Nord-Stream-Chef Warnig Der wandelbare Mitschüler Matthias
Erst war er Kommunist und Stasi-Agent, dann wurde er Manager im Kapitalismus. Nun sitzt der Nord-Stream-Chef Warnig zwischen allen Stühlen. Ein alter Schulkamerad redet ihm ins Gewissen.
Erst war er Kommunist und Stasi-Agent, dann wurde er Manager im Kapitalismus. Nun sitzt der Nord-Stream-Chef Warnig zwischen allen Stühlen. Ein alter Schulkamerad redet ihm ins Gewissen.
An seinen Schulkameraden Matthias, Nachname Warnig, erinnert sich Gerold Hildebrand (67) auch nach fünfzig Jahren noch ziemlich gut. Gemeinsam sei man einst im Bus zur Schule nach Lauchhammer in der Oberlausitz gefahren. Der etwas Jüngere sei eine Klasse unter ihm gewesen, er und sein Kumpel – der Sohn des SED-Bürgermeisters – hätten sich immer etwas abgesondert und als „rot angehaucht“ gegolten. „Ach, hätten wir dich damals nur mal mitgenommen auf die Tramptouren zur Musik“, in einen der größten Beatschuppen der Ostzone, schrieb ihm Hildebrand neulich per offenen Brief. Da habe man von den „Drangsalierten“ des Systems erfahren, die in der kommunistischen Staatsbürgerkunde nicht vorkamen. Das habe einen bewahren können „vor der ideologischen Zurichtung auf ein totalitäres Feindbild hin“.
So aber schlugen die beiden höchst unterschiedliche Lebenswege ein. Hildebrand protestierte schon als Schüler gegen staatliche Willkür und verweigerte den Schusswaffeneinsatz im Grenzdienst. Studieren durfte er in der DDR daher nicht, er wurde Krankenpfleger und engagierte sich später als Bürgerrechtler im Widerstand. Warnig dagegen verpflichtete sich schon als Schüler zur inoffiziellen Mitarbeit bei der Staatssicherheit. Er wolle „den Kampf gegen die Feinde unseres Staates unterstützen“, schrieb er mit fast noch kindlicher Schrift in der Erklärung. Besonders aus dem „Bereich Jugend“ werde er über „Missstände, Vorkommnisse und negative Erscheinungen“ berichten. Der erste, selbst gewählte Deckname: Hans-Detlef.
Aus dem Spitzeldienst wurde sein Beruf, er wechselte ganz zum Ministerium für Staatssicherheit, diente im Wachregiment „Felix Dzierzynski“ und studierte an der Hochschule für Ökonomie in Berlin. Später schickte ihn die Stasi als Agenten nach Westdeutschland, wo er in der Wirtschaft spionieren sollte. Seine weiteren Decknamen: mal Artur, mal Ökonom.
Ein halbes Jahrhundert hatte Hildebrand seinen einstigen Kameraden aus dem Blick verloren. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine aber verfolgt er alle Medienberichte über Warnig. Inzwischen nämlich steht der füllige Mann, der sich immer gerne im Hintergrund hielt, im grellen Scheinwerferlicht: als noch vor Altkanzler Gerhard Schröder engster deutscher Vertrauter von Kremlchef Wladimir Putin, als Chef der Firma für die Pipeline Nord Stream 2, die wegen des Krieges zur milliardenschweren Investitionsruine am Grund der Ostsee zu werden droht, als „deutscher Oligarch“, der es dank seiner Russland-Connection zu beträchtlichem Reichtum gebracht hat. Sichtbarer Teil ist ein auf einen zweistelligen Millionenwert taxiertes Immobilienimperium rund um das südbadische Staufen, wo er seit 15 Jahren mit seiner zweiten, russischen Ehefrau und den beiden gemeinsamen Kindern lebt.
Aus dem Breisgau war Warnig immer wieder ins 900 Kilometer entfernte Schwerin gereist. In der Staatskanzlei von Manuela Schwesig (SPD) ging er offenbar ein und aus. Gemeinsam sollen die beiden mit weiteren Beteiligten einen raffinierten Plan ausgeheckt haben, um die Pipeline trotz der US-Sanktionen fertigzustellen. So entstand das Konstrukt der Klima- und Umweltstiftung Mecklenburg-Vorpommern, die nur vordergründig der Umwelt, vor allem aber – mit ihrem wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb – der Vollendung von Nord Stream 2 dienen sollte. Näheres soll ein kürzlich beschlossener Untersuchungsausschuss des Landtags erkunden, der im Spätsommer seine Arbeit aufnehmen dürfte. Besonders im Fokus: die Rolle von Warnig, seines Verwaltungsratschefs Schröder und der Millionen von der Gazprom-Tochterfirma.
