Nördliche Bahnhofstraße in Fellbach Händler befürchten Wegfall von Premium-Parkplätzen

Kuriose Situation in der nördlichen Bahnhofstraße: Der alte Radweg ist offiziell abgeschafft, aber baulich immer noch vorhanden und wird weiterhin noch oft genutzt. Foto: Dirk Herrmann

Nach der Klage des Handels- und Gewerbevereins über vermutlich wegfallende Parkplätze in der nördlichen Bahnhofstraße versucht die Rathausspitze, die Bedenken zu zerstreuen. Alle seien zu Kompromissen gezwungen, aber die würden gemeinsam erarbeitet, verspricht OB Zull.

So voll besetzt wie kürzlich, waren die Zuschauerbänke im Sitzungssaal des Fellbacher Rathauses noch selten. Gut, es war nicht das Gesamtgremium, sondern nur ein Ausschuss, und es war deshalb auch lediglich der kleine Saal – aber ungewöhnlich und vergleichsweise üppig war das Interesse allemal. Die Zuhörerinnen und Zuhörer hatten allerdings auch einen gewichtigen Grund für ihr Erscheinen: Es handelte sich um Gewerbetreibende, deren Betriebe direkt an der nördlichen Bahnhofstraße liegen – und die schon länger ihren Unmut über die Planungen der Stadtverwaltung zu den Umbauaktivitäten in diesem Bereich der zentralen Fellbacher Nord-Süd-Achse kundtun.

 

Handels- und Gewerbeverein nimmt Varianten ins Visier

Mitte April nahm der Gewerbe- und Handelsverein Fellbach (GHV) in einem offenen Brief die von der Stadtverwaltung angedachten Varianten aufs Korn. So hatten sie aus den bisher vorgelegten Konzepten herausgelesen, dass „als Konsequenz auf einer Straßenseite sämtliche Parkplätze wegfallen müssten, damit die vorgegebene Fahrbahnbreite eingehalten wird“. Weniger Parkplätze vor den Geschäften, das bedeute eine Verringerung der Kundenfrequenz, somit eine erschwerte Erreichbarkeit der Geschäfte, eine Schwächung des Einzelhandels und somit Wettbewerbsnachteile gegenüber der Konkurrenz in den Nachbarkommunen. Und generell müsse man einen „Imageverlust für Fellbach“ konstatieren. Zudem seien die veranschlagten vier Jahre Umbauzeit für die circa 700 Meter lange Straße zwischen Stuttgarter Platz und Bahnhofsunterführung „nicht akzeptabel“, so die kategorische Aussage des GHV-Vorsitzenden Maurizio Messina.

Leitungsnetz der Stadtwerke deutlich über 100 Jahre alt

Dem vehementen Protest versuchte Oberbürgermeisterin Gabriele Zull nun in der Sitzung den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Essenz ihrer Ausführungen: Es sei doch noch gar nichts festgezurrt. „Es gibt noch keinen fertigen Planungsentwurf“, versicherte Zull. Vielmehr wolle man den weiteren Vorschlägen der diversen Akteure „ein hohes Gewicht verleihen“.

Grundsätzlich führt an einem Umbau kein Weg vorbei. Das im Straßenraum liegende Leitungsnetz der Stadtwerke Fellbach ist deutlich über 100 Jahre alt, „es muss dringend erneuert werden“, erklärte die OB. „Da steckt einfach sehr viel unten drin“, ergänzte Baudezernentin Beatrice Soltys. Die bereits vor Jahren begonnenen Planungen für die Neuaufteilung des Straßenraums wurden durch Corona auf die längere Bank geschoben. Dies auch auf vielfachen Wunsch der Ladeninhaber hin, die Erholung nach der Pandemie benötigten.

Doch nun soll das Großprojekt weiter vorankommen. Problem: Es bestehen vielerlei Wünsche, die nicht immer auf einen Nenner zu bringen sind – etwa mehr Aufenthaltsqualität, Parkplätze vor den Unternehmen, attraktive Räume für Handel und Dienstleistungen, mehr Grün und Klimabelange, ein sicherer Radverkehr. Dies lasse sich aber mit den bestehenden Straßenquerschnitten nicht vereinbaren, so die Rathauschefin.

