Ökodiktatur oder Artenvielfalt? Die Debatte um einen Nationalpark Nordschwarzwald entzweit die Gesellschaft. Ein Gutachten wird erst in einem Jahr vorliegen.

Baiersbronn - Der Plan ist aufgegangen. "Wir haben der Landesregierung gezeigt: die Ausweisung eines Nationalparks wird kein Durchmarsch." Die Interessengemeinschaft Unser Nordschwarzwald kann zufrieden sein. Entspannt nippt deren Sprecher Andreas R. Fischer im Wellnesshotel Engel in Baiersbronn-Obertal am Cappuccino.

Er weiß sich hier unter Freunden, hat sich doch das Hoteliersehepaar Monika und Herbert Möhrle in einem offenen Brief gegen einen Nationalpark ausgesprochen. Unter anderem, weil es dann zu Ende wäre mit den Wandermöglichkeiten. "Vielleicht begegnet man dann nicht mehr Fuchs und Hase, sondern dem Luchs und dem Bären?", sorgten sich die Möhrles.

Rund 75.000 Flyer sind inzwischen unters Volks gebracht, 100 Großplakate - allein 24 in der Touristenhochburg Baiersbronn - aufgestellt, 50.000 Autoaufkleber produziert, fast 11.000 Unterschriften sind bereits gesammelt. Ein Spendenaufruf für diese Materialschlacht war nicht nötig, die Finanziers der Interessengemeinschaft aber halten sich bedeckt. Der Nordschwarzwald erlebt sein Stuttgart 21. Nur in Grün.

Genaue Platzierung des Nationalparks noch nicht sicher

Die grün-rote Landesregierung will einen Nationalpark einrichten und hat dies sogar in den Koalitionsvertrag geschrieben. Auch die CDU führte einen Nationalpark in ihrem Wahlprogramm. Das 17.000 Hektar große Suchgebiet, auf das der grüne Agrarminister Alexander Bonde jetzt setzt, hatte seine Vorgängerin, CDU-Umweltministerin Tanja Gönner, bereits im Blick. Es sind alles Staatswaldflächen, großteils mit naturschutzfachlich relevanter Bedeutung. Die drei Teilstücke liegen auf Höhenlagen oberhalb von 800 Metern zwischen Baiersbronn, Forbach und Kaltenbronn. Skihänge und die Sprungschanze am Ruhestein sind ausgenommen.

Wo genau der 10.000 Hektar große Nationalpark ausgewiesen werden soll, steht noch nicht fest. Drei Viertel der Fläche würden der Natur überlassen, nur zur Sicherung der Wander- und Radwege sowie der Loipen dürfte der Mensch eingreifen. Auf 2500 Hektar, den Managementzonen, kann etwa der Borkenkäfer bekämpft werden, um angrenzende Wälder zu schützen.

Die Offenhaltung der sogenannten Grinden, den typischen Hochflächen, durch Viehwirtschaft ist weiter möglich. Es wäre der erste Nationalpark im Südwesten, und bereits der zweite Anlauf. Vor zwanzig Jahren hatte der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) wegen des Proteststurms in der Region das Projekt gekippt.

"Warten auf das Gutachten wäre taktisch unklug"

Minister Bonde setzt dieses Mal auf Bürgerbeteiligung und frühe Information. 120.000 Haushalte erhielten Post vom Ministerium. Auf einer Veranstaltung Ende September in Bad Wildbad wurden mehr als 1000 Fragen und Stellungnahmen von Waldbauern, Sägewerkern, Naturschützern, Gastronomen und anderen Bürgern notiert. Antworten darauf soll ein neutrales Gutachten liefern, das europaweit ausgeschrieben wird. Frühestens Ende 2012 soll das Ergebnis vorliegen, über das der Landtag dann entscheidet.

"Warten auf das Gutachten wäre taktisch unklug", sagt Andreas Fischer. Der Mann im blauen Hemd mit dem gepflegten Kinnbart ist Sprecher eines "losen Strategiekreises", der sich als Vordenker der Interessengemeinschaft versteht. Sie liefert plakative Argumente gegen einen Nationalpark. Auf sachliche Diskussionen, etwa auf den Veranstaltungen der Regierung, will sich der Geschäftsführer einer Verlags- und Beratungsgesellschaft in Baden-Baden nicht einlassen. Für ihn sind diese "eine Strategie der Verwirrung, bei der versucht wird, Laien mit wissenschaftlichen Argumenten zu übertölpeln".

Fischer setzt auf Gefühle. Diese Strategie habe ihm eine 72-Jährige bestätigt, die ihm sagte: "Ein Nationalpark ist Verrat an der Heimat." Die Regierung versuche, mit Steuermitteln für ihr "politisch-ideologisches Ziel" zu werben und verschwende das Geld auch noch für ein angeblich neutrales Gutachten. Die IG werde sich so lange einem Dialog verweigern, solange es ausschließlich um einen Nationalpark gehe. "Wir reden nur über Alternativen." Einen Naturschutz Plus etwa statt der befürchteten Ökodiktatur.

