Noch alle Nadeln an der Tanne? Darum steht in Aidlingen noch der Weihnachtsbaum

Vom Weihnachtsbaum zum Tannenbaum: Noch ist die Verwandlung nicht ganz abgeschlossen. Foto: Langner

Weihnachten ist vorbei, trotzdem steht vor dem Aidlinger Rathaus noch immer ein Baum – bis vor Kurzem auch festlich beleuchtet. Der Grund ist närrisch und nachhaltig zugleich.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Weihnachten ist gefühlt schon wieder eine Ewigkeit her, die Christbäume sind abgeholt und die letzten Tannennadeln im Flokatiteppich hat der Staubsauger gefressen. Nur in Aidlingen scheint das jemand nicht mitbekommen zu haben. Dort ragt auf dem Martin-Häge-Platz noch immer der Weihnachtsbaum bis zum Dach des Rathausaltbaus nach oben, bis vom Kurzem strahlte abends sogar noch die Festbeleuchtung. Zugegeben – ein hübscher, herzerwärmender Anblick, der dennoch mit jedem abgerissenen Kalenderblatt zunehmend aus der Zeit gefallen wirkt.

 

Weihnachtsbaum wird Narrenbaum

Andere würden vielleicht sagen, dass die da im Heckengäu nicht mehr alle Nadeln an der Tanne haben und dass der mittlerweile gänzlich abgeschmückte Baum daher kommt wie die alte Fasnet – und lägen damit gar nicht so verkehrt. Der Baum wurde nämlich nicht vergessen, sondern bleibt tatsächlich mit voller Absicht noch bis zum 17. Februar dort stehen. Das ist der Faschingsdienstag, an diesem Tag verabschieden sich Aidlingens Narrenzünfte traditionell von der Fasnetssaison.

Der Baum spielt dabei eine wichtige Rolle, denn wenn nach den Festtagen die tollen Tage anfangen, verwandelt sich der Weihnachtsbaum in einen Narrenbaum. „Dafür wird er vom Bauhof noch entastet“, erklärt Florian Breitling, Vorsitzender und Hexenmeister bei den Aidlinger Aidbachhexen. „Im Gegenzug entsorgen wir später den Baum“, sagt der 32-Jährige. „Das ist dann eine Win-Win-Situation für alle Seiten“, findet er.

Nach Aschermittwoch setzt die Motorsäge dann in der Regel auch dem zweiten Leben des Aidlinger Weihnachtsbaums ein Ende – es sei denn, jemand legt schon vorher Hand an. So war das zumindest vor zwei Jahren, als irgendwelche Spaßvögel den Narrenbaum noch vor dem Rathaussturm abgesägt und damit die Aidlinger Hexen und Teufel ziemlich „narret“ gemacht hatten.

Der Narrenbaum hat in Aidlingen bereits eine langjährige Tradition. „Aus Nachhaltigkeitsgründen verwenden wir dafür immer den Christbaum auf dem Rathausplatz“ erklärt Florian Breitling. Bis auf die Spitze wird der Stamm dafür komplett entastet und steht bis zum Höhepunkt der Fasnet ziemlich nackig da. Am „Schmotzigen Dorschtich“ hängen die diversen Zünfte der Gruppen aus Aidlingen, Deufringen und Dachtel dann zum Rathaussturm ihre Schilder daran und hissen eine Fahne zum Zeichen der närrischen Entmachtung des Gemeindeoberhaupts.

Die Bürgermeisterin beweist Humor

Seit einem Jahr ist dies Helena Österle. Aidlingens Bürgermeisterin hat im vergangenen Jahr schon erlebt, wie es ist, wenn die Narren das Regiment im Rathaus übernehmen. Sie nahm es mit Humor und ließ sich auf das närrische Treiben ein. Warum auch nicht? So ein Rathaussturm ist ja nicht das Ende der Welt.

Und selbst wenn doch – dann darf die Frau Bürgermeisterin sich gerne an Martin Luther halten und frei nach dem (angeblichen) Reformatorenzitat sagen: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Narrenbäumchen pflanzen.“

Weitere Themen