Das „Nimmerland“-Projekt mit sehbehinderten Jugendlichen betört im Kammertheater durch akustische Bilder.

Stuttgart - Wahrscheinlich kennt jeder solche Situationen: man wird gemobbt und ausgegrenzt, hält die Streitereien nicht mehr aus, will nur noch weg von hier. Gut, dass es für diese Momente den Sehnsuchtsort „Nimmerland“ gibt. Im gleichnamigen Projekt der Jungen Oper Stuttgart, das im Kammertheater Premiere hatte, ist „Nimmerland“ eine Radiostation. Als erhöhtes Podest steht sie im Zentrum der Bühne, Mischpulte und Mikrofone gibt es dort, aber auch Ungewöhnliches wie ein Teleskop und Metallgegenstände, mit denen allerlei Geräusche erzeugt werden.

Immer wieder klappert, ploppt, kratzt und quietscht es. Kreisförmig sind um den „Nimmerland“-Turm Blecheimer, Plastikwannen, Planschbecken angeordnet. Die 17 Darsteller, Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne Handicap, klopfen und trommeln darauf, schwingen auch mal Plastikschläuche mit zirpendem Ton durch die Luft, bearbeiten metallene Dreiecke. Jochen Fassbender, der für den Instrumentenbau und die musikalische Leitung des achtzigminütigen Stücks verantwortlich ist, hat eine Herkulesaufgabe gemeistert. Da „Nimmerland“ ein Stück mit und für sehbehinderte Menschen ist, muss ein Großteil des Bühnengeschehens auf die akustische Ebene verlagert werden. Das reicht von einfachen Dialogen über gesungene Lieder bis hin zu ausgefeilten Hör-Choreografien. Plötzlich fangen die Darsteller an, immer schneller zu trommeln, während ein Schuhverkäufer hektisch ein Paar in der richtigen Größe sucht. Dann greift das Ensemble zu ge­bogenen Metallrohren, die flötenartig hauchende Töne von sich geben. Nach und nach schwillt das Klangbild mit Donnerblechen, Plastikschläuchen und Rasseln an, und damit wird für alle Zuschauer und Zuhörer der Sturm auf der Bühne erlebbar.

Die ideele Vorlage ist „Peter Pan“

„Nimmerland“ hat viel von dem, was eine typische Abenteuergeschichte ausmacht. Kinder und Jugendliche streiten sich mit Geschwistern und Eltern, haben den Wunsch, auszubrechen und landen in einem verwunschenen Land, in dem es Piraten und Elfen gibt, ganz wie in der ideellen Vorlage „Peter Pan“.

Das Spannende daran ist, dass das Motiv vom Jungen, der nicht erwachsen werden will, auf die Situation junger Menschen mit Handicap übertragen wird. Die müssen auf der Bühne Gewaltiges leisten: nicht nur, dass sie ihre vokalen und instrumentalen Parts erfüllen müssen, sie müssen sich räumlich orientieren und in den Abläufen organisieren, was schwierig ist, wenn man schlecht sieht oder kein Kurzzeitgedächtnis hat. Am Premierenabend klappt das wie am Schnürchen. Man ahnt, wie viel Aufwand das für die Regisseurin Barbara Tacchini gewesen sein muss.

Ein Monster macht aus Kindern Schildkröten

Daneben bietet diese Produktion vielfältige und reizvolle klangliche Strukturen. Beim Piratenlied etwa wird mit Ostinato-Strukturen gearbeitet, dazu klirren Eisenketten und der Kapitän grölt. Für die melancholischen Momente ist Remy zuständig. Er ist einer der beiden Moderatoren bei „Radio Nimmerland“ und singt mit hübscher Stimme selbst konzipierte Lieder wie „Ich bin hier allein“ oder „Ich will nach ­Nimmerland“.

Als er am Ende aufbricht in die Welt der Erwachsenen, bricht das System zusammen. Ein Monster verwandelt alle Kinder in Schildkröten, deren Panzer gerade eben noch Plastikwannen waren, Chaos macht sich auf der Bühne breit und Resignation hält Einzug. Selbst die quirligen Elfen in ihren grünen Kleidern wirken nun müde, und die gelben Regenmäntel, die am Anfang Alle getragen haben, sind ein Relikt einer alten Zeit.

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