Fremde Tierart in Stuttgart Was kann man gegen Nilgänse tun?
Wie viele Nilgänse genau in Stuttgart leben, wird nicht erfasst. Sie werden häufig als störend empfunden. Die Handlungsmöglichkeiten sind jedoch beschränkt.
Wie viele Nilgänse genau in Stuttgart leben, wird nicht erfasst. Sie werden häufig als störend empfunden. Die Handlungsmöglichkeiten sind jedoch beschränkt.
Stuttgart - Am liebsten würde er die Nilgans bejagen lassen, sagt der Anwohner aus dem Stuttgarter Westen. Sie mache Lärm und Dreck. Und eigentlich gehöre sie hier auch nicht her. Denn die Nilgans ist ein Neozoon, eine vom Menschen absichtlich oder unabsichtlich eingeschleppte Tierart, die zuvor nicht in unseren Breiten heimisch war. Aber so einfach ist es mit dem Schießen nicht. In der Stadt ist das aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Weder rund um den Feuersee, wo sie den Anwohner stören, noch im Schlossgarten. Zu gefährlich wäre das, im dicht besiedelten Gebiet und im umfriedeten Parkgelände, teilt das Ordnungsamt mit.
Einen solchen Rückzugsort fanden die Tiere im Frühjahr dank der Ruhe des Lockdowns auch auf dem Gelände der Wilhelma. Bis zu 200 Vögel machten es sich dort gemütlich, sagt der Biologe Günther Schleussner. Vergrämungsmaßnahmen habe man nicht ergriffen, da die Nilgänse sich „mit fortschreitender Jahreszeit“ wieder zurückgezogen hätten. Erwogen habe man jedoch, sie mit Platzpatronen aufzuscheuchen. Wobei diese Methode immer auch den Nachteil hat, dass alle Tiere erschrecken, nicht nur diejenigen, die man verjagen will.
Die Nilgans hat der Mensch nach Mitteleuropa gebracht. Ursprünglich war sie in Afrika heimisch. Als Ziervogel für Parks kam sie nach Europa. Nun ist es mit der Zier vorbei. Der Ärger überwiegt. Denn die Nilgans mag es ausgerechnet da besonders gern, wo der Mensch seine Freizeit auf der – möglichst von Vogelkot freien – sauber gemähten Wiese verbringt. Im Freibad und in Parkanlagen fühlt sie sich besonders wohl. Und zurück bleiben jede Menge Hinterlassenschaften.
„Sie mögen Parks und Liegewiesen wegen des Nahrungsangebots“, erläutert der Ornithologe Günther Schleussner von der Wilhelma. Zunächst hätten sie sich auch im zoologisch-botanischen Garten nicht des leckeren Vogelfutters wegen, das anderes Federvieh bekommt, niedergelassen, sondern weil sie dort einen ruhigen Rückzugsort fanden und gemähte Wiesen. „Sie sind reine Pflanzenfresser und mögen das Gras. Eine Schnecke lassen sie aber auch nicht liegen.“ Inzwischen haben sie gelernt, dass auch das Vogelfutter nicht zu verachten ist: „Wir brauchten manchmal die drei- bis vierfache Menge“, sagt Experte Schleussner.
Dass die Tiere sich immer weiter ausbreiten werden, glaubt Schleussner nicht. Mit 80 bis 100 Vögeln ist die Nilgans zwar auf dem Gelände das häufigste Tier, „wenn man von den Ameisen und Bienenvölkern absieht“, meint der Fachmann. Es brüte aber nur ein Paar. „Vielleicht wird sie sich auf einem bestimmten Niveau einpendeln, denn sie braucht ja bestimmte Brutplätze, von denen es nicht so viele gibt“, meint der Biologe. Die Gänse nisten gerne in hohen Bäumen, wie auch der vom Geschnatter geplagte Anwohner im Westen leidvoll erfahren musste. Außerdem brauchen sie die Nähe zum Wasser. Zum einen der Gefiederpflege wegen. Zum anderen weil bei den Jungtieren das Skelett und die Beine noch nicht stark genug sind für das relativ hohe Gewicht. Sie bewegen sich besser im Wasser. Krähen- oder Storchennester besetzen sie gerne. Jedoch ziehen sie in der direkten Auseinandersetzung mit Störchen den Kürzeren. Schleussner vermutet, dass sie sich aufgrund der hohen Dichte an Tieren gegenseitig am Brüten hindern.
Wie in der Wilhelma brütet auch im Park der Universität Hohenheim nur ein Paar. „Wir haben uns auf die Linie festgelegt: Ein Paar kann brüten, das ist okay“, sagt Helmut Dalitz, der wissenschaftliche Leiter der Hohenheimer Gärten. Im Park dort sind vor drei Jahren tatsächlich mal Schüsse auf Nilgänse gefallen. Die Jagd auf sie ist auch erlaubt. „Eine wurde erschossen, die andere war dann weg“, sagt Dalitz. Im nächsten Jahr war wieder ein Paar da, und so sei es nun jedes Jahr. Einen Trick gibt es, wie man den Gänsen das Leben schwermachen kann, verrät Dalitz: Wo das Gras nur zweimal pro Jahr gemäht und daher entsprechend hoch ist, gefällt es der Nilgans nicht. „Da sieht sie nicht, wer kommt.“
Wer kommt, sieht die Gans hingegen ganz genau, wenn die Freibäder ihre Tore öffnen. Wenn die Badegäste da sind, zieht sich die Gans zurück. Doch bis dahin grast sie fröhlich und geht vielleicht auch eine Runde schwimmen. Die Mitarbeiter würden daher jeden Morgen vor der Öffnung die Hinterlassenschaften gründlich entfernen, die Wasseraufbereitung sorge dafür, dass der Hygiene Rechnung getragen werde. Das Personal versuche außerdem, die Gänse „unter Beachtung des Tierwohls“ zu verscheuchen, teilt Jutta Silbereisen von den Stuttgarter Bäderbetrieben mit.
Bei der Stadt kommen aktuell Beschwerden wegen der Verunreinigungen durch die Gänse am Probstsee und am Riedsee an. Dort reinige der Eigenbetrieb Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) regelmäßig die Wege von Hinterlassenschaften.
Nilgänse und andere Einwanderer
Herkunft
Ursprünglich kommt die Nilgans vom afrikanischen Kontinent. Im 19. Jahrhundert breitete sie sich auf dem Balkan aus, dort ist sie inzwischen ausgerottet. In Europa hat sie sich als Gefangenschaftsflüchtling breitgemacht. Sie wurde als Ziervogel für Parks und Zoos geholt. Ausreißer breiteten sich von den Niederlanden aus am Rhein entlang aus.
Jagd
Die Nilgans darf bejagt werden. Die Jagdzeit wurde in den zurückliegenden Jahren sogar um zwei Monate ausgedehnt. Im Jagdjahr 2019/20 wurden 1487 Nilgänse erlegt, 13 Prozent mehr als im Jahr davor. Die Zahl der erlegten Wildgansarten steigt seit Jahren kontinuierlich im Land.