Spezialist für moralische Grenzkonflikte: Norbert Gstrein. Foto: IMAGO/SKATA
Im Galopp in den Abgrund: Für sein Kriegstriptychon „Im ersten Licht“ ist der österreichische Autor Norbert Gstrein für den Leipziger Buchpreis nominiert. Zu recht.
Der Krieg ist zurück, auch wenn er nie weg war. Man beginnt sich wieder an den Anblick zerbombter Städte zu gewöhnen, an in abstrakte Höhen steigende Opferzahlen, hinter denen sich unermessliches einzelnes Leid verbirgt. Und dieses „man“, das zu begreifen versucht, was da geschieht, zählt in der Regel zu denen, die noch verschont geblieben sind, und abgesehen von steigenden Energiekosten allenfalls durch TV-Brennpunkte in medias res geraten.
Mit Vorbemerkungen wie diesen könnte man die Wahrnehmungsleinwand präparieren, für das historische Schlachtengemälde, das der neue, für den Leipziger Buchpreis nominierte Roman „Im ersten Licht“ des österreichischen Schriftstellers Norbert Gstrein in Szene setzt. Denn darauf ist zu sehen, wie es vor dem Hintergrund der Gräuel des Krieges so etwas wie Unschuld oder Unbeteiligtheit nicht geben kann. Und Hintergrund ist durchaus wörtlich zu verstehen, denn die Sache selbst rückt nie direkt ins Bild. Umso mehr ihre Folgen.
Österreichisch-ungarische Kavallerie im Ersten Weltkrieg Foto: IMAGO/Gemini Collection
Wie ein Triptychon besteht der Roman aus drei Teilen sowie einem Nachspiel. Er umfasst ein Menschenleben, das 1901 beginnt und 87 Jahre später mit einer Frage auf den Lippen endet: „Was jetzt?“
Lebende Tote, für immer entstellt
Das Menschenleben gehört Adrian Reiter und er verdankt es dem Axthieb, mit dem ihn sein Vater, ein pazifistischer österreichischer Briefträger, für den Wehrdienst untauglich gemacht hat. Und doch hält der Krieg ihn in seinem Bann. Seiner Überlebensversehrtheit stehen die ungeheuren Entstellungen entgegen, mit denen die jungen Kriegsinvaliden aus dem Fleischwolf des ersten Weltkriegs ausgespien wurden, die in einer Villa irgendwo im Salzkammergut Unterschlupf gefunden haben. Lebende Tote, unter ihnen der „junge Herr“ der Besitzerfamilie.
Norbert Gstrein: Im ersten Licht.
Hanser Verlag.
416 Seiten, 27 Euro.
Dieser ist Teil einer todgeweihten Kavallerie im letzten Akt der großen k.u.k. Operette: Mit moribundem Glanz und ohne Gloria ins Feuer gejagt, wird er danach mit zerschossenem Gesicht von seiner eigenen Familie aus Scham unter Verschluss gehalten und in den Selbstmord getrieben. Seine Geschichte nimmt den ersten Teil der dreiflügeligen Anlage des Ganzen ein. Adrian Reiter, der eigentliche Protagonist des Romans ist nur Zaungast. Darin liegt sein Glück – und eine eigene Form der Tragik. Seinem Namen zum Trotz nie auf einem Pferd gesessen, überall dabei, ohne dazuzugehören, untätig und doch verstrickt.
In einer merkwürdigen Stellvertreterrolle für den Verstorbenen findet Adrian Zugang zu dessen Familie, der aus England stammenden Mutter des jungen Herrn und seiner Verlobten. Sie fördern seinen sozialen Aufstieg. Er wird Lehrer für Englisch und Geschichte. Doch der Krieg bleibt seine Idée fixe, in einer Mischung aus Abscheu und dem obskuren Fantasma des Außenstehenden.
Mit letzterem steckt er später einen seiner Schüler an, der in der Folge beschließt, in den sich am Horizont der dreißiger Jahre abzeichnenden nächsten großen Krieg zu ziehen. Der zusehends im Klima einer sich einbräunenden Zeit Fanatisierte wird zu Adrians Nemesis. Die obsessive Beziehung zwischen Lehrer und Schüler bildet den Mittelteil. Auch der junge Mann wird durch den Krieg entstellt, nicht äußerlich, abgesehen von seinem Schmiss, umso mehr innerlich. Als Kavallerist dient er im Osten und ist an bestialischen Verbrechen beteiligt – wie aktiv oder passiv bleibt offen –, die er seinem Lehrer während eines Fronturlaubs gesteht. Welche Schuld trägt Adrian daran, der auch um diesen Krieg herumkommt? Kann man tatenlos zum Täter werden? Welche Rolle spielt der Zufall dabei? Unter der Last des Schweigens erstickt seine Ehe, wie sich im vorigen Teil schon die Beziehung zu einer Jugendfreundin unter den leidvollen Konfrontationen mit dem zerstörten Leben der Invaliden aufgelöst hat.
Erst Jahre nach dem Krieg findet Adrian zu sich, in der Sehnsuchtslandschaft, die ihm seine englische Gönnerin einst vor dem inneren Auge ausgemalt. Im dritten Teil hat ein Auto das durch den Roman spukende kavalleristische Pferdemotiv ersetzt. In ihm wagt sich der allmählich verkauzende Englischlehrer zum ersten Mal über den Kanal, blickt von den hügeligen Felsen der Downs bei Dover auf den Kontinent. Hier begegnet er einer Frau, die ihm ein spätes Glück beschert. Ihr Bruder wurde im Ersten Weltkrieg als Deserteur erschossen, nun kämpft sie für die Rehabilitation eines jungen Menschen, der gegen die Sinnlosigkeit des Schlachtens den Mut zur Feigheit aufgebracht hat.
Drei Tableaus, ausgeleuchtet vom irisierenden Schein des ersten Lichts, das den Tag von der Nacht scheidet, den Tod vom Leben. Und je nachdem kann man nicht sagen, wessen Geschichte hier eigentlich erzählt wird, die des Überlebenden oder die der jungen Leute, die der Krieg zerstört hat.
Norbert Gstrein malt mit den Mitteln einer Sprache, deren meisterhafte Beherrschung zur Anschauung bringt, was der Schleier des Schweigens verbirgt. Je länger man darauf blickt, desto dichter wird das Netz der Motive und Korrespondenzen. Vieles blickt unverwandt vertraut zurück, der Abgrund, ein früherer österreichischer Bundespräsident, der wie jener Schüler Mitglied einer SS-Reiterstandarte war – vielleicht auch nur sein Pferd. Zuletzt der Autor selbst, als junger Mann, der vor der seltsamen Geschichte, die ihm nach einer Lesung ein 87-jähriger Mann erzählt, kapituliert. 40 Jahre später ist daraus ein eindrucksvoller Roman geworden. Und dann dämmert wieder ein neuer Krieg – was jetzt?
Info
Autor Norbert Gstrein in Mils/Tirol geboren. Einer seiner fünf Geschwister war Skirennläufer. Er studierte Mathematik in Innsbruck und lebt heute mit seiner Familie in Hamburg.
Werk Norbert Gstrein debütierte 1988 mit der Erzählung „Einer“. Sein umfangreiches, mit zahlreichen wichtigen Preisen ausgezeichnetes Werk kreist um moralische Grenzfragen und Themen wie Krieg, Schuld und Mitläufertum. „Der zweite Jakob“ war 2021 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zuletzt erschienen der Roman „Vier Tage, drei Nächte“ und das Memoir „Mehr als nur ein Fremder“.