Ein Nationalpark ist für Fischer die "radikalste Form des Naturschutzes". Das sei "reiner Egoismus". Die Menschen müssten Nutzungseinschränkungen hinnehmen. "Die Hauptprofiteure des Nationalparks sind die Fäulnisbewohner auf dem Totholz."

Nicht der ganze Schwarzwald ist gegen den Nationalpark

Die Menschen würden begreifen, dass ein Nationalpark ihre Heimat verändern würde. "Das wollen wir nicht", sagt Fischer, der selbst auf der Schwarzwaldhöhe im Forbacher Ortsteil Hundsbach wohnt. Dass der Nationalpark nur zehn mal zehn Quadratkilometer groß wäre, also knapp drei Prozent des 375.000 Hektar großen Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord, spielt keine Rolle.

Tatsächlich wächst die Interessengemeinschaft, gründen sich auf lokaler Ebene immer mehr Gruppen, auch wenn sie, wie etwa Bad Teinach-Zavelstein, weitab vom Suchgebiet liegen. "Die lokalen Gruppen arbeiten völlig unabhängig", sagt Fischer. Ansprechpartner der inzwischen zwölf lokalen Gruppen sind auf der Homepage aber nicht zu finden. Alle Anfragen landen bei Fischer. Dabei zeigt er sich misstrauisch: Ein Befürworter könnte das Netzwerk infiltrieren. Jeder Fremde, der mitmachen will, wird von Fischer überprüft.

Angesichts der Präsenz des Netzwerkes erfordert es Mut, sich in der Region offen zum Nationalpark zu bekennen. Als Gegengewicht hat sich jüngst in Baiersbronn der Verein Freundeskreis Nationalpark Schwarzwald gegründet. Als Anschubfinanzierung stellte der Landesverband des Naturschutzbundes Nabu 5000 Euro bereit. "Der Eindruck, dass der Schwarzwald den Nationalpark geschlossen ablehnt, ist falsch", betont Jochen Rothfuss, einer der drei gewählten Sprecher. Aber dass die Debatte über einen Park in der Region Familien, Vereine, Ortschaften spaltet, erlebt der Baiersbronner selbst.

"Der Ministerpräsident will die Bürgerbeteiligung - jetzt hat er sie"

"Bitte sprich das Thema nicht an" - mit diesen Worten wird Rothfuss bei Feiern im Familien- und Freundeskreis jetzt öfters empfangen. Ein geselliger Abend wäre dann vielleicht nicht mehr möglich. Wegen seiner Arbeit für den Nationalpark haben schon einige Mitglieder den Verein Naturbad Mitteltal verlassen, dessen Erster Vorsitzender Rothfuss ist. "Info statt Panikmache" hat sich der Verein auf die Fahnen geschrieben. "Es gibt keinen Zeitdruck. Die Entscheidung wird nicht vor 2013 fallen", erklärt Rothfuss.

Genau deshalb lehnt sich Andreas Fischer im Wohlfühlhotel zurück. Jetzt könne er in Ruhe die nächsten Schritte planen, sagt der Mann, der beruflich Kampagnen initiiert und eine solche nun mit erkennbarer Freude gegen den Nationalpark führt. Er sei gespannt darauf, wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann reagieren werde, wenn ihm das Ergebnis ihrer Unterschriftensammlung präsentiert würde. Diese Zahl, so Fischers Prognose, werde "deutlich höher sein" als die vom Ministerium angeschriebenen 120.000 Haushalte.

"Der Ministerpräsident will die Bürgerbeteiligung - jetzt hat er sie." Mehr von seiner Strategie will Andreas Fischer noch nicht verraten. Nur so viel: man werde sich auf Baiersbronn konzentrieren. Das sei die Heimatgemeinde des Ministers Bonde. Obendrein liege "im Bereich Tourismus viel Sprengkraft".

Baiersbronn will das Gutachten abwarten

Ob dieses Kalkül aufgeht, ist keineswegs sicher. Die CDU-Fraktion im Baiersbronner Gemeinderat hatte beantragt, das Gremium solle gegen einen Nationalpark votieren, wie schon Forbach und Seewald zuvor. Mit knapper Mehrheit hielten Bürgermeister Michael Ruf und die Räte der Freien Wähler, der SPD, der BUB und der FDP dagegen. Baiersbronn - 15.000 Einwohner, mit knapp 819.100 Übernachtungen 2010 ein touristisches Schwergewicht im Land und mit sieben Michelin-Sternen das Mekka vieler Gourmets - will das Gutachten abwarten.

Dafür hatten auch der Freudenstädter Landrat Klaus Michael Rückert (CDU) und auch der Landtagsabgeordnete Norbert Beck (CDU) eindringlich geworben. Sogar Hermann Bareiss, der Patron eines der Spitzenhotels, hatte den Gemeinderat vor der Abstimmung angeschrieben. Er sehe "die Atmosphäre einer Gemeinde-, Freundes- und gar Familienspaltung" entstehen, ein Verhalten, das auch die Gäste als "abweisende Zwietracht" erlebten.

Um einen "Keil in eine Gesellschaft zu treiben", sagt Andreas Fischer lapidar, "gehören immer zwei".

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