Notunterkunft bei der Schleyerhalle Die Leiden der 499 in der Warteschleife

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Ärzte des Klinikums kümmern sich um die Flüchtlinge aus der Notunterkunft bei der Schleyerhalle. Darunter ist ein Syrer, der einen Kopfschuss überlebt hat.

So sieht eine der Notunterkünfte in Stuttgart von innen aus. Foto: Lichtgut/ Piechowski
So sieht eine der Notunterkünfte in Stuttgart von innen aus. Foto: Lichtgut/ Piechowski

Stuttgart - Mohamad sitzt auf seinem Feldbett und schreibt das ABC. Das Lernen lenkt ihn ab von seinen Schmerzen. Der Syrer schläft abseits von den übrigen Flüchtlingen aus der provisorischen Notaufnahme in den Nebenhallen der Schleyerhalle. Die Verantwortlichen wollen ihm soviel Ruhe gönnen, wie es an diesem Ort möglich ist. Rechts neben den Haupteingang der Nebenhallen wurde eine provisorische Trennwand gestellt, dahinter befindet sich Mohamads bescheidenes Krankenlager. Zumindest nachts ist es etwas leiser.

Mohamad wurde in Syrien in den Kopf geschossen. Dort, wo ihn die Kugel traf, ist die Haut dünn und kaum mit Haaren bewachsen, kein Knochen, keine künstliche Platte schützt das Gehirn. Seine rechte Gesichtshälfte hängt herunter. In Syrien und in der Türkei wurde er operiert. Die Wunde war noch nicht verheilt, da machte sich Mohamad zu Fuß auf den Weg nach Deutschland – durch Griechenland, Mazedonien, Serbien und Österreich sei er marschiert. „Ich bin 16 Stunden am Tag gegangen“, sagt er leise und zieht die abgelaufenen Turnschuhe wie zum Beweis aus einer Plastiktüte. Als er die Grenze passierte, war die Kraft aufgebraucht. Da sei er ohnmächtig geworden. „Gott hat mich hierher geführt“, sagt er.

Regierungspräsidium schätzt Lage ruhig ein

Nun hofft Mohamad, schnell registriert zu werden – es ist der Wunsch aller 499 Flüchtlinge, die in der Notaufnahme untergebracht sind. Die Stimmung in den Hallen ist niedergeschlagen. Am Mittwochnachmittag hatten, wie berichtet, an die 80 Personen aus der Notunterkunft hinter der Absperrung protestiert und ihre schnelle Registrierung gefordert. Im Regierungspräsidium Stuttgart geht man aber nicht davon aus, dass die Lage in den nächsten Tagen eskalieren wird. Die Nacht sei ruhig verlaufen, die Lage wird von einer Sprecherin des Regierungspräsidiums inzwischen wieder als „anhaltend ruhig und friedlich“ eingeschätzt. Ob die Flüchtlinge nicht nur ruhig, sondern auch beruhigt sind, ist jedoch eine andere Sache.

Mohamad gehört nicht zu den lauten, die aufbegehren. Das ist nicht seine Art. Als Monika Münch-Steinbuch, eine ehemalige Ärztin aus dem Katharinenhospital, zu seinem Lager kommt, nach ihm sieht und ihn fragt, wie es ihm geht, nimmt er als Antwort ihre Hände und drückt sie. Nur sein linker Händedruck ist fest, stellt sie fest. Dass er den ganzen Fluchtweg bewältigt hat, deute aber darauf hin, dass die Wunde gut verheilt sei. „Der Knochendefekt ist dagegen vergleichsweise unproblematisch“, sagt die Ärztin im Ruhestand. Sie engagiert sich in der Sprechstunde, die es nun in der Notunterkunft gibt.

Die Menschen können die Einrichtung verlassen

Ein Stockwerk über dem Bereich, in dem die Flüchtlinge untergebracht sind, haben das Rote Kreuz und die Johanniter eine provisorische Hausarztpraxis aufgebaut. Hinter Trennwänden untersuchen Ärzte der Interdisziplinären Notaufnahme (INA) des Stuttgarter Klinikums die Flüchtlinge. Von der Betriebsamkeit in den Hallen bekommt man in der Ambulanz kaum etwas mit. Wenn man vor dem Eingang runter auf den Hof schaut, sieht man Menschen auf und ab gehen, ein Kind fährt mit einem gespendeten Dreirad umher. Wenn ein Flüchtling runter vom Gelände will, öffnen Sicherheitsleute die Gittertüren: Bei der Rückkehr muss er einen laminierten Namenszettel vorzeigen.

Drinnen in der kleinen Ambulanz schaut sich der Anästhesist Stephan Rauscher gerade das Knie eines Kosovaren an, der bei der Flucht von einem Lastwagen überrollt wurde. Dann untersucht er den mit einer Platte versorgten gebrochenen Kiefer des Patienten. Ihn plagten Kiefer- und Zahnschmerzen, so der junge Mann, der mit Vornamen Robert heißt. Er habe Schwierigkeiten zu essen. Ein Stuttgarter, dessen Eltern auch einmal aus dem Kosovo geflohen waren, übersetzt. Er weiß, sein Landsmann wird keine Chance haben auf Asyl. „Aber Robert sagt, dass er zurück geht, er will nur Hilfe wegen der Schmerzen.“

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