Notlage im Kreis Böblingen Sind wir auf den Katastrophenfall vorbereitet?

In der Integrierten Leitstelle im Röhrer Weg in Böblingen arbeiten Feuerwehr und DRK Hand in Hand. Foto: Stefanie Schlecht

Hochwasser, Energiekrise und andere Notlagen: Die Böblinger Verwaltung und die Feuerwehr sind stetig damit beschäftigt, für den Ernstfall zu planen.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Was passiert eigentlich, wenn der Strom ausfällt? Wie kommuniziert man, wenn es kein Netz gibt? Es sind Fragen über Fragen, mit der sich die Stadtverwaltung Böblingen und die Feuerwehr seit einiger Zeit konfrontiert sieht. Denn Einsatzkräfte in Böblingen und darüber hinaus sind nicht nur zuständig für alltägliche Unfälle, sondern müssen sich auch auf Großunglücke und lange anhaltende Krisen vorbereiten.

 

Der Ernstfall wurde nicht sehr ernst genommen

Nicht nur auf kommunaler Ebene werden Pläne konzipiert. Der Bund plant mit höheren Ausgaben für die Bundeswehr – in seiner ersten Regierungserklärung sprach der neue Bundeskanzler Friedrich Merz jüngst sogar davon, die deutschen Streitkräfte zur „stärksten Armee Europas“ zu machen.

Die Stadt Böblingen hat bereits 2019 den Prozess angestoßen, sich auf den Ernstfall vorzubereiten. In einer Gemeinderatssitzung stellte damals die Feuerwehr vier Themen vor, die zunächst bearbeitet werden sollten.

„Brauchen wir das überhaupt?“

Damals jedoch war der Gesprächsbedarf hoch, kann sich der Böblinger Feuerwehrkommandant Thomas Frech erinnern. Es sei eine Zeit gewesen, in der zunächst für die Themen Sicherheit und Katastrophenschutz sensibilisiert werden musste, erklärt er: „Brauchen wir das überhaupt?“, wurde da gefragt. Schließlich jedoch veranschlagte der Böblinger Gemeinderat 1,2 Millionen Euro für den Katastrophenschutz.

Die Theorie wurde dann schneller zur Realität als gedacht: Im März 2020 brach die Corona-Pandemie aus und versetzte den Kreis Böblingen – wie die gesamte Welt – in einen Ausnahmezustand. „Im Jahr 2021 folgte dann die Flut im Ahrtal“, erzählt Frech. Eine Naturkatastrophe, bei der mehr als 180 Menschen ihr Leben verloren. Neben der Pandemie ein weiteres Großereignis, das den Bevölkerungsschutz auch auf kommunaler Ebene weiter in den Fokus rücken ließ.

Es gibt noch keinen abgeschlossenen Masterplan

„Da hat man dann schon gemerkt, dass wir auf große Krisen nicht mehr vorbereitet sind“, sagt Thomas Frech. Während die Feuerwehr im Alltagsgeschäft in den letzten Jahren immer besser geworden sei, seien lange anhaltende Krisensituationen eher vernachlässigt worden. „Es hat eben lange Zeit keinen Anlass gegeben, sich Sorgen zu machen“, sagt der Kommandant.

Seit rund fünf Jahren allerdings ist der Krisenmodus beinahe zum Normalzustand geworden: Pandemie, Hochwasser, Unterbringung von Geflüchteten, Russlands Angriff auf die Ukraine und die folgende Energiekrise. „Wir arbeiten momentan daran, dass wir für 72 Stunden aus eigener Kraft heraus auf Krisen reagieren können“, erklärt Thomas Frech. Das seien Fälle, in denen auch Nachbarorte nicht zur Hilfe eilen könnten, weil ganze Regionen außer Gefecht gesetzt seien.

Das Sirenenkonzept zieht Kreise

Vier Schwerpunkte haben sich das Ordnungsamt unter Gisa Gaietto und die Feuerwehr gesetzt: Was tun, wenn der Strom ausfällt? Was tun, wenn es kein Trinkwasser gibt? Wie kann die Bevölkerung informiert werden? Wie kommunizieren die Einsatzkräfte bei Stromausfall?

Momentan würden Beschaffungen eingeleitet und Einsatzkonzepte ausgearbeitet – einen abgeschlossenen Masterplan hat aber auch die Stadt Böblingen noch nicht.

Trotzdem gibt es greifbare Fortschritte: Zunächst startete die Stadt mit einem eigenen Sirenenkonzept, das sich mittlerweile zu einem kreisweiten Projekt entwickelt hat: An rund 30 Standorten sollen in Zukunft in Böblingen Sirenen montiert werden. Thomas Frech schätzt allerdings, dass diese erst im Jahr 2027 einsatzbereit sind.

Dann jedoch kann die Bevölkerung nicht nur mit einem durchdringenden Signalton vor Gefahren gewarnt werden, auch Durchsagen sind dann über die Anlagen möglich: „In solchen Situationen ist es sehr wichtig, der Bevölkerung mitteilen zu können, was als nächstes zu tun ist“, erklärt Frech. Auch die Warn-App Nina vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz sei ein wichtiger Informationskanal im Krisenfall.

Gibt es noch Bunker in Böblingen

„Wenn Kommunikationskanäle zusammenbrechen sollten, können auch die sogenannten Notfalltreffpunkte helfen“, erklärt Ordnungsamtsleiterin Gisa Gaietto. Die sieben festgelegten Standorte sind auf der Webseite der Stadt Böblingen zu finden.

Und wie sieht es mit Schutzräumen im Kreis Böblingen aus? Gibt es noch Bunker? Pressesprecher Gianluca Biela schüttelt den Kopf. Früher wurde die Tiefgarage am Marktplatz als Bunker vorgesehen, doch nach der Wende wurde die Instandhaltung eingestellt, sagt der Pressesprecher. Momentan gebe es auch keine Pläne, diesen zu reaktivieren, stellt er klar.

Wann genau alle Konzepte und Anschaffungen abgeschlossen sein werden, ist noch nicht absehbar. „Da braucht man einen langen Atem“, sagt Thomas Frech. Bis dahin heißt es dann wohl: Rette sich, wer kann.

Für den Notfall gewappnet

Notfalltreffpunkte in Böblingen
Parkplatz Friedhof Dagersheim, Talblickweg; Parkplatz S-Bahn Hulb, Dornierstraße; Parkplatz Jugendhaus „casa nostra“, Calwer Straße; Parkplatz Stadion, Silberweg; Parkplatz „Eisenbahner“, Im Zimmerschlag; Parkplatz Murkenbachhalle, Murkenbachweg; Sömmerdaplatz, Freiburger Allee.

Zuständigkeiten
Der Bund hat die Aufgabe Bürgerinnen und Bürger vor kriegsbedingten Gefahren (Zivilschutz) zu beschützen. Die Länder sind für den sogenannten Katastrophenschutz zuständig, der große Unglücke und Katastrophen in Friedenszeiten umfasst.

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