Stefan Pucher inszeniert am Deutschen Theater in Berlin Henrik Ibsens „Nora“. Dafür benutzt er teilweise eine rotzig aktualisierte Textfassung des Stuttgarter Theaterchefs Armin Petras.
Berlin - Es riecht nach Richtigmacher-Angstschweiß im Deutschen Theater in Berlin. Das ist kein Wunder, schließlich wird „Nora“ gegeben. Die Titelheldin steht kurz vor der Vollendung des diesseits möglichen Wohlstandsglücks: Die Kinder sind organisiert, die neue Wohnung ist schon fast fertig eingerichtet, ihr Mann Torvald hat seinen Bankfilialleitervertrag in der Tasche, und Weihnachten steht vor der Tür. Nora musste dem Schicksal ein wenig nachhelfen, indem sie die väterliche Unterschrift auf einem Kreditvertrag fälschte, als dieser schon drei Tage tot war, und mit dem Geld einen dringend nötigen einjährigen Kuraufenthalt für ihren Mann finanzierte. Er hat sich erholt und keine Ahnung von dem Trick, alles ist gut. Aber wenn es rauskommt, bricht alles zusammen.
Auch die Spielplandramaturgie des DT will keine Fehler machen. Ibsens „Nora“ passt in unsere Zeit, auch wenn es gern als Emanzipationsstück gelesen wird und als solches Probleme behandelt, die inzwischen weitgehend gelöst sein mögen. Auf einer etwas allgemeineren Ebene geht es aber nicht nur um die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, sondern um die Selbstverwirklichung unter den Bedingungen des Kapitalismus, um die gesellschaftsorganisierende Verschränkung von menschlichen und ökonomischen Beziehungen.
Das DT wollte also eine Nora, aber eine von heute. Deshalb beauftragte sie den Stuttgarter Intendanten Armin Petras, das Stück zu aktualisieren. Auch dies ist eine richtige Idee, denn der Rundumtheatermensch Petras, der unter dem Pseudonym Fritz Kater eigene Stücke schreibt, hat sich unter seinem Klarnamen als Stückaktualisierer bewährt. Besonders wenn er die Stücke selbst inszeniert, was hier aber nicht der Fall ist. Auftragnehmer Petras, in seinem Bestreben, alles richtig zu machen, legte eine brav und rotzig vergegenwärtigte Fassung hin − mit fast schon wieder tölpelhaften, aus der Mode gekommenen Chefetagen- und Gossen-Anglizismen, mit Konsumvokabeln, Schrumpfsatz-Frechsprech, Schlagfertigkeitsfloskeln und mit bedeutungsvoll vielen „Sorrys“. Lässt sich bestimmt super als Komödie verfilmen.
An den Wänden schwarz-weiße Großaufnahmen
Aber der vom Deutschen Theater beauftragte Regisseur Stefan Pucher vertraute offenbar nicht auf die Fassung, sondern nahm eine ältere Übersetzung her und kombinierte die beiden Welten. Unten die kleinen Schauspieler in quietschbunten, häufig gewechselten Kostümen − und an den Wänden in schwarz-weißen Großaufnahmen die Vergangenheitsfilmversionen der Gegenwartskasper. Auf der gewellten Leinwand, die das im Wesentlichen aus einer lila Küche bestehende Drehbühnenbild zeitweise ganz verhüllt, wird noch ordentlich gesprochen. Hören wir mal rein: „Denke Dir, wie solch ein schuldbewusster Mensch nach allen Seiten hin lügen und heucheln und sich verstellen muss; wie er vor seinen Allernächsten, ja selbst vor seiner eigenen Frau und seinen Kindern eine Maske tragen muss. Vor den Kindern, Nora, das ist gerade das Entsetzlichste.“ Bei Petras steht etwa an der Stelle: „das einzige was heute nicht mehr geht wenn man wo gegen die wand gefahren ist ist / einfach weitermachen / die zeiten sind vorbei / sorry der spinnt doch.“
Es passiert, was passieren muss: die Welten machen sich gegenseitig lächerlich, und der Zuschauer ist auf Sicherheitsabstand gebracht. Da hilft auch nicht die Pucher’sche Synthese im Pop-Hit. Es bringt noch nicht mal Erholung, wenn die Spieler zum Mikrofon greifen und zum verschleppten Disco-Beat so oberflächliche wie tiefgründige Populärwahrheiten verkünden, die irgendwie immer zum Thema passen.
Möchtegern-Hipster lutschen auf Wörtern rum
Der achtzigminütige Abend ist zusammengesteckt aus lauter Richtigkeit, stelzt unsicher herum und kommt überhaupt nicht in den Grove; er schafft es noch nicht einmal auf die von Pucher sonst routiniert befahrene Glamour-Schiene. Auch wenn Katrin Wichmann als Nora mit den edelsten Bonbonroben behängt wird und man ihr eine blonde Barbara-Schöneberger-Haarpracht onduliert, auch wenn man Bernd Moss als Torvald mit dem Tablet hantieren lässt und ihm Leuchtdioden in den Pulli steckt − es haut nicht hin.
Man sieht hier Wichten zu, die sich verstellen, um dazuzugehören. Möchtegern-Hipstern und Zufalls-Leadern, die in fremdbestimmten Klamotten auf Wörtern herumlutschen, die in Werbeagenturen zusammengefegt wurden. Und da müssen wir nun ausgerechnet im Deutschen Theater Schauspieler beim Sichverstellen und Ungekonntanpassen ertappen! Sorry.