Notfallseelsorge in Stuttgart Hinter der Tür wartet das Ungewisse
Eine Woche lang war der evangelische Stadtdekan Sören Schwesig als Notfallseelsorger 24 Stunden in Bereitschaft. Diese Erfahrung möchte er nicht missen.
Eine Woche lang war der evangelische Stadtdekan Sören Schwesig als Notfallseelsorger 24 Stunden in Bereitschaft. Diese Erfahrung möchte er nicht missen.
Es ist 1 Uhr Nachts. Der evangelische Dekan Søren Schwesig hat den Piepser an. Der schrillt so laut, dass eine Weiterschlafen unmöglich ist. Schwesig steht auf, ruft bei der Leitzentrale der Feuerwehr an. Dort ist die Notfallseelsorge angesiedelt. Schwesig erfährt: Eine 41 Jährige Frau will sich das Leben nehmen. „20 Minuten später ist der Dekan bei ihr. Bevor er sich nach einer knappen Stunde intensiven Gesprächs verabschiedet, verspricht sie ihm, sich nichts anzutun. Der Vorfall beschäftigt den Dekan: Zuhause sitzt er noch lang in der Küche, fragt sich, ob er alles richtig gemacht hat.
Søren Schwesig hat eine Woche lang neben seinem Amt als evangelischer Dekan den 24-Stunden-Bereitschaftsdienst in der Notfallseelsorge übernommen, war Teil des Stuttgarter Teams von 21 ehrenamtlichen sowie 22 pastoralen Notfallseelsorgerinnen und -seelsorgern der evangelischen und katholischen Kirche. Dazu kommt das Kriseninterventionsteam der Johanniter. Nach Auskunft von Andreas Groll, Leiter der Notfallseelsorge, werden seine Leute etwa sechs Mal pro Woche alarmiert. „Dieses Jahr ist ein Rekordjahr. Bis zum Jahresende haben wir um die 300 Einsätze“, stellt er fest. In den Vorjahren waren es um die 250 Einsätze. Am Häufigsten werden die Notfallseelsorger bei Selbsttötungsabsichten gerufen, gefolgt von Unfällen, Todesfällen , häuslicher Gewalt. Die Statistik deckt sich mit Schwesigs Erfahrungen: Sechs Mal wurde er gerufen. Zwei Einsätze musste er wegen wichtiger Termine als Dekan abgeben. Vier hat er übernommen: Eine weitere Selbsttötungsabsicht, zu der er am Freitag, 18 Uhr, gerufen wurde: der Mann stand schon dem Hochhausdach. Schwesig: „Zum Glück ist er nicht gesprungen. Seine Freundin hat mir versichert, dass sie keinen Beistand braucht. Bei den anderen Alarmen handelte es sich um Todesfälle: einer am gleichen Freitag, gegen 14 Uhr, der andere am darauffolgenden Samstag gegen 18 Uhr:
Der Freitag: Ein 63-Jähriger besucht seinen 83-jährigen Freund, hat Kuchen mitgebracht. Beide wolle einen schönen Nachmittag verleben. Dem Älteren wird schlecht, er legt sich hin, stirbt. Schwesig: „Für den Freund eine Schock. Notärztin und Sanitäter kommen in die Wohnung, zwei Polizisten, die Bestatter. Und er, Søren Schwesig. „Ich fragte, ob ich ein Gebet und den Segen sprechen darf, um der Situation einen würdigen Rahmen zu geben. Der Freund war einverstanden. Dann ging es darum, was zu tun ist: Banales wie verderblich Lebensmittel aus dem Kühlschrank zu räumen, bevor die Wohnung versiegelt wird. Schwesig hilft dabei, fragt, was dem Freund gut tun könnte. Drei Stunden ist er mit dem Freund zusammen. Schwesig: „Unvorstellbar, so ein Abschied“.
Am Samstag: Schwester, Sohn und Neffen kommen, um einem 84-Jährigen schonend mitzuteilen, dass seine Lebensgefährtin verstorben ist. In der Wohnung ist es still. Die Verwandten gehen durch die Zimmer, finden den 84-Jährigen tot auf. Schwesig: „Wichtig ist es, die Menschen in solchen Extremsituationen zum Sprechen zu bewegen. Dadurch können sie los lassen, sodass sich das Geschehen nicht zum Trauma verfestigt.“ Gebet und Segen werden in diesem Fall nicht gesprochen. „In der Wohnung waren Buddha-Köpfe aufgestellt. Ein Gebet wäre nicht passend gewesen“, vermutet Schwesig.
Wichtig ist dem Dekan, nicht als Pfarrer, sondern als anteilnehmender Mensch für seine Nächsten da zu sein. „Ich muss mir bei den Einsätzen darüber klar sein, was meine Rolle ist. Und die des Mitmenschen.“. Problematisch bei den Einsätzen sei, dass man nie wisse, was sich hinter der Türe abspielt, durch die man geht. „Ich weiß nur, dass ein Mensch so verzweifelt ist, dass er nicht mehr Leben will, oder dass es einen Toten gibt, mehr nicht.“
Um mit diesen Situationen richtig umgehen zu können, werden sowohl die pastoralen wie die ehrenamtlichen Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger geschult. Der Kurs für die Ehrenamtlichen dauert knapp zwei Jahre, in denen 170 Stunden Psychologie und seelsorgerische Gesprächsführung unterrichtet werden. Bei den pastoralen Seelsorgern sind es um die 100 Stunden, da schon Vorkenntnisse haben.
Für den evangelischen Dekan ist klar: Im Frühjahr wird er wieder als Notfallseelsorger 24 Stunden Bereitschaftsdienst übernehmen: „Es ist ein wichtiger Dienst. Die Begleitung von Menschen in Extremsituationen und das Gefühl, geholfen zu haben, ist bereichernd“, stellt Schwesig fest.
Der nächste Informationsabend für Interessenten an der ehrenamtlich Notfallseelsorge ist am Dienstag, 29. November, in der Feuerwache 2, Weimarstraße 36.