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Nobelpreisträgertagung in Lindau Der erste afrikanische Forscher mit Nobelpreis?

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Die Welt der Wissenschaft ist stark vernetzt, aber nicht unbedingt mit Afrika. Wie kann man die Talente dort besser fördern?, fragen sich die Nobelpreisträger bei ihrer Tagung in Lindau. Und gibt es eine Lösung für alle Staaten des großen Kontinents?

Das Podium zur Wissenschaft in Afrika (von rechts nach dem Moderator): Prosper Ngabonziza (aus Ruanda), Melinda Barkhuizen (Südafrika) und Serge Fobofou (Kamerun) sowie die Nobelpreisträger Françoise Barré-Sinoussi (Frankreich) und Peter Agre (USA). Über den Forschern ist eine Karte eingeblendet, die die Vernetzung der Wissenschaft andeuten soll. Foto: Adrian Schröder/Lindau Nobel Laureate Meetings
Das Podium zur Wissenschaft in Afrika (von rechts nach dem Moderator): Prosper Ngabonziza (aus Ruanda), Melinda Barkhuizen (Südafrika) und Serge Fobofou (Kamerun) sowie die Nobelpreisträger Françoise Barré-Sinoussi (Frankreich) und Peter Agre (USA). Über den Forschern ist eine Karte eingeblendet, die die Vernetzung der Wissenschaft andeuten soll. Foto: Adrian Schröder/Lindau Nobel Laureate Meetings

Lindau - Wie geht es der Wissenschaft in Afrika? Das will die Tagung der Nobelpreisträger in Lindau klären. Die wissenschaftlichen Kontakte nach Afrika waren schon bei der Eröffnung ein Thema; der frühere Bundespräsident Horst Köhler setzt sich dafür ein. Rund 30 junge Forscher aus afrikanischen Staaten sind in Lindau dabei. Darf man auf einen afrikanischen Nobelpreis in Medizin, Physik oder Chemie hoffen? Solche Fragen ernten gleich Widerspruch: Darf man die afrikanischen Länder über einen Kamm scheren? „Afrika ist komplex“, sagt der Chemiker Serge Fobofou auch gleich. „Es ist kein Land, sondern ein Kontinent.“ Fobofou stammt aus Kamerun, ist dort zur Schule und zur Universität gegangen und arbeitet heute am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie in Halle an der Saale.

Tatsächlich berichten Fobofou und zwei weitere Nachwuchsforscher aus Afrika über unterschiedliche Bedingungen in den verschiedenen Ländern. Wenn er könnte, sagt Fobofou, würde er die afrikanischen Regierungen für die Forschung sensibilisieren. Das sei auch der Ausgangspunkt, um die Bevölkerung zu erreichen. Neben ihm sitzen Melinda Barkhuizen aus Südafrika und Prosper Ngabonziza aus Ruanda. Barkhuizen lässt zum Beispiel auf die südafrikanische Regierung nichts kommen. Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, dann wäre es eine zuverlässige Stromversorgung und günstigere Lieferungen von Reagenzien.

Doch fast zwangsläufig kehrt das Gespräch immer wieder zur Frage zurück, wie es Forschern geht, die aus Afrika stammen oder dort arbeiten: Sollten sie sich beispielsweise auf bestimmte Themen fokussieren wie Tuberkulose, HIV/Aids und Malaria? Hier sagen alle drei: Nein, Afrika brauche auch Grundlagenforschung und letztlich international wettbewerbsfähige Labors. Ngabonziza nennt ein Beispiel aus seinem Heimatland: Ruanda habe viel Sonne, aber bisher keinen Solarstrom. Um die Solarzellen nicht dauerhaft importieren zu müssen, sollte man Naturwissenschaftler und Ingenieure ausbilden, die die Technik beherrschen können.

Droht ein Brain Drain der afrikanischen Staaten?

Auch Barkhuizen und Ngabonziza forschen schon jetzt oder bald in Europa. Die Labors seien dort besser ausgestattet, sagen sie. Ob das ein gefährlicher Brain Drain für ihre Heimatländer ist, bleibt in Lindau offen. Ebenso scheint es möglich, dass es derzeit keine bessere Option gibt, um die Talente aus afrikanischen Staaten auszubilden und ihnen eine gute Startposition für die internationale Forschung zu ermöglichen.

Neben den Unterschieden zwischen den Staaten gibt es in Afrika auch den großen Unterschied zwischen Stadt und Land. Darauf weisen zwei Nobelpreisträger hin, die das Podium in Lindau komplettieren. Françoise Barré-Sinoussi und Peter Agre arbeiten schon lange mit afrikanischen Universitäten zusammen. Das liegt nicht zuletzt an ihren Forschungsgebieten: HIV/Aids und Malaria. Agre berichtet von den Schwierigkeiten einer Forschungsstation auf dem Land: Wenn dort ein Kühlschrank für tiefgefrorene Blut- und Gewebeproben kaputt geht, muss sich ein Techniker auf einen langen Weg machen – und man hofft, dass er das richtige Werkzeug dabei hat, wenn er eintrifft.

Würden diese Proben nicht allzu oft in Europa oder den USA ausgewertet, ohne die Kooperationspartner in Afrika zu würdigen?, wird Agre gefragt. Das sollten sie natürlich, sagt er. „Bei der Publikation einen Autor zu unterschlagen ist wie den Hochzeitstag zu vergessen.“ Serge Fobofou berichtet von einem Patent auf pflanzliches Material, in dem er vergeblich nach einem Namen aus dem afrikanischen Ursprungsland gesucht habe. In Deutschland, sagt er, würden solche Forschungsprojekte aber nur gefördert, wenn es einen Vertrag mit dem afrikanischen Partner gebe.

Und wann erhält der erste afrikanische Forscher einen Nobelpreis?, fragt der Moderator zum Schluss. Vielleicht in 20 Jahren, lautet die zögerliche Antwort. Aber es grundsätzlich schwer vorherzusagen, wer wann einen Nobelpreis erhalte, gibt Barré-Sinoussi zu bedenken.

Hinweis: Tweets von den Veranstaltungen in Lindau finden Sie am Ende dieses Beitrags.