Über Theaterkreise hinaus bekannt wurde sie 2010 vor allem mit ihrem Roman „Das achte Leben“, ein gewaltiger Wurf von 1300 Seiten, der dem Leser in einem atemlosen Spannungsbogen über sechs Generationen hinweg die osteuropäische Hälfte der Unglücksgeschichte des letzten Jahrhunderts entgegenschleudert.
Mit dem Schiller-Gedächtnispreis, der ihr an diesem Donnerstag in Stuttgart verliehen wird, reiht sich die 1983 im georgischen Tiflis geborene Autorin ein in die einschüchternde Ahnengalerie der Frischs, Dürrenmatts, Handkes, Walsers und so weiter. Haratischwili ist erst die dritte Frau, der diese höchsten literarischen Weihen des Bundeslands gewährt werden. Kein Preisträger war jünger und keiner trug bisher einen Namen, aus dem hervorginge, dass die deutschsprachige Literatur wieder Anschluss gefunden hat an eine neue Weltliteratur, die nicht mehr nur auf irgendwelche Hintergründe weist, sondern ins Zentrum unserer interkulturellen Lebenswirklichkeit.
Es fällt ein wenig schwer, all diese Großtaten und Durchbrüche mit der jungen Frau in Verbindung zu bringen, die nun das Café betritt. Gerade musste sie noch ihre kleine, viermonatige Tochter stillen, eine zweite ist drei Jahre alt, und natürlich denkt man gleich an die entsprechenden Geschwisterkonstellationen im „Achten Leben“. Frauenpower. Als Zwölfjährige verließ sie mit ihrer Mutter das von Sezessionskriegen geschüttelte Georgien in Richtung Deutschland. Zwei Jahre später kehrte sie nach Tiflis zurück. In Hamburg ist sie 2003 wegen des Studiums gelandet, Theaterregie, und blieb, weil sich daraus so vieles entwickelt hat.
Georgisches Chaos
„Hamburg ist schön, wenn man viel Geld hat“, sagt Nino Haratischwili. Sie liebt St. Pauli, das Wasser, die vielen schönen Ecken, „doch irgendwann ist das erschöpft“. Es fällt ihr schwer, sich vorzustellen, für immer hier zu leben. Andererseits trägt sie das Schreiben ohnehin immer wieder hinaus, zuletzt zu längeren Aufenthalten in Istanbul und Brüssel. „Hamburg ist sehr risikoarm, es wird wenig gewagt, man liebt es eher beschaulich.“ Diese Eigenschaften kann man nicht unbedingt den tiefschwarzen Augen ablesen, mit denen sie ins Leben blickt. Ihre ersten beiden Romane haben sich Tod und Liebe mit Mut zur großen Geste genähert. Aber wie kommt man als 27-Jährige dazu, sich einen Tausendseiter über die Schreckenschronik der Sowjetunion aufzubürden?
„Ich habe schon relativ viel an gesellschaftlichen Umwälzungen mitbekommen“, sagt Nino Haratischwili in feiner Untertreibung. Ihre Kindheit in Georgien fiel in eine wenig friedliche Zeit: Perestroika, Bürgerkriege, wirtschaftlicher Zusammenbruch, florierende Kriminalität: „Die neunziger Jahre waren schlimm, aber ich möchte diese Erfahrungen nicht missen, sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin.“ Als Autorin ist sie fasziniert von der Ansammlung an Geschichten und Extremen: „Das interessiert mich einfach, ich bin nicht so gut darin, vom Alltag zu erzählen.“
Schreiben ist der Versuch, die Dinge besser zu begreifen, der Luxus, tief in ein Thema eintauchen und aus sehr verschiedenen Blickwinkeln betrachten zu können. Eines ihrer zentralen Motive ist die Wiederholung. In ihrem letzten, ebenfalls sehr voluminösen Roman „Katze und General“ soll das Nachspielen eines ungesühnten Verbrechens die Gerechtigkeit wiederherstellen.
Die Geschichte erscheint nicht als linearer Prozess, sondern wie im Mythos als fluchbeladene Wiederkehr. „Wenn man sich die Entwicklung in Georgien während der letzten dreißig Jahre anschaut, ist das eine einzige Wiederholung, ein Drehen im Kreis“, sagt Haratischwili, „mit jeder neuen Regierung keimt neue Hoffnung, kulminiert, fällt ab und am Ende schlägt alles wieder um, leider.“
Der Geschmack der deutschen Sprache
Die Erzählerin im Roman „Das achte Leben“ lernt Deutsch: Anfangs schmeckte es eisig und bitter, heißt es da, später nach Algen und dunkelgrünem Moos, schließlich nach reifen Kastanien. Wie schmeckt es jetzt? Haratischwili lacht: „Ich habe nicht mehr diesen Abstand, um das objektiv zu beurteilen, auf jeden Fall sehr vertraut. Aber es gibt immer wieder Formulierungen, über die ich mich wundere, Sprache ist ein Terrain, das man nie ganz erschließt, aber genau das macht den Reiz aus, man kann mit einer Fremdsprache viel spielerischer umgehen.“
Amüsiert erzählt sie von der lustigen Wandlung, die sie in den Medien durchgemacht hat: „Als ich anfing, war ich eine georgische Autorin, dann georgisch-deutsch, nach dem ,Achten Leben‘ war ich plötzlich deutsch oder zumindest deutsch-georgisch.“ So wurde gerade ein Buch über Georgien zur literarischen Einbürgerungsurkunde. Inzwischen besitzt Nino Haratischwili nach manch anstrengenden und demütigen Prozeduren auch einen deutschen Pass. Ihre Literatursprache ist Deutsch. „Paradoxerweise werde ich umso georgischer, je länger ich in Deutschland lebe.“
Hin und wieder wird ihr auch bewusst, wie fragil die Adoption durch die deutsche Sprache und Kultur sein kann. Für „Die Katze und der General“ wurde sie viel angefeindet: Man billigte ihr nicht zu, über Tschetschenien zu schreiben, sie solle doch bitte bei Georgien bleiben. Dabei liegen ihr die darin thematisierten postsowjetischen Zustände viel näher als Stalinismus und Gulag im „Achten Leben“. „Bei deutschen Autoren würde man das nicht tun, ihnen vorschreiben, worüber sie schreiben dürfen und worüber nicht.“ Manches erscheint ihr seitdem nicht mehr ganz so selbstverständlich, wie sie immer angenommen hat. Da kommt der Schiller-Gedächtnispreis genau zum richtigen Moment.