Chancen auf einen Oscar „Der kindliche Blick auf die Welt fasziniert mich“
Regisseurin Mascha Schilinski über Idee und Dreharbeiten des preisgekrönten Films „In die Sonne schauen“, der jetzt für Deutschland auch noch einen Oscar gewinnen soll.
Regisseurin Mascha Schilinski über Idee und Dreharbeiten des preisgekrönten Films „In die Sonne schauen“, der jetzt für Deutschland auch noch einen Oscar gewinnen soll.
Ein Bauernhof in der Altmark, vier weibliche Hauptfiguren, die zu unterschiedlichen Zeiten dort leben und auf mystische Weise miteinander verbunden zu sein scheinen: Mit ihrem zweiten Spielfilm „In die Sonne schauen“ gewann die Autorin und Regisseurin Mascha Schilinski (41) den „Preis der Jury“ beim Filmfestival von Cannes und soll nun auch für Deutschland in Los Angeles einen Oscar gewinnen. Wie geht man mit so viel Erfolg in so kurzer Zeit um?
Frau Schilinski, Sie sind die Tochter einer Filmemacherin und eines Cineasten. Wurde Ihnen die Leidenschaft für den Film quasi in die Wiege gelegt?
Eigentlich nicht, denn zu Hause ging es nicht wirklich um Film. Mein Vater würde sich im Übrigen mit dem Begriff Cineasten nicht wohlfühlen. Er würde sagen, dass er einfach ziemlich viele Filme in seinem Leben gesehen hat – im Gegensatz zu mir.
Sie haben einen Sommer lang gemeinsam mit Co-Autorin Louise Peter auf dem Hof am Drehbuch gearbeitet, der später zum Drehort wurde. Haben die Mauern gewissermaßen zu Ihnen gesprochen?
Nein, haben sie nicht. Wir haben einen Sommer dort verbracht und in dieser Zeit ist die Idee entstanden. Gearbeitet und geschrieben haben wir vier Jahre lang an dem Film, nicht einen Sommer lang.
Sind Sie ein sehr rational denkender Mensch, der alles durch Gene, Elektrik und Chemie erklärt, oder gibt es in Ihrem Denken auch Raum für das Spirituelle und das Unerklärliche?
Für alles. Spirituell würde ich es nicht nennen, eher phänomenologisch. Zumindest bei diesem Film konkret. Aber uns haben natürlich gerade die Sachen interessiert, die aufgrund der Ratio ausgeklammert worden sind. Oder Phänomene, die wir alle im Alltag kennen, für die es aber keine Worte gibt, weil sie aus unserem Kultur- oder Gesellschaftskreis ein Stück weit verbannt worden sind.
Sebastian Heinzel zeigte 2020 in seiner Doku „Der Krieg in mir“, wie neue Forschungsergebnisse belegen, dass extreme Stresserfahrungen genetisch weitervererbt werden können. Kennen Sie den Film oder das Begleitbuch?
Ja, den Film kenne ich. Wir haben super viel über das Thema transgenerationale Weitergabe von Traumata recherchiert. Wir haben aber ziemlich schnell gemerkt, dass das Thema oft oder sogar hauptsächlich Kriegsthemen zugeschrieben wird. Damit ist es schnell greifbar. Und trotzdem haben uns die ganz feinstofflichen Fragen interessiert. Wir haben uns mehr für die ganz leisen, inneren Beben von Figuren interessiert. Wo etwas verschüttet gegangen oder so schambehaftet ist, dass es nicht weitererzählt wird und auch nicht rekonstruierbar ist.
Welche zeitliche Periode war am schwierigsten zu rekonstruieren?
Ich würde fast sagen, die jetzige Zeit oder nahe Zukunft. Da gab es einen Pool an Sachen, die uns noch interessiert hätten, aber wo wir aber das Gefühl hatten, dass wir schon zweieinhalb Stunden Film haben und deswegen nicht noch acht weitere Stunden erzählen können.
In Ihrem Regiestatement schreiben Sie, dass historische Genauigkeit für Sie nicht im Vordergrund stand. Wann waren Sie dazu bereit, Kompromisse zu machen?
Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass dieser Film sich hintergründig ganz stark damit auseinandersetzt, wie das Erinnern überhaupt funktioniert und wie unsere Erinnerung und Vorstellungskraft ineinandergreifen. Wir tragen alle Bilder in uns, die so nie passiert sind und wo die Vorstellungskraft dazugekommen ist. Ein Beispiel: Wir sitzen jetzt hier und sind beide in unserer Subjektiven befangen. Wir schauen uns durch unsere Augen an. Wir können uns aber durchaus, wenn wir uns an dieses Gespräch erinnern, plötzlich selbst von außen sehen und haben ein Bild in unserer Erinnerung, was so nicht stattgefunden hat. Auf diese Art greifen Vorstellungen und Erinnerungen ineinander.
Wie haben Sie sich die Fähigkeit bewahrt, die Welt durch die Augen von Kindern zu sehen?
Das weiß ich auch nicht. Irgendwie lande ich immer wieder bei Kindern im Film. Ihr kindlicher Blick auf die Welt fasziniert mich. Sie haben die schon fast halluzinatorische Kraft, Dinge aufzudecken, die eigentlich verborgen bleiben sollen. Sie spüren instinktiv, wo etwas nicht stimmt. Sie können es aber nicht benennen, weil sie die Worte dafür noch nicht kennen oder weil es die Worte überhaupt nicht gibt. Durch Kinderaugen kann man die Absurditäten dieser gemachten Welt, in der wir leben, gut aufdecken.
Wie haben Sie der sehr jungen Schauspielerin Hanna Heckt den schwierigen Stoff vermittelt, etwa das Thema Tod?
Das ist ganz interessant, weil ich gar nicht finde, dass das ein schwieriges Thema ist. Das war auch etwas, was uns fasziniert hat und worum es im Film selbst geht. In der Zeit, in der Hannah Heckts Rolle Alma spielt, den 1910er Jahren, war das Sterben noch ganz alltäglich im Leben. Jemand ist unterm Dach gestorben und man hat es mitbekommen. Siebzig Leute haben auf einem Hof gelebt und es gab eine hohe Kindermortalität. Der Tod hat zum Leben einfach dazu gehört. Heute wird er plötzlich als schwer empfunden und ist weggesperrt. Wir bekommen ihn nicht mehr mit, gestorben wird woanders. Das war etwas, was wir aufgreifen wollten. Kinder haben dazu einen ganz direkten und intuitiven Zugriff.
Wurden Sie und das Team vor Ort in der Altmark schnell integriert?
Erstaunlich mit offenen Armen, das war total schön. Ich kannte das Dorf und auch ein paar Menschen vor Ort. Man kann wirklich sagen, dass dieses Dorf den Film gemacht hat. Alle in diesem Dorf haben uns tatkräftig unterstützt und geholfen, haben ihre Tore aufgesperrt und uns mit historischem Materialversorgt. Mit Kutschen und mit 80er-Jahre-Mähdreschern, also mit riesigen Ungetümen, die wir uns mit unserem Budget niemals hätten holen können. Da lief ganz viel über Kontakte. Die Pferde, die Schweine, die Hühner – alles war quasi eine Nachbarschaftshilfe. (lacht) Es war ein verregneter Sommer 2023 und permanent stand dieser Hof unter Wasser. Dann haben die den Hof abgepumpt. Die Einwohner waren extrem hilfsbereit. Der Bauer hat sein Kornfeld stehen lassen, damit wir es im Film ernten konnten. Die älteste Dorfbewohnerin hat den Kindern Altmärker Plattdeutsch beigebracht und die Dialoge in diese Sprache übersetzt. Sie haben wirklich große Hilfen geleistet.
Haben Sie das Gefühl, die DDR durch diesen Film tiefer durchdrungen zu haben?
Ich weiß gar nicht, ob das mein Anspruch in dem Sinne war. Wir haben eher geschaut, welche Bilder oder bestimmte Atmosphären wir noch aus unserer eigenen Kindheit kennen. Meine Co-Autorin Louise Peter und ich sind beide Westberlinerinnen, sind aber nach der Wende ganz viel im Berliner Umland gewesen. Wir kennen eine bestimmte Atmosphäre und auch bestimmte Figuren, die dort auftauchen. Ich bin natürlich gespannt, ob Menschen, die selbst in dieser Zeit in dieser Region gelebt haben, sich gesehen fühlen oder ob sie sagen: So hat sich das nicht angefühlt. Das wird sicherlich unterschiedlich sein.
Wie haben Sie Ihren Cannes-Erfolg gefeiert?
Irgendwie noch gar nicht so richtig. Ich plumpse gerade sozusagen vom einen ins andere. Ich habe das Gefühl, mein Terminkalender sei in fremden Händen und nicht mehr in meiner Obhut. Aber ich freue mich total und bin immer froh, wenn ich an Presse-Tagen wie heute andere Leute aus dem Team wiedersehe.
Dieser Film ist nicht Ihr einziges Baby, das in diesem Jahr das Licht der Welt erblickt hat. Mehr geht nicht, oder?
Nein, mehr geht wirklich nicht. Es ist ein absolutes Glücksjahr. Ich habe schon immer Angst, wann die Welle zurückschlägt. (lacht) Aber es ist wirklich ganz toll.
Regisseurin
Mascha Schilinski wurde 1984 in West-Berlin geboren. Ihre Mutter Carola ist ebenfalls Filmregisseurin und nahm ihre Tochter früh mit zu Dreharbeiten. 2012 begann Mascha ihr Regiestudium an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Für ihr Debüt „Die Tochter“ (2017) entdeckte sie als Jungdarstellerin Helena Zengel, die später im Spielfilm „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt für Furore sorgen sollte.
Film
„In die Sonne schauen“ erzählt über vier Generationen hinweg von vier Frauen, die auf einem Bauernhof in der Altmark leben – im Ersten und Zweiten Weltkrieg, in der DDR und in der Gegenwart. Die Geschichten sind aber nicht chronologisch geordnet, sondern hoch verdichtet miteinander verschränkt.
Preis
Beim Filmfest in Cannes erntete das Werk im Wettbewerb um die Goldene Palme großen internationalen Beifall und gewann den Preis der Jury. German Films hat „In die Sonne schauen“ nun auch als deutschen Kandidaten für den Oscar nominiert. Der Film läuft aktuell im Kino. schl