Die Stimmung wirkt feierlich-fröhlich. Alle haben sich fein herausputzt. In weißen Blusen und Hemden ziehen die Männer, Frauen und Kinder über die Pliensaubrücke in Esslingen. Manche Teilnehmende an diesem Demonstrationszug zum 1. Mai Anfang der 1930er Jahre schieben Kinderwagen. Musik gibt es auch. Und eine Fahne wird mitgeführt. Auf dem schwarz-weißen Originalfoto ist sie schwarz. Doch mit moderner Computertechnik hat Jörg Munder sie rot eingefärbt und die so leicht veränderte, historische Aufnahme in der Broschüre „Umarmung und Gewalt“ abgedruckt. In diesem Heft hat er zusammen mit Peter Schadt und anderen Autoren vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Region Stuttgart die Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nationalsozialisten vor 90 Jahren am 2. Mai 1933 auch im Landkreis Esslingen beleuchtet.
War es nur eine unheilvolle Vorahnung? Oder wussten sie, wie düster die Zukunft werden würde? „Die Arbeiter aller Länder gegen Faschismus und Krieg“ lautete das Motto des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) am 1. Mai 1932 auf der Esslinger Burg. Arbeitersportler und Arbeitersänger waren zu der Kundgebung gekommen. Ein Jahr später war alles anders. Die feierlich-fröhliche Stimmung der Vorjahre war verflogen. Zum 1. Mai 1933 gab es in Esslingen zwar Veranstaltungen unter der Federführung des ADGB. Doch die Nazis zogen im Hintergrund die Fäden und drückten dem Ablauf ihren Stempel auf.
Eine Hitler-Eiche wird gepflanzt
Alles war minutiös durchgetaktet. Nach dem Treffen um 10 Uhr auf dem Esslinger Marktplatz wurde auf der Maille eine Hitler-Eiche gepflanzt. „In einem vaterländischen Ausschuss organisiert, versammelten sich auch der Württembergische Frontkämpferbund, der Krieger- und Militärverein, die Regimentsvereinigung Württembergischer Offiziersbund, die Schützengesellschaft Esslingen und andere mehr an diesem 1. Mai“, heißt es in „Umarmung und Gewalt“.
Der 1. Mai 1933 war nur noch eine Farce, ein Abklatsch früherer Demonstrationen, eine Fassade, um die Illusion scheinbarer Kontinuität aufrechtzuerhalten. Doch die Arbeiterbewegung war schon zuvor destabilisiert worden – durch Terror und Gewalt. 1931 war das Gewerkschaftshaus in der Kanalstraße am Standort der heutigen Hochschule Esslingen in der Stadtmitte von der Sturmabteilung (SA), der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP, überfallen worden. Weitere Sturmattacken folgten, und im Februar 1933 kam es zu Schießereien rund um das Gewerkschaftshaus in der Kies- und der Kanalstraße. Das Erscheinen der Metallarbeiterzeitung wurde verboten und bald darauf ein gleichgeschaltetes Blatt herausgegeben. Dann holten die Nazis zum letzten vernichtenden Schlag aus: Am 2. Mai 1933 wurde das Gewerkschaftshaus besetzt und die Arbeitervertretung zerschlagen. Einige Schauplätze der Ereignisse von 1933 sind inzwischen aus dem Stadtbild verschwunden. Die Gewerkschaften zogen 1978 an ihren heutigen Standort in der Julius-Motteler-Straße um. Das einstige Gewerkschaftshaus in der Kanalstraße wurde 1989 abgerissen.
Zerstrittenheit und Zersplitterung
Doch die Erinnerung an die Vorgänge vom 2. Mai 1933 soll bleiben. Wie konnte es so weit kommen? Die einst so starke Arbeiterbewegung, sagt Peter Stadt, war schwach geworden. Nach Höhenflügen zu Beginn der Weimarer Republik waren Anfang der 1920er Jahre die Mitgliederzahlen zurückgegangen. Der sinkende Organisationsgrad sei wohl auch der Grund dafür gewesen, dass die gewerkschaftliche Verwaltungsstelle Nürtingen ihre Eigenständigkeit einbüßte und 1925 an Esslingen angegliedert wurde. Die Wirtschaftskrise 1929 mit hohen Arbeitslosenzahlen und Existenzängsten verursachte weitere Bedeutungsverluste. 44 Prozent der Mitglieder des ADGB, weiß Jörg Munder, hatten keinen Job: „Für einen Generalstreik wären sie nicht handlungsfähig gewesen.“
Einigkeit hätte vielleicht stark gemacht. Doch die Arbeiterbewegung war in Fragen der Weltanschauung zersplittert. Kommunisten und Sozialdemokraten misstrauten einander. In der Region Stuttgart, sagt Schadt, wurde der Gewerkschafter Willi Bleicher Ende der 1920er Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei-Opposition (KPD-O). Sie wollte sich vom Kurs der KPD abgrenzen, die sich ihrer Meinung nach zu eng mit der russischen Sowjetunion unter Diktator Josef Stalin verband. Manche Gewerkschafter mochten auch glauben, man könne sich mit den Nazis arrangieren, um die Interessen der Arbeiter weiter vertreten zu können.
Das Schicksal von Eugen Munder
Doch die Einschüchterungen waren brutal. Jörg Munder kann das am Beispiel des Lebensweges seines Großvaters Eugen Munder belegen: „Für ihn war die Welt proletarisch.“ Der als uneheliches Kind im Arbeiterviertel der Pliensauvorstadt Geborene war Mitglied der KPD und Vorsitzender des Arbeiterturnvereins Esslingen. Als am 20. Juni 1933 das Waldheim auf dem Zollberg, ein Treffpunkt der Arbeiterschaft, brannte, blieb der Grund für das Feuer unklar. Die Täterschaft der SA konnte nur vermutet werden. Doch die Nazis verhafteten Mitglieder der Arbeiterbewegung als angebliche Brandstifter. Auch Eugen Munder wurde zusammengeschlagen, misshandelt und in das KZ Heuberg verschleppt. Als gebrochener Mann wurde er entlassen. 1958 ist er verstorben.
Die Broschüre „Umarmung und Gewalt“
Personen
Der 61-jährige Esslinger Jörg Munder und der 1988 in Stuttgart geborene Peter Schadt sind beide Gewerkschaftssekretäre beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Region Stuttgart. Sie haben in der Redaktion der Broschüre „Umarmung und Gewalt“ auch an den Abschnitten über den Landkreis Esslingen mitgearbeitet.
Broschüre
„Umarmung und Gewalt“ wurde vom DGB Baden-Württemberg sowie dem DGB der Region Stuttgart herausgegeben. Die Broschüre handelt von der Zerschlagung der Gewerkschaften in Baden-Württemberg durch die Nationalsozialisten am 2. Mai 1933. Das Heft mit vielen Bildern und Zeitdokumenten kann unter dem Link https://stuttgart.dgb.de/zerschlagung-der-gewerkschaften heruntergeladen werden.