Norweger in Stuttgart Ein Prosit mit dem Kleinen

Drei Norwegerinnen und ein Schwabe:  Sina, Zoe, Anita, Jörg Schmidt Foto: Lg/Zweygarth
Drei Norwegerinnen und ein Schwabe: Sina, Zoe, Anita, Jörg Schmidt Foto: Lg/Zweygarth

Es wird ein heißer Tanz am Montagabend in der Mercedes-Benz-Arena beim Länderspiel der Deutschen gegen Norwegen. Zumindest, wenn die Norweger so kicken können wie sie Weihnachten feiern. Da sind sie nämlich fast so gut wie beim Langlaufen, Skispringen und 400 Meter Hürden laufen, versichern schwäbische Norweger.

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Stuttgart - Die Oma hatte das Kommando. Sie gab vor, wann man zum kleinen Glas mit dem Linie Aquavit griff und wann zum großen Glas mit dem Festbier. „Prosit mit dem Kleinen“, sagte sie ziemlich oft. Die Oma nippte, der Schwiegervater kippte. Jörg Schmidt als guter Gast folgte dem Vorbild des Gastgebers. Es war schließlich das erste Weihnachtsfest bei der Familie seiner Zukünftigen in Tranby bei Oslo. Und bereute es spätestens als er mit der Ehre betraut wurde, die Geschenke zu verteilen. Knapp 25 Jahre später erinnert er sich noch lebhaft an diesen Tag.

Sie sitzen auf der Dachterrasse der media GmbH an der Marienstraße. An der privaten Hochschule ist Jörg Schmidt (47) geschäftsführender Gesellschafter. Seine Frau Anita (43), studierte Betriebswirtin, ist nach einigen Jahren bei einer Werbeagentur und bei Stokke ebenfalls eingestiegen. Und die beiden Kinder Zoe (14) und Sina (13) machen einen Ferienjob dort. Drei Norwegerinnen an einem Ort, das ist ziemlich selten in Stuttgart; 76 Norweger leben in der Stadt.

76 Norweger leben in der Stadt

Ein überschaubarer Haufen also. Früher einmal traf man sich einmal im Monat zum Stammtisch, erzählt Anita Schmidt. Und zur gemeinsamen Weihnachtsfeier – die mächtig Eindruck machte, auch bei den Wirten. „Wir durften in jedem Lokal genau einmal feiern“, sagt Jörg Schmidt und grinst. Ganz genau: Prosit mit dem Kleinen. In der Vereinsgaststätte des VfB tobte die Polonaise der Skandinavier durch alle Räume - auch durch die Küche.

Genau so gern wie er Weihnachten feiert, treibt der Norweger Sport. Und schaut dabei zu. 1994 waren die Schmidts in Lillehammer bei den Olympischen Spielen. Als Jens Weißflog beim Skispringen Espen Bredesen schlug, war kurz „die Stimmung am Abebben“, und ein Norweger pampte sogar Jörg Schmidt an. Das sei aber die große Ausnahme, versichert er. Die Norweger sind Patrioten. Bei den Festen trägt man Tracht. Auch Familie Schmidt ist dementsprechend ausgestattet. Jeder Balkon hat einen Fahnenhalter, wenn ein Familienmitglied Geburtstag hat, oder ein Mitglied der königlichen Familie, wird die Fahne gehisst. Ebenso am Nationalfeiertag, dem 17. Mai. Doch immer seien sie fair, versichert Schmidt.

Sein Schwiegervater schaue wie seine Landsleute jeden Mannschaftssport an, bei dem Norweger mitmischen. Manchmal gewinnen sie, ziemlich oft etwa die Handballerinnen, meistens verlieren sie aber. Was dem Schwiegerpapa den Kommentar entlockt: „Die Besseren sollen gewinnen.“ Für Schmidt völlig unverständlich. Und wenn die anderen tausendmal besser sind, so muss doch der VfB gewinnen. Was die Töchter zum Grinsen bringen, die erzählen, der Papa verbringe die Spiele stehend vor dem Fernseher, ansprechen dürfe man ihn nicht. Also geht es am Montag zum Länderspiel der Deutschen gegen Norwegen ? Da sind sie sich noch nicht einig. Die Mädchen würden gern, die Eltern schwanken. „Das Spiel kommt ja im Fernsehen“, sagen sie. Man ahnt, da wird noch verhandelt.

Getroffen haben sie sich auf Mallorca

Eine Zeitlang hatten sie überlegt, Anita Schmidts Vater einzuladen, als Geburtstagsgeschenk. Dann entschieden sie sich doch für einen Schiffstörn in einen Fjord. Was bei Anita Schmidt sofort die Sehnsucht weckte. „Hier fällt mir nicht auf, dass mir was fehlt. Erst wenn ich wieder in Norwegen bin, merke ich, was ich vermisse: den Geruch und das Geräusch des Meeres.“

1992 lernten sich Anita und Jörg kennen. Auf Mallorca, in einer Disco. Es war Liebe auf den ersten Blick. 1993 flog sie nach Stuttgart. Und staunte. Zuhause hatte man ihr erzählt, in Deutschland gebe es keine Wälder. Weil man glaubt, das Ruhrgebiet mit seinen Kohlehalden sei typisch für Deutschland. Der Flieger flog über Echterdingen eine Kurve; sie sah überall Bäume.

Als Nachfahrin von Wikingern hat man die Reiselust im Blut. „Nach dem Abitur gehen alle fort“, sagt sie. „Von meinen Freunden war keiner mehr da.“ So fiel ihr der Abschied leichter. Und bei allen Unterschieden wie dem fehlenden Meer, dem besinnlicheren Weihnachten, der Tatsache, dass in Norwegen keiner die Türe abschließt und man erst um 17 Uhr zu Mittag isst, so ist auch manches ähnlich. In Oslo wird gerne geputzt. „Bei meinen Eltern im Haus gibt es ein Kehrwochenschild.“

Der Stockbruch hat es zum Sprichwort geschafft

Klar, dass sich da der Schwabe Schmidt wohlfühlt. Er hat Norwegisch gelernt, isst an Weihnachten auch zu Hause in Leonberg einen Brocken Schweinebauch, Kraut, eigens eingeführte Weihnachtswürstchen. Solcherart gerüstet, hat er die norwegische Seele erkundet. Und weiß, auch wenn alle Norweger heute Fußball schauen, so schlägt nichts die Begeisterung für Langlauf. Ein geflügeltes Wort dort ist: „Weißt du, wo du warst, als Odvaar Brå der Stock brach.“ Das war 1982 bei der WM in Lillehammer. Im Staffelrennen hetzte Brå im Wettlauf mit einem Sowjetrussen durch den Schnee, sein Stock brach. Er gewann trotzdem. Vielleicht ändert sich das ja heute, womöglich sagt man künftig: „Wo warst Du, als Nordtveit das Siegtor gegen Deutschland erzielte.“ Das wäre wie Weihnachten. Darauf Prosit mit dem Kleinen.




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