Nordbahnhof Stuttgart Spektakulärer Umzug für die Künstler-Waggons

Ein Waggon des Bauzug-Projekts schwebt an seinen neuen Standort. Foto: Lichtgut/Leif /Piechowski

Eine lange Hängepartie für die Künstler, die in den ausrangierten Waggons am Nordbahnhof arbeiten, geht mit dem spektakulären Umzug auf ein benachbartes Grundstück zu Ende. Doch endgültig gesichert ist das Projekt immer noch nicht.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Auch wenn sie sich schon lange Zeit nicht mehr auf regulären Schiene bewegt haben, so sind die Waggons, in denen seit fast 25 Jahren Studenten und Künstler arbeiten, in diesen Tagen nach einer langen Reise angekommen. Die zwölf längst ausrangierten Bahnwagen ziehen von den ehemaligen Gütergleisen am Nordbahnhof auf ein eigens hergerichtetes Grundstück nur wenige Meter weiter. Damit endet eine lange Hängepartie – zumindest vorerst.

 

Die Waggons stehen nun auf Stadtbahnschienen

Die letzten Meter legen die betagten Schienenfahrzeuge spektakulär zurück. Eine kleine Lokomotive schiebt sie von ihrem bisherigen Standort in die Nähe ihres neuen Zuhauses. Ein großer Autokran hebt sie auf eigens verlegte Gleisstücke. Über die rumpelten bis vor kurzem noch die Stadtbahnen der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) am Berliner Platz. Als dort vor wenigen Monaten Gleise ausgetauscht wurden, schlug der Verein zu, der die Ateliergemeinschaft Bauzug 3YG trägt. „Die Gleise konnten wir uns billig besorgen“, sagt Architekt Matthias Knöller, der den neuen Bauzugcampus im Zwickel zwischen Güter- und S-Bahngleisen sowie der Nordbahnhofstraße plant.

Geld ist ein Thema, das die Nutzerinnen und Nutzer der Bauwaggon-Kolonie bewegt. Auch wenn man – abgesehen von Projektförderung – sich immer selbst finanziert, wie Lena Engelfried vom Verein Stups betont. Im Doppelhaushalt 2022/2023 genehmigte der Gemeinderat eine knappe Million Euro für das neue Areal, den Umzug und die anfallenden Baukosten. Allerdings seien die Baupreise auch während eines nicht von der Initiative verschuldeten Verzugs stark angestiegen. Eigentlich sollte man schon Ende 2021 auf die neue Fläche dürfen, jetzt ist es Sommer 2023 geworden. Die Folge: Das bewilligte Geld wird nicht ausreichen, weitere Mittel sind beantragt.

Gelände nur auf Zeit

Und das neue Areal, auf dem einst Bahnmitarbeiter lebten, ist dem Kunstprojekt auch zunächst einmal nur für die Dauer von fünf Jahren – gerechnet an vom eigentlichen Umzugstermin vor gut anderthalb Jahren. Diese finanziellen Unwägbarkeiten und die Unsicherheit über die mittelfristige Zukunft machen es Künstlern wie dem Mann, der sich Balu nennt, zu schaffen. Aber in dem Moment, in dem „sein“ Waggon am Haken hängt und zum neuen Stellplatz schwebt, ist all das für einen Moment vergessen.

Die Anfänge des Projekts reichen in das Jahr 1999 zurück. Damals bezogen junge Menschen die vor sich hin rostenden Waggons, um dort studentische Arbeitsplätze für die Architektur-Fakultät einzurichten. Nach und nach wuchs der Waggonpark auf 25 Stück an, Künstler arbeiteten dort. Aber weil das Gleis, auf dem die Waggons standen, zu jenen Arealen gehört, die die Stadt im Zuge von Stuttgart 21 bebauen möchte, stand häufig das Ende des Projekts im Raum. 2010 hätte es das erste Mal soweit sein können, die Kolonie verkleinerte sich, einige Künstler gründeten das Projekt Contain’t neu.

Auch Eidechsen mussten umziehen

Die zwölf verbliebenen Waggons ziehen nun auf die neue Fläche um, die unmittelbar an einige in die Jahre gekommene Häuser angrenzt, in denen Geflüchtete untergebracht sind. Ihre neue Fläche teilen sich die Künstler unter anderem mit Eidechsen, für die auf der gut 4500 Quadratmeter großen Fläche ein 500 Quadratmeter großes Habitat eingerichtet wurde.

Als der Waggon von Künstler Balu auf den neuen Gleisen aufsetzt, ist ihm die Erleichterung anzusehen. „Heute ist ein megaspannender Tag“, sagt er. Rund 50 Künstler werden auf dem neuen Gelände Platz finden. Wer sich ausprobieren wolle, für den stehe ein Residenz-Waggon, die sogenannte Raumstation, zur Verfügung.

Gemeinderat muss über weiteren Zuschuss entscheiden

Die Waggons gruppieren sich um Atelier- und Gemeinschaftsgebäude, die noch entstehen werden. Die Herkulesarbeit mit dem Versetzen der Waggons auf eigens verlegte Schienenstücke ist dann erledigt. „Gleisbau zu planen gehört nicht zum Alltag eines Architekten“, sagt Matthias Knöller und lacht. Die Zusammenarbeit mit dem pensionierten Bahner Joachim Pabsch, der lange bei Stuttgart 21 gearbeitet hat und auch beim Neuaufstellen der Waggons kräftig zupackt, habe sehr viel geholfen. Und auch die Zusammenarbeit mit den zuständigen Ämtern im Rathaus sei stets kooperativ verlaufen, lobt Lena Engelfried. Nun haben wieder die Stadträtinnen und Stadträte bei den beginnenden Haushaltsberatungen das Wort. Beim Abstimmungsprozess Bürgerhaushalt, der dem Haushalt 2022/2023 vorgeschaltet war, landete das Umzugsprojekt des Bauzugs 3YG ganz vorne.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart