spezifisches, was uns ganz nahe ist.

Böse gesagt, wäre Ihre Nische dann die des Behindertenfilms. Ist das nicht auch eine ungute Reduktion, dass der Behinderte der Gesellschaft vor allem über seine Behinderung Auskunft geben soll?
Wenn man ein solches Thema wie Behinderung erforscht, ist es nicht mit einem Film getan. Ich habe festgestellt, dass eigentlich alle Menschen behindert sind. Der einzige Unterschied zwischen Körperbehinderten und dem Rest der Behinderten: Bei den anderen sitzt die Behinderung innen. Jeder hat einen Knall, ja? Also ist das Thema so groß, dass man es mit einem Film nicht abhandeln kann. Ich habe „NoBody’s Perfect“ gemacht, in dem ich Contergan-Geschädigte als ganze Menschen vorgestellt habe, jetzt ist „Alles wird gut“ im Kino, gemacht“, darin geht es um Theater, Schauspiel und Kunst von Behinderten und Nichtbehinderten, und jetzt drehe ich „Olympia“, da geht’s um die Paralympics. Das ist eine Art Trilogie. Dann ist aber auch Schluss. Danach mache ich einen Film, der in Tibet spielt und nur noch entfernt, wenn überhaupt, mit Behinderung zu tun hat.

Und Sie fürchten nicht, dass Sie schon so festgelegt worden sind, dass man anderes von Ihnen gar nicht mehr sehen möchte?
Ich bin behindert. Ich bin aber auch Vater, Deutscher jüdischer Abstammung, Buddhist, Filmemacher, Suchender, also noch ganz viele andere Dinge. Jetzt habe ich mich mit einem Teil meines Seins beschäftigt. Aber es gibt ja mehr, womit ich mich auskenne. Die Behinderung ist nur ein Teil von mir, ein erstaunlich kleiner. Die Geburt meiner Kinder hat mich viel mehr geprägt.

Haben Sie sich als Kind eher als Teil einer großen Gruppe mit demselben Handicap gesehen, oder als Einzelnen?
Ich habe das als völliges Individualschicksal wahrgenommen. Jeder Mensch denkt ja, dass er ganz speziell ist, besonders, wenn er jung ist. Wir waren damals so Vorzeigebehinderte, die putzigen Menschen mit den Flügelchen, wie sie sagten, die bei Aktion Sorgenkind auftreten konnten. Nur sind wir jetzt nicht mehr die putzigen, zierlichen Contergan-Kinderchen. Jetzt sind wir alte Männer und Frauen, deren Spätfolgen extrem sind. Viele von uns leben auf Morphium, viele sind total kaputt. Dass sich die Contergan-Hersteller davor gedrückt haben, uns zu entschädigen, außer mit Pfennigbeträgen, ist unglaublich.

Können Sie sich erinnern, wann Ihnen endgültig klar wurde, was Sie aus Ihrem Leben machen wollten?
Ganz früh. Mein Vater war der Verleger des Kunstbuchverlages DuMont in Köln. In den frühen sechziger Jahren waren bei uns zuhause ständig sehr viele Musiker und Künstler, berühmte und nicht so berühmte, zu Gast, Karlheinz Stockhausen, Maurico Kagel, Nam June Paik, Jackson Pollock, sehr viele Maler vor allem. Und ich saß als Kind mit meinen kurzen Armen da und habe mich in deren Kunstwerke eingemischt. Ich habe denen gesagt: Mal das doch mal so! Und dann haben die das auch getan. Da schon wurde mir klar: Ich werde Regisseur. Anderen Künstlern zu sagen, was sie tun sollen – das ist mein Traumjob.



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