Noah Haidles Theatergroteske „Der stärkste Mann der Welt“ in Karlsruhe Der glitzernde Untergang des Patriarchats

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Das Badische Staatstheater Karlsruhe hat das „Feminat“ ausgerufen – und zeigt eine Machogroteske des US-Autors Noah Haidle: „Der stärkste Mann der Welt“.

Mühsam baut die Artistenfamilie ihre Pyramide – und in der Mitte der „stärkste Mann der Welt“, gespielt von Klaus Cofalka-Adami Foto: Felix Grünschloss
Mühsam baut die Artistenfamilie ihre Pyramide – und in der Mitte der „stärkste Mann der Welt“, gespielt von Klaus Cofalka-Adami Foto: Felix Grünschloss

Stuttgart - Nach dreihundert Jahren – so alt wird das Badische Staatstheater – ist es auch wirklich an der Zeit: Zum Jubiläum übernehmen die Frauen die Macht in Karlsruhe. Die gesamte Führungsriege ist weiblich, angefangen von der Direktorin und ihrer Stellvertreterin über die Riege der Dramaturginnen bis hin zum Team der Regisseurinnen. Im Sprechtheater herrscht das „Feminat“, wie die Schauspieldirektorin Anna Bergmann sagt, das erste an einem deutschsprachigen Haus überhaupt. Eine Pioniertat – und nur in den unteren Hierarchie-Etagen tummeln sich Männer, was aber ebenso als Schönheitsfehler verbucht werden kann wie die Tatsache, dass das Stück zur Karlsruher Machtübernahme auch von Männerhand verfasst wurde: „Der stärkste Mann der Welt“ des US-Autors Noah Haidle.

Stark ist dieser Mann – gewesen. Noch vor zehn Jahren hat Joe Atlas als Kraftartist mit den Zähnen Busse gezogen, mit den Armen Eisen verbogen und mit der Brust Ketten gesprengt. In Paris hielt er gar auf einer Hand ein Pferd, auf der anderen seine Familie, sagt die Legende, die in dem einst weltweit in Zirkusarenen und auf Showbühnen brillierenden Artistenclan kursiert. Dass dessen Zeit abgelaufen ist, weiß freilich jeder, nur nicht der stärkste, immer noch auf Analogkräfte setzende Mann der Welt. Haidles Stück spielt in aller Lässigkeit mit der griechischen Mythologie und ist ein mit viel Lametta verhübschter Abgesang auf Heldentum und Patriarchat – und abermals erweist sich der Autor, dessen schrille Hausfrauenfarce „Alles muss glänzen“ 2015 zum besten ausländischen Stück gewählt wurde, in seiner jüngsten Groteske als virtuoser Verpackungskünstler. Schwere Themen wickelt er in Entertainment, das manchmal eimerweise mit Theaterblut beschmiert wird und den amerikanischen Traum in einen American Nightmare verwandelt.

Joe Atlas kettet sich an die Sonne

Die Karlsruher Feminats-Regisseurin Christina Paulhofer folgt dieser trashigen Spur. In ihrer Uraufführung der Kraftsack-Satire pariert sie Haidles verrückte Einfälle mit schrägen szenischen Ideen: Joe Atlas, ein Egomane, der partout nicht loslassen kann, klammert sich blind an die ruhmreich verklärte Vergangenheit ebenso wie an seine heiratswillige Tochter namens Artemis. Weil er also die Zeit an- und Tochter & Assistentin in ihrer Absetzbewegung aufhalten will, kettet er sich wie ein antiker Heroe an die Sonne und dreht sie wieder und wieder hinter den Horizont zurück: ein Kettenhund-Sisyphos, der sich in Gestalt des schmächtigen Klaus Cofalka-Adami immer tiefer in die familiäre Isolation schuftet. Die Las-Vegas-Bühne prunkt dabei mit Stars & Stripes, farblich harmonierend mit dem himbeerroten Hemd und den weißen Hosen des Artisten, auf denen sich allerdings während der Sonnennummer ein Fleck breit macht. Der stärkste Mann der Welt ist krank und pinkelt Blut.

Figurenzeichnung, Dialogführung, Handlungsverlauf: Das Starke-Mann-Spiel biegt sich Noah Haidle mit bewundernswerter Chuzpe zu einer Tragikomödie zurecht, die so bunt-makaber wohl nur von Angelsachsen geschrieben werden kann. Zur Karlsruher Uraufführung flog der vierzigjährige Dramatiker aus Hollywood ein, wo er als Autor der auch bei uns laufenden Jim-Carrey-Serie „Kidding“ arbeitet. Danach reiste er weiter nach Stuttgart. In der nächsten Saison, das steht fest, schlägt er mit einem neuen leichten, schweren Stück auch bei Burkhard Kosminski auf.

Aufführungen
am 8. Dezember sowie am 4. und 10. Januar.