Notino eröffnet Filiale in Stuttgart Kampfpreise stinken den Parfümerien

Von Martin Haar 

Der Kosmetik-Händler Notino fährt eine aggressive Preispolitik. In seiner Filiale im Gerber kosten die Produkte genau so viel wie im Internet – und damit bis zu 40 Prozent weniger als bei der Konkurrenz. Das beunruhigt manche Händler.

Notino hat seine Filiale im Gerber eröffnet. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 5 Bilder
Notino hat seine Filiale im Gerber eröffnet. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Der vom Internet gebeutelte Einzelhandel in Stuttgart steht seit Freitag vor einer neuen Herausforderung. Speziell die Kosmetik- und Parfümerie-Händler befinden sich nun in einem aggressiven Preiskampf. Denn Europas größte Kosmetik-Online-Händler Notino startet in seiner stationären Niederlassung im Gerber etwas einzigartiges Neues in der Stadt und wohl auch über die Grenzen von Stuttgart hinaus: Alle Produkte, die auch im Onlinestore von Notino erhältlich sind, bekommt der Kunde im Gerber zum jeweils aktuellen Onlinepreis. Der Preisunterschied zwischen dem allgemeinen Ladenpreis und dem Onlinepreis soll dann bis zu 40 Prozent ausmachen, so die Ansage von Notino-Expansionsleiter Mathias Mußler. Der Stuttgarter hatte zuletzt Anteile seiner gleichnamigen Parfümerie an Notino und vor wenigen Wochen alle seine Filialen an das Bietigheimer Familien-Unternehmen Allert verkauft.

Mathias Mußler, der in diesen Tagen in Wien die 23. Notino-Filiale eröffnet, spricht im Zusammenhang mit dem neuen Modell seines Arbeitgebers von einer Revolution im Handel. „Das Ganze nennt sich Dynamic Pricing“, erklärt Mußler. Bedeutet: Täglich wird der Preis für die Waren neu ausgezeichnet. Man müsse sich die Preisfindung analog dem Vorgang an der Börse vorstellen. Notino orientiert sich auch an den Preisen der Mitwerbewerber im Netz, legt dann seinen jeweiligen Produktpreis im Internet fest und gleicht ihn täglich in der Filiale in Stuttgart an. „Theoretisch könnten wir den Preis auch im Laufe des Tages immer wieder neu anpassen“, sagt Mußler, „aber darauf verzichten wir.“

16 Euro Preisunterschied bei einem Parfüm

Eine Stichprobe in der Stuttgarter Innenstadt zeigt, dass die Preise für ein Parfüm stark variieren. Das Testobjekt kommt aus dem Hause Issey Miyake und heißt L’Eau D’Issey Pour Femme. 25 Milliliter des Duftwassers kosten bei Douglas, bei Breuninger und den ehemaligen Mußler-Filialen jeweils 44 Euro, bei Heudorf 46,50 Euro und beim Discounter Müller 35,20 Euro. Der Ausreißer nach unten kommt von Notino: Im Internet – und damit auch im Gerber – kostet der Duft 33,61 Euro.

Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes, ahnt: „Diese Preissenkung ohne Ende könnte mittlere und kleinere Händler auf Dauer kaputt machen.“ Für Hagmann ist diese Form des verschärften Wettbewerbs im Einzelhandel ein Novum. „Mir ist nicht bekannt, dass es so etwas schon gibt“, sagt sie und äußerst gleichzeitig Skepsis: „Ich bin gespannt, ob sich das auf Dauer durchsetzt.“ Zudem bezweifelt sie, dass sich die Verschmelzung des Online- mit dem Offlinepreis im Beauty-Segment auf große Anbieter wie etwa Douglas überträgt. Auch den Sprung auf andere Branchen hält sie für unwahrscheinlich: „Ich glaube nicht, dass andere da nachziehen.“

Ein Grund für ihre Annahmen sind Umfragen unter Konsumenten. Die hätten ergeben, dass der „Kunde dauerhafte und vor allem faire Preise will“. Der Markt spiegele diesen Konsumentenwunsch auch wider, sagt Hagmann: „Im stationären Handel bleiben innerhalb eines Monats 88 Prozent der Preise stabil, online sind 57 Prozent.“

Im Sommer eröffnet Zalando in der City

Mit leichtem Unbehagen schaut auch Rainer Bartle, Geschäftsführer des Buchhauses Wittwer, auf das „Dynamic Pricing“. Und das obwohl seine Branche durch die Buchpreisbindung von dieser Entwicklung verschont ist. „Uns betrifft es ja nicht direkt“, sagt er, „aber ich halte das für eine wahnsinnige Entwicklung, die noch den einen oder anderen erschüttern wird. Ähnlich sieht es Florian Henneka, Inhaber des Traditionsladens Korbmayer. „Ob das marktförderlich ist?“, fragt er rhetorisch, macht sich aber keine Illusionen: „Am Ende wird der Konsument entscheiden, was ihm wichtiger ist. Ob er sein Geld einem Unternehmen gibt, das hier keine Steuern zahlt oder einer Firma, die in Stuttgart Arbeitsplätze schafft und hier versteuert.“ Er selbst und andere könnten sich nicht vorstellen, so einen Preiskampf mitzugehen. Qualität in der Beratung und dem Service haben ihren Preis, ganz unabhängig von Miete und Mietnebenkosten.

Eine Verkäuferin der Traditions-Parfümerie Heudorf bestätigt: „Solche Preise können wir nicht anbieten. Auch weil wir und wahrscheinlich selbst Breuninger zu ganz anderen Bedingungen einkauft als Notino.“ Sie rechnet damit, dass sich der bisherige Trend nun verstärkt: Kunden ließen sich im Fachhandel beraten, kaufen dann aber Online – oder nun bei einem der stationären Onlinehändler.

Florian Henneka weiß, dass sich das Rad im Einzelhandel nicht mehr zurückdrehen lässt: „In ein paar Jahren wird es ohnehin keine reinen Online- und Offlinehändler mehr geben. Alles wird unter dem Stichwort Multi-Channeling zusammenwachsen.“ Bedeutet: Immer mehr Onlinehändler suchen ihren Erfolg auf der Fläche, und jeder stationäre Händler muss im Netz vertreten sein. „Wir sehen dies ja auch bei der Eröffnung von einem Zalando-Laden im Sommer in der Hirschstraße“, sagt Henneka und schließt der Einschätzung von Sabine Hagmann an: „Es wird sehr, sehr spannend.“

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