Nobelpreisträger-Tagung Kein Mitleid mit den Eisbären

Sterben die Eisbären aus, weil das Eis schmilzt? Eine Frage für Nobelpreisträger! Foto: dpa
Sterben die Eisbären aus, weil das Eis schmilzt? Eine Frage für Nobelpreisträger! Foto: dpa

Einmal im Jahr treffen sich in Lindau am Bodensee Nobelpreisträger zur Diskussion. In diesem Jahr sollte es um die Energiepolitik gehen. Doch was geschieht? Die Forscher streiten sich darüber, ob es überhaupt einen Klimawandel gibt.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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Lindau - Was finden die Frauen nur an Michael Beard? Er ist dick und unsportlich, obendrein unzuverlässig und untreu. Fünf Ehen sind gescheitert, nicht zuletzt an seinen ungezählten Affären. Und doch findet er im Roman „Solar“ von Ian McEwan immer wieder Frauen, die sich um ihn kümmern.

Wissenschaftlich hat Beard indes seine beste Zeit schon lange hinter sich. Die theoretischen Überlegungen, für die er den Physik-Nobelpreis erhielt, liegen schon Jahrzehnte zurück. Doch er will es kurz vor dem Ruhestand noch einmal wissen und treibt einige Millionen Euro auf für ein kleines Kraftwerk, das auf dem Weg der Fotosynthese Energie gewinnt. Künstliche Katalysatoren sollen mit Sonnenlicht Wasser in seine Bestandteile aufspalten, die dann in einer Brennstoffzelle Strom erzeugen. Papa wird die Welt retten, sagt Beards kleine Tochter.

In Lindau lässt sich dieser Tage beobachten, wie weit der fiktive Wissenschaftler Beard von den echten Nobelpreisträgern entfernt ist. Dort steht in der Inselhalle Paul Crutzen gebeugt am Pult. Er ist inzwischen 78 Jahre alt und hat seine goldene Hochzeit feiern können. Nun liest er stockend seinen Vortrag vom Blatt. Es ist eine lange Reihe von Zahlen, die zusammengenommen belegen soll, dass ein neues Zeitalter der Erde angebrochen ist: das Anthropozän, in dem vor allem der Mensch die ­Natur verändert.

Die Menschheit muss handeln – bloß wie?

Crutzen geht es nicht nur um das Ozonloch, für dessen Erforschung er den Nobelpreis erhalten hat. Er erwähnt auch, dass inzwischen auf jede Familie der Erde eine Kuh kommt – und Rinder stoßen ­das Klimagas Methan aus. Er beschreibt die Überdüngung der Felder, das schmelzende Eis im Nordpolarmeer und kommt zum Schluss sogar auf Massenver­nichtungswaffen zu sprechen. Was wäre also zu tun? Paul Crutzen formuliert so allgemein, wie es vielleicht nur Wissenschaftler können: ­Das Anthropozän verlange „angemessenes menschliches Verhalten auf allen Ebenen“.

Sein Kollege Mario Molina, neun Jahre jünger und frischer, der sich den Nobelpreis mit Crutzen geteilt hat, wird etwas konkreter, aber nur ein bisschen: Gegen den Klimawandel helfen Windräder und Solarzellen, sagt er, aber auch Atomkraftwerke und Biosprit. Vor allem brauche man ein internationales Abkommen zum Klimaschutz, auch wenn das nicht absehbar sei, weil der US-amerikanische Kongress keines akzeptieren dürfte. Vom praktischen Ehrgeiz eines Michael Beard ist in Lindau nichts zu spüren.

Nicht einmal den Energiemix bespricht Molina im Detail – er hat andere Sorgen. Denn als dritter Redner wartet das Enfant terrible der Runde: der 83-jährige Ivar Giaever, der ebenfalls auf eine goldene Hochzeit zurückblicken kann. 1973 bekam der in Norwegen geborene US-Physiker den Nobelpreis für Entdeckungen zum Tunnelphänomen in Supraleitern. Eigentlich habe er sich nicht um den Klimawandel geschert, erzählt er, doch vor vier Jahren sei er bei einer Diskussion auf der damaligen Tagung in Lindau darauf gestoßen worden.

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