„Novitzky/Dawson“ im Opernhaus Stuttgarter Ballett tanzt auf Hochglanz poliert

David Moore (Mitte) ist der Protagonist, den Roman Novitzky in seinem neuen Ballett „The Place of Choice“ auf die Reise zur Hölle schickt. Foto: Stuttgarter Ballett/SB

Erst rostige Dystopie, dann auf Hochglanz poliertes Tanzparadies: „Novitzky/Dawson“, das neue Programm des Stuttgarter Balletts im Opernhaus, bietet so manchen Kontrast.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Nicht nur die titelgebenden Urheber versprechen einen echten Herrenabend. Auch die Hingucker, mit denen die Choreografen Roman Novitzky und David Dawson ihre neuen Stücke für das Stuttgarter Ballett am Freitag im Opernhaus eröffnen, sind männlich besetzt. David Moore ist der Protagonist in Novitzkys „The Place of Choice”. Und er fährt sich, den Rücken dem Publikum zugewandt, mit so zuckenden Händen über den Körper, dass der eine oder die andere auf den ersten Blick an ein Comeback von Marco Goecke glaubt.

 

Friedemann Vogel gehört die erste Szene in David Dawsons erstem Stuttgarter Auftragswerk. Es heißt etwas umständlich „Symphony No. 2: Under the Trees‘ Voices“ nach Ezio Bossos Musikstück, das es vertanzt. Auch wie Friedemann Vogel seine Partnerin Elisa Badenes nach oben dirigiert, wirkt kompliziert. Kühne Hebemotive, die Frauen wie Galionsfiguren schultern, gibt es zuhauf in diesem Ballett. Das ist nicht mehr ganz zeitgemäß, wie so manches andere in Dawsons Kosmos, der die Schönheit von Körpern in Bewegung regelrecht ausstellt. Doch der Sog, in den sich das 14-köpfige Ensemble tanzt, zaubert allen ein so seliges Lächeln ins Gesicht, dass sich Zweifel auflösen. Dafür gab’s so viel Applaus wie lange nicht mehr.

Musikalisch sind die Stimmungen fein nuanciert

So viele Bravo-Rufe für deren musikalische Begleitung auch nicht. Das Staatsorchester unter Mikhail Agrest behauptet sich im Dialog mit den elektronischen Zwischentönen in Henry Vegas Auftragskomposition für Roman Novitzky ebenso wie in der Modulation der seriellen Motive in Bossos „Symphony No. 2“. Klassikerzitate hier, nuancierte Stimmungen dort: Ein akustisches Erlebnis ist „Novitzky/Dawson“ auf alle Fälle.

Fremde Kräfte zerren an Novitzkys Reisendem

Ein Streicherton trägt David Moores Prolog, in dem der Tänzer wie von fremden Kräften in alle Richtungen gezerrt wird. Sie kippen ihn aus der Balance, lassen ihn taumeln und trudeln, während er seine Möglichkeiten an Fingern abzählt und die Zukunft aus hohlen Händen zu lesen versucht.

Der Reisende, der in Dantes „Göttlicher Komödie“ vom rechten Weg abkommt und in der Hölle landet, hat Roman Novitzky inspiriert. „The Place of Choice“ ist seine fünfte Kreation für die Kompanie, deren Artist in Residence er seit zwei Jahren ist. Und Vertrauen gehört schon dazu, Dantes ins Paradies führenden Weg umzukehren und in einem rostigen Niemandsland enden zu lassen.

Wetlook für Haare und Bühnenboden

Oder gute Zeitzeugenschaft. Die Klimakrise ist bestes Beispiel dafür, wohin viele falsche Entscheidungen führen. Dass Novitzky nicht höllische Feuer entfacht, sondern mit seinem Bühnen- und Lichtkünstler Yaron Abulafia auf dystopisches Nass und kühle Blautöne setzt, passt perfekt zu den Wetterwirren, die derzeit wirken. Wetlook für Haare und Bühnenboden ist die Antwort, die Novitzkys Ort der Entscheidung zu einem Raum ohne festen Grund macht.

Vom Akteur zum Manipulierten

Aliki Tsakalou hat David Moore als Jedermann in Grau gekleidet. Die neun Solisten sowie das 16-köpfige Ensemble, die ihn begleiten, tragen erst weiß, dann grau, schließlich schwarz. Nicht nur Kostüme, auch Licht und Bühne markieren den Weg vom Paradies zur Hölle, der sich ebenso im Miteinander spiegelt: David Moore wandelt sich in einer beeindruckenden Performance vom Akteur, der Paare in Beziehung setzt, zum Manipulierten und Unterdrückten, der nicht mehr gegen den Strom ankommt.

Gänsehautmomente fehlen

So klar lesbar die Erzählung ist, so spröde ist der Tanz darin. Alltägliche Bewegungsmotive, die wie die Dehnübungen einer Gymnastikrunde oder das umständliche Ausbuchstabieren von Bedeutung sind, fügen sich nur selten zum Fließen, das Tanz braucht. Und auch den großen Gruppen fehlen die Gänsehautmomente, welche die Energie vieler Menschen generiert. Stattdessen gibt es simple Geometrien und Bewegungen, wie Flüsterpost weitergereicht.

Szene aus David Dawsons „Symphony No. 2“ Foto: Stuttgarter Ballett/Yan Revazov

David Dawson zeigt, wie souverän ein Choreograf zig Stücke später seine Aufgaben löst. Zu routiniert perlen da die Bewegungen, werden Körper und ihre Akteure präsentiert. Der nüchterne Raum, den Eno Henze mit Stoffhängern und schmalen Leuchtelementen gestaltet hat, könnte auch ein Forsythe-Schauplatz sein. Dass Dawson zwei Jahre in Frankfurt tanzte, spiegelt sich in den überdehnten Posen, die seine Akteure einnehmen. Doch er nimmt, auch wenn er auf Spitze tanzen lässt, der Bewegung jede Härte. Begegnungen fehlt so das Potenzial für Reibungen und Tiefe, Tanz ist auf pure Schönheit reduziert. Im besten Fall lässt sich die Aufmerksamkeit, mit der hier alle einander begegnen, als Verbeugung vor dem Geist des Stuttgarter Balletts lesen, das mit offenen Armen Neues begrüßt.

Tolle Effekte, die sich selbst entzaubern

Das alles ist so raffiniert gestaltet wie die transparenten, schwarzen Kostüme von Yumiko Takeshima. Verblüffend etwa die Gruppenkonstellationen, die Dawson hervorzaubert – seien es die sieben Damen, die im Kreis wirbeln, oder die Männer, die er um eine Tänzerin gruppiert. Dennoch zielt zu vieles allein auf den tollen Effekt ab oder wirkt manieriert. Der Blick darauf ist wie der in ein Kaleidoskop, der erst staunen macht, sich bei jeder Wendung aber auch selbst entzaubert.

Info

Termin
„Novitzky/Dawson“ tanzt das Stuttgarter Ballett in dieser Spielzeit bis zum 22. Juli. Der Abend mit seinen beiden jeweils rund einstündigen Uraufführungen steht mit vier Vorstellungen erneut vom 29. September bis zum 9. Oktober auf dem Spielplan.

Abspann
In David Dawsons neuem Ballett „Symphony No. 2: Under the Trees’ Voices“ steckt so viel Schrittmaterial, dass der Choreograf drei Assistentinnen und Assistenten mitbrachte – unter ihnen ist mit Raphael Coumes-Marquet auch ein designierter Ballettdirektor, der sich von nächster Spielzeit an mit Bridget Breiner die Leitung des Balletts am Rhein teilen wird.

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