Die „Zeitenwende“ nach dem Überfall auf die Ukraine ist für Warnig (66) der zweite Umbruch nach dem Fall der Mauer. Damals, in der Wendezeit, wandelt sich der Kommunist zum Kapitalisten. Er geht zur Dresdner Bank, die Leute für die Expansion im Osten braucht; die erste Filiale soll 1991 in St. Petersburg entstehen. Dort trifft der einstige Stasi-Agent – angeblich erstmals – auf den einst in Dresden stationierten KGB-Mann Putin. Die beiden Ex-Spione freunden sich an, helfen sich wechselseitig, es entsteht offenbar ein tiefes Vertrauensverhältnis; die Familien fahren später sogar zusammen in den Urlaub. Der enge Draht zu Putin nutzt Warnig auch beruflich; er könne Unmögliches möglich machen, heißt es bei der Dresdner Bank staunend.
Als der Russe Präsident wird, setzt er weiter auf seinen deutschen Weggefährten. 2006 wird dieser Chef der ersten Nord-Stream-Firma, Jahre später auch der zweiten. Nun aber steht Warnig vor einem Trümmerhaufen. Von der Firma mit Sitz im Schweizer Zug ist nicht mehr viel übrig; ein Treuhänder führt dort die Aufsicht. In Staufen wurde aus dem einst skeptisch beäugten, aber geachteten Mitbürger fast ein Geächteter. Als einzigen Bundesbürger belegten die USA ihn mit Sanktionen. Das habe „in seinem persönlichen Leben konkrete, negative Auswirkungen“, ließ er zuletzt mitteilen, ohne ins Detail zu gehen. Auf die Probleme reagiere er, indem er sein Vermögen auf Angehörige umschichte, berichtete kürzlich die Zeitung „Welt“ – ganz nach dem Vorbild russischer Oligarchen.
Was Warnig besitzt, stammt seinem Sprecher zufolge vor allem aus seinen früheren Einkommen, bei der Banktochter Dresdner Kleinwort Benson und den beiden Nord-Stream-Gesellschaften. Das sei „jederzeit überprüfbar“ und den Steuerbehörden bekannt. An der MW Invest KG seien alle seine Kinder beteiligt, je zwei aus der ersten Ehe – Stefan und Claudia – und aus der zweiten. „Diese und andere Zuwendungen erfolgten in Form von Schenkungen“, für den Fiskus ganz transparent.
Stefan Warnig war einst in Berlin Küchenchef eines Nobelrestaurants, in dem sich Schröder und Putin 2010 zum Drei-Gang-Dinner trafen. Es gab Austern, Ente mit Rotkohl und eine Dessertplatte. Heute betreibt er ein beliebtes Golfplatz-Restaurant am Tuniberg, nicht weit vom Heimatort des Vaters. Auch Prominente aus Politik und Wirtschaft wurden schon im Tunigarden gesichtet. Seine Schwester Claudia schien in die väterlichen Firmen enger eingebunden: Bei MW Invest hat sie ausweislich des Handelsregisters Prokura, diese aber laut dem Sprecher „nie geschäftlich genutzt“. Auch bei einer anderen Firma, der Interatis AG mit Sitz in Zürich, sollte sie mitwirken. Diese habe Warnig nutzen wollen, so der Sprecher, um nach seinem Abschied als Chef von Nord Stream 1 als selbstständiger Berater tätig zu werden; Claudia habe ihn dabei unterstützen wollen. Doch nachdem er überraschend auch die zweite Pipelinefirma führen sollte, hätten sich diese Pläne zerschlagen. Inzwischen befinde sich die Interatis in Liquidation. Ihr im Handelsregister eingetragener Zweck klang ein wenig anders: „Erwerb, Halten und Verkauf von finanziellen und strategischen Beteiligungen an in- und ausländischen Unternehmungen . . .“
Verheiratet ist Claudia, die einen anderen Nachnamen trägt, mit einem Topmanager bei einer der führenden US-Investmentbanken in Deutschland. Der Vater auf der US-Sanktionsliste, der Ehemann bei einer US-Bank – es ist eine pikante Kombination von amerikanischem Kapitalismus und russischem Kapitalismus nach Art des KGB. Fragen dazu möchten die Bank und der Mann nicht beantworten, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Namen dürften daher nicht genannt werden, lassen sie sie eine Medienanwältin ausrichten.
Der frühere Bürgerrechtler Hildebrand wüsste übrigens, was Warnig mit seinem Geld machen könnte. Er könne für die Menschen in der Ukraine spenden – die Opfer jenes Krieges, den er selbst inzwischen als „unbeschreiblichen Irrtum“ einstufe. „Man kann jederzeit noch etwas halbwegs Ordentliches aus seinem Restleben machen, wenn man nur zur Umkehr bereit ist“, schrieb er an seinen Ex-Schulkameraden Matthias.
Der ließ seinen Sprecher ausrichten, es gebe seit der Schulzeit keinerlei Verbindung mehr. Er wolle „zu diesem Brief keine Stellungnahme abgeben“.