Einmalige Chance, diesen Bereich „fit für die Zukunft zu machen“

Zull stellte klar, dass die Bahnhofstraße weiter „Entfaltungsmöglichkeiten für Handel und Gastronomie bieten soll, dazu gehören auch Parkplätze.“ Die Oberbürgermeisterin warb um Unterstützung für dieses Vorgehen: „Wir haben jetzt die einmalige Chance, diesen wichtigen Teil unserer Innenstadt fit für die Zukunft zu machen. Ziel sei, in der Bahnhofstraße „einen Stadtraum von morgen zu gestalten – mit Entfaltungsmöglichkeiten für Handel und Gastronomie und Raum für alle Generationen“. Zugleich benötige man wegen steigender Temperaturen oder des demografischen Wandels auch mehr Beschattungen, mehr Sitzmöglichkeiten oder Trinkbrunnen.

OB Zull hat Ende April die Lage genau inspiziert

Passende Planungen gebe es eben „nicht von der Stange“. Sie selbst habe sich erst Ende April bei einem Rundgang mit der Wirtschaftsförderung und dem Citymanagement ein aktuelles Bild gemacht und festgestellt, dass die gewachsenen Strukturen in der nördlichen Bahnhofstraße „uns vor große Herausforderungen stellen und zu Kompromissen zwingen werden – aber diese Kompromisse erarbeiten wir gemeinsam“.

Die OB verwies auf die weitere umfangreiche Bürgerbeteiligung. „Und natürlich werden wir die ansässigen Unternehmen weiter beteiligen.“ Denn: „Wir haben ganz sicher nicht vor, den Handel aus der Bahnhofstraße herauszuplanen.“

Die divergierenden Positionen in der Stadtgesellschaft zur Zukunft der Bahnhofstraße spiegelten sich auch in den Wortbeiträgen der Fraktionsvertreter wider. Grünen-Rätin Beate Wörner sagte, die „eierlegende Wollmilchsau“ sei eben auch hier nicht realisierbar. Ruth Lemaire (SPD) betonte: „Wir können nicht alle Aspekte, die gefordert werden, unter einen Hut bringen.“

Fellbach ist nicht Amsterdam oder Kopenhagen

Ähnlich die Haltung von Aileen Hocker (Freie Wähler/Freie Demokraten): „Den perfekten Plan gibt es leider nicht; Parkplätze, Fußgänger und Aufenthalt sind schwierig miteinander zu vereinbaren.“ Ihr Fraktionskollege Thomas Seibold hielt vom Verweis auf die gern als Vorbilder genannten europäischen Metropolen wenig: „Fellbach ist nicht mit Amsterdam oder Kopenhagen zu vergleichen.“ CDU-Fraktionschef Franz Plappert warnte vor einem drastischen Wegfall von Parkplätzen sowie einer langen Bauzeit, jede zusätzliche Woche sei „tödlich“, die Einzelhändler dort „werden eine so lange Durststrecke nicht überleben können“.

Einbahnstraßen oder Tempo 20?

Ins Spiel gebracht wurde von einigen Rednern eine Einbahnstraßenregelung – nach Norden hin durch die Bahnhofstraße, die Gegenrichtung durch die rund 120 Meter westlich davon parallel verlaufende Theodor-Heuss-Straße. Damit wäre allerdings die dortige Fahrradstraße kaum mehr aufrechtzuerhalten. Ansonsten könne man in der Bahnhofstraße auch über die Einführung von Tempo 20 nachdenken, hieß es.

Demnächst sollen die Schulleitungen und Elternvertreter der nahe gelegenen Schulen angehört werden. Die „breite Öffentlichkeit“ soll sich im Sommer per Fragebogen beteiligen können. Zum Abschluss erfolgt wiederum eine Rückkopplung aller Ergebnisse mit den Einzelhändlern und Gewerbetreibenden, um ihnen die Angst vor einschneidenden Umsatzeinbußen zu nehmen, ehe dann im Herbst ein erster Planungsentwurf in die Gremien kommt